WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Oliver Kahn

    Was wir von den Spaniern wirklich lernen sollten!

    Liebe Fußball-Fans,

    nach dem 4:4 gegen Schweden mussten sich Spieler und Verantwortliche der deutschen Nationalmannschaft wegen des vergeudeten Vier-Tore-Vorsprungs heftige Kritik gefallen lassen. Es fehle an "taktischer Flexibilität", kritisiert der "Kicker", die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, die DFB-Elf spiele "begnadet, aber auch pubertär, unreif und orientierungslos", die "Bild" fragt, ob Joachim Löw "noch Kraft für die WM" habe und bemängelte das "Fehlen von Führungsspielern und echten Kerlen".

    Eine deutliche Mehrheit der Fanorakel-User hält das 4:4 nicht für einen Ausrutscher, sondern sieht bei der DFB-Elf grundsätzliche Probleme. Die Partie gegen Schweden wird offenbar in einen direkten Zusammenhang mit dem EM-Aus gegen Italien gestellt. Auf fanorakel.de meint eine eindeutige Mehrheit zudem, dass in Löws Kader Führungsspieler fehlen, knapp die Hälfte der Fans bewertet Löws Spielweise als zu offensiv und eine deutliche Mehrheit glaubt, dass Deutschland mit Löw nie einen Titel gewinnen wird.

    Die Skepsis der Fans ist eine neue Erfahrung für Jogi Löw, der seit Amtsantritt 2006 fast ausschließlich Zustimmung für seine Arbeit erhalten hat. Die Gründe für die  zunehmend kritische Betrachtung sind vielschichtig.

    Keine Antworten auf Balotelli, Ibrahimovic und Drogba

    Die Nationalmannschaft hat in diesem Jahr 1,69 Gegentore im Schnitt kassiert, das ist der schlechteste Wert seit 1964. Bei fast allen Treffern der Schweden waren die Deutschen in Überzahl, standen aber nur im Raum. Gerade in Momenten wie nach dem 4:2, dem ein Stellungsfehler von Badstuber vorausging, ist es elementar, bei Zweikämpfen körperlich präsent und aggressiv zu sein. Der Gegenspieler muss spüren, dass heute nichts mehr geht. Die intelligente Zweikampfführung, die Löw verlangt, um Freistöße in der eigenen Hälfte zu verhindern, ist grundsätzlich richtig. Aber sie darf kein Dogma sein.

    Nicht jede Situation kann spielerisch gelöst werden. Wenn es gegen Spieler geht, die körperbetont und schmutzig agieren, müssen wir darauf die entsprechenden Antworten haben. Es ist kein Zufall, dass die Schreckgespenster des deutschen Fußballjahrs 2012 Balotelli, Ibrahimovic und Drogba heißen - bullige Typen, die mit allen Wassern gewaschen sind und kaltschnäuzig ihre Chancen erzwingen und nutzen.

    Es entspricht der deutschen Philosophie, in fast allen Phasen der Partie den Gegner zu dominieren und hoch zu stehen. Mit Özil, Götze, Reus, Podolski, Müller und Kroos haben wir viele kreative Spieler, die vor allem offensiv denken und für ein großes Spektakel sorgen. Als Vorbild für diese Spielweise führt Löw gerne die Spanier an.

    Die Spanier haben sich die deutschen Tugenden abgeschaut

    Wenn ich in den letzten Jahren mit spanischen Nationalspielern gesprochen habe, entstand sehr oft der Eindruck, dass sie früher geradezu neidisch auf den deutschen Fußball geschaut haben. "Wir haben den schöneren Fußball gezeigt, aber ihr habt immer die Titel gewonnen", lautete der Tenor. Aber dann hat der spanische Fußball angefangen, die typisch deutschen Eigenschaften wie Willenskraft, taktische Disziplin, Zweikampfhärte und Niemals-Aufgeben zu verinnerlichen. Und: Die Spanier haben erkannt, dass jedes offensiv ausgerichtete System nur erfolgreich sein kann, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, verlorene Bälle sofort wieder zurück zu erobern. Diese Haltung ist zu einem der wichtigsten Bestandteile ihres Spiels geworden.

    Von den Spaniern sollten wir jetzt lernen, die offensive Ausrichtung mit unseren bewährten Tugenden zu verbinden. Dass die Attraktivität des Spiels darunter nicht leiden muss, hat der Welt- und Europameister in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen.

    Zum historischen 4:4 gegen Schweden haben wir auf www.fanorakel.de ein Top-Thema mit einem halben Dutzend Votings vorbereitet. Fans wissen mehr — vote mit!

    Euer Oliver Kahn

    Zurück zur Übersicht

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Oliver Kahn

    Der 86-fache Nationaltorhüter gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. Zudem wurde Oliver Kahn dreimal als „Welttorhüter des Jahres“ ausgezeichnet. Auch nach dem Karriereende 2008 blieb der „Titan“ aktiv. Neben seinem BWL-Studium, und mittlerweile drei Buchveröffentlichungen, gründete er eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Und: Kahn rief das Meinungsportal fanorakel.de ins Leben. Die „Stimme der Fans“ steht auch im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Kolumne für Yahoo! Eurosport.

    Vor kurzem gepostet