Ronnie und RonnieErst einmal herzlichen Glückwunsch an Ronnie O'Sullivan! Sein Titelgewinn gestern in Sheffield war nicht nur hoch verdient, sondern kam auch beinahe zwangsläufig. Ich will nicht unbedingt sagen, dass diese WM das beste Turnier seiner Karriere war (das würde er wohl auch nicht so sehen), aber wir haben über die 17 Tage einen Ronnie O'Sullivan erlebt, wie wir ihn lange nicht mehr gesehen haben: immer konzentriert, immer geduldig, immer diszipliniert, immer mit erkennbarem Willen und mit einer herausragenden Klasse in allen Bereichen des Snooker — egal, ob es ums Lochen, um Safeties oder um Taktik ging.
Und nun? Ronnie O'Sullivan will eine mehrmonatige Pause einlegen, um sich um seine Familie zu kümmern und die Batterien aufzuladen. Das ist sein absolutes Recht. Niemand kann ihn zwingen, alle Turniere zu spielen. Und Angst vor Strafe muss er auch nicht haben. Ärger riskiert, wer für ein Turnier meldet, dann aber nicht antritt. Wer aber gar nicht erst für ein Turnier meldet, der ist eben einfach nicht dabei — Punkt; so einfach ist das.
Auch Stephen Hendry hat ja den vollen Terminkalender als einen der Gründe für seinen Rücktritt genannt. Von Erpressung zu sprechen halte ich aber für ein bisschen hoch gegriffen. Dass einige Spieler nicht in Top-Form zur WM gekommen sind halte ich nur bedingt für eine Folge des (für die Spieler ungewohnt) vollen Terminkalenders. Diese Spieler haben zunächst einmal in ihrer WM-Vorbereitung etwas falsch gemacht. Und es gab ja auch früher, als nur acht oder gar sechs Turniere im Jahr gab, immer Spieler, die ihn Sheffield schon vor Beginn platt waren. Saisonplanung heißt das Zauberwort; in vielen Sportarten gehört das für die Aktiven selbstverständlich dazu, und das müssen auch die Snookerprofis lernen.
Saisonplanung heißt das Zauberwort
Ich verstehe auch Barry Hearn. Der muss für eine brummende Tour sorgen, um Snooker im Konzert der Profisportarten möglichst weit vorne zu halten. Das massive Wachstum an Preisgeld in den letzten beiden Jahren ist ja nicht vom Himmel gefallen. Der andere Weg führt dahin, dass Snooker irgendwann wieder im Hinterzimmer landet. Man findet sich nett, man hat Spaß, aber irgendwann wird auch bei der Weltmeisterschaft nur um 450 Pfund Preisgeld gespielt (wie bei den Damen). Das kann auch nicht im Interesse der Spieler sein.
Für die Spieler wird das aber auch heißen, dass sie ihre Saison sorgfältig planen müssen. Wer vor der WM zuviel spielt, der macht einen Fehler; wer zuwenig Turniere spielt allerdings auch. Es wird dazu führen, dass viele Spieler nicht für alle Turniere melden. Das kann durchaus einen (auch von Barry Hearn gewünschten) Nebeneffekt haben: Um ein möglichst attraktives Teilnehmerfeld zu haben müssen die Turnier-Veranstalter den Spielern auch was bieten. Das kann langfristig zu einer weiteren Steigerung des Preisgeldes sorgen.
Wenn ich Ronnie allerdings richtig interpretiere, dann wünscht er sich eine Regelung, die die Ranglisten-Position der Spitzenspieler schützt. Da sehe ich Konfliktpotential. Erbhöfe sind Barry Hearn ein Gräuel. Da ist der Mann ein absoluter Leistungs-Fetischist.
Herzliche Grüße und Danke für eine tolle Saison
Ihr / Euer Rolf Kalb
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