Ein packenderes Halbfinale kann man sich nicht wünschen. Judd Trump gegen Mark Williams und John Higgins gegen Shaun Murphy: Das sind zwei Traumpaarungen in der Vorschlussrunde beim Shanghai Masters. Nach der tagesaktuellen Rangliste (also mit den bisher schon in Shanghai gewonnenen Punkten) spielen dort die Nummern zwei, drei, vier und fünf der Weltrangliste. Snookerfan, was willst Du mehr. Und es ist ja kein Zufall, dass dieses Quartett im Halbfinale steht. Der Turnierverlauf in Shanghai wirkt beinahe so, als sei es zwangsläufig darauf hinausgelaufen. Einen Tipp auf den Sieger zu wagen grenzt da wohl an Wahnsinn. Aber einen genaueren Blick kann man ja mal auf die vier Aspiranten werfen:
Judd Trump: Der freche Jüngling ist erwachsener geworden. Er selber hat zugegeben, dass er seine Top-Form noch sucht. Deshalb verzichtet er häufig auf seine berühmten „Frechheiten". Aber umso höher ist einzuschätzen, wie er sich bisher in Shanghai durchgesetzt hat. Das war nämlich im wahrsten Sinne des Wortes eine reife Leistung. Sein Safety-Spiel hat ein neues Niveau erreicht. Taktisches Verständnis und Können bewies er ebenso wie die Fähigkeit, unter Druck genau das Richtige zu machen. Bestes Beispiel war das Ende seines Viertelfinales gegen Graeme Dott: Nach der 108 von Dott war Trump schon der Druck anzumerken, aber es setzte es am Ende produktiv mit einem 101 um.
Mark Williams: „The Welsh Potting Machine" ist gegen Mark Davis mit einer starken Leistung in das Turnier eingestiegen, aber danach scheint er in der Arbeitsmodus gewechselt zu sein. Aber mit seinem bemerkenswerten Phlegma kann er auch Frames gewinnen, wenn er sich die Punkte einzeln vom Tisch kratzen muss. Das macht ihn nicht nur gefährlich, sondern das kann dem Gegner auch jeden Nerv rauben. Und man weiß nie, wann der Freund schneller Freizeitbeschäftigungen wieder auf das Gaspedal drückt. Ein Fragezeichen allerdings bleibt: Wie sehr behindert ihn die Handverletzung, die er sich zugezogen hat, als er mit einem Segway in eine Wand gekracht ist?
John Higgins: Erkältung hin, entzündete Augen her — der Schotte ist immer dann besonders gefährlich, wenn es eng für ihn wird. Schon bei seinem 5:2 über Jamie Jones spielte er gut, und sein 5:0 gegen Ryan Day deutete an, dass er in Form kommt. Zwar hätte er den Job gegen Ali Carter schneller erledigen müssen, aber auch nach seiner vergebenen frühen Siegchance zeigte er, was ihn so gefährlich macht. Sein Allround-Spiel ist noch immer der Maßstab, und seine unnachahmliche Klasse in entscheidenden Situationen wird von allen Gegnern gefürchtet.
Shaun Murphy: Nach holprigem Start gegen Dominic Dale scheint die Offensiv-Lawine ins Rollen zu kommen. Natürlich stand Stuart Bingham im Viertelfinale neben sich, aber der „Magician" hat auch gar nicht zugelassen, dass Bingham sich irgendwie sortieren kann. Was Murphy in diesem Match an langen Bällen gelocht hat war phantastisch. Aber er hat auch andere Waffen, um seine Gegner in Verlegenheit zu stürzen. Wenn seine Breaks noch etwas konstanter fallen, dann ist er schwer zu stoppen.
Jeder der vier hat das Zeug, am Sonntag den Titel zu holen. Gewiss ist nur eines: Beim fünften Shanghai Masters gibt es den fünften unterschiedlichen Champion. Und sicher ist auch, dass ein großer Halbfinaltag vor uns liegt. Darauf freue ich mit.
Viel Spaß und beste Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb

