Nationalspieler Kevin Großkreutz soll den Ex-Schalker Asamoah heftig beleidigt zu haben. …Liebe Yahoo! Eurosport-User,
hart angegangen wurde Dortmunds Kevin Großkreutz in den vergangenen Wochen. Insbesondere von Schalke-Boss Clemens Tönnies: „Das, was Kevin Großkreutz macht, [ist] für das Verhältnis unter den Fans höchst problematisch. Er predigt Hass und stichelt so die Rivalität in einem höchst gefährlichen Maße an. Bei aller sportlichen Rivalität ist das zu viel."
Es gibt wohl derzeit kaum einen Bundesliga-Spieler, der sich offensichtlich so sehr mit seinem Club identifiziert wie Kevin Großkreutz. Der 22-Jährige gebürtige Dortmunder ist BVB-Fan von Kindesbeinen an, hat sich nach der Meisterschaft 2011 die Skyline der Stadt als Tattoo in die Wade stechen lassen. Der „Spiegel" nennt Großkreutz deshalb „halb Profi, halb Ultra". Das hat auch seine Schattenseiten, zum Beispiel, wenn er seine Abneigung gegen den Rivalen Schalke öffentlich so zur Schau stellt wie im Pokalhalbfinale in Fürth, als er die ehemaligen Schalker Asamoah und Büskens provoziert und beleidigt haben soll.
Großkreutz als Beispiel für totale Identifikation
Für mich ist Großkreutz der Prototyp einer selten gewordenen Gattung von Spielern — die für ihren Verein mit Herz und Seele spielen und sich total mit ihm identifizieren. Und damit ist er scheinbar eine Ausnahme. Da werden beim Torjubel Vereinsembleme geküsst, und kurz darauf gibt der Spieler bekannt, dass er nächstes Jahr zu einem anderen Verein wechselt. Treue- und Identifikationsgesten sind heutzutage kaum noch von nachhaltiger Bedeutung. Eine fragwürdige Entwicklung, die jedoch nachvollziehbaren Gründen entspringt.
Profifußballer sind in erster Linie Arbeitnehmer, die verständlicherweise in ihrer beruflichen Laufbahn das Optimum herausholen möchten. Dieser Umstand schließt eine totale und „lebenslange" Identifikation mit dem jeweiligen Arbeitgeber nahezu aus. Wie viel Identifikation kann sich ein Spieler heutzutage überhaupt noch leisten, ohne dass sein beruflicher Werdegang darunter leidet?
Es gibt wenige Arbeitnehmer, die ihrem Arbeitgeber die Treue halten, wenn sie woanders bessere Verdienstmöglichkeiten und berufliche Perspektiven erhalten. Genauso ist es bei Fußballern, die zehn, vielleicht 15 Jahre Zeit haben, sich finanziell abzusichern. Alle paar Jahre einen Vereinswechsel in Betracht zu ziehen, wenn Vergütung UND sportliche Perspektive bei einem anderen Club besser sind, dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden.
Söldner werden schnell an den Pranger gestellt
Gefährlich für die sportliche Karriere ist es jedoch, wenn sich Spieler schon in jungen Jahren oder in der Blüte ihrer Karriere gegen sportliche Perspektiven und für das große Geld entscheiden. Wie Samuel Eto'o, der von Inter Mailand zum russischen Milliardärsclub Anschi Machatschkala wechselte oder Lucas Barrios, der vor einem Wechsel nach China steht. Das wird dann als klassisches „Söldnertum" angeprangert.
Anders verhält sich die Situation älterer Spieler, die auf ihr Karriereende zusteuern. Thierry Henry oder David Beckham zum Beispiel. Sie hatten bei ihren Vereinen bereits eine Ära geprägt. Da ist es durchaus verständlich, dass man die Karriere sportlich weniger anspruchsvoll ausklingen lässt und nebenbei noch gutes Geld verdient.
Prägen einer Ära wichtig für den Erfolg
Ich selbst wollte als Spieler immer eine Ära mitprägen. In meiner aktiven Karriere habe ich nur bei zwei Vereinen gespielt: Beim Karlsruher SC und dem FC Bayern. Für mich war totale Identifikation sehr wichtig für den Erfolg. Auch deshalb lehnte ich alle Angebote aus dem Ausland ab. Viele große Spieler haben nur bei wenigen Vereinen gespielt: Steven Gerrard in Liverpool, Frank Lampard bei Chelsea, Alessandro del Piero bei Juve, Xavi bei Barcelona, um nur einige zu nennen — das ist Identifikation pur. Auch Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern könnte einen ähnlichen Werdegang vollziehen.
Solche Spieler zu haben, ist nicht nur für Verein und Fans wichtig, die sich nach Identifikationsfiguren sehnen, sondern gibt auch dem Spieler viel zurück. Ein Club ist mehr als nur die Mannschaft: Umfeld, Fans, gewachsene Strukturen, die Historie, das Selbstverständnis sind alles Faktoren, die einen Verein ausmachen. Sich damit auseinanderzusetzen, zurechtzufinden und sich im besten Falle damit zu identifizieren, geht nicht über Nacht, doch es lohnt sich. Spieler, die Jahr für Jahr den Verein wechseln, werden diese Erfahrungen nie machen.
Es ist gut, dass es solche Spielertypen wie Großkreutz und einige andere im modernen Profifußball noch gibt. Und auch wenn er bisweilen über das Ziel hinausschießen mag, ist ein Fußballer wie er wertvoller für einen Verein als diejenigen, die jedes Jahr ein anderes Vereinswappen küssen. Jeder Profifußballer muss selbst entscheiden, was für ihn der richtige Weg ist. Und die Vereine ebenso.
Grundsätzlich gibt es unter den Fans übrigens ein großes Bedürfnis nach Identifikation der Spieler: Wir haben auf fanorakel.de gefragt, was den Fans wichtiger ist, eine Mannschaft, deren Spieler sich mit dem Verein identifizieren oder eine Söldner-Truppe, die aber sportlich erfolgreicher ist. 84 Prozent war die Identifikation wichtiger. Ein knappes Dutzend Votings zu diesem Thema laufen noch. Votet mit, mich interessiert es brennend, wie ihr darüber denkt.
Euer

