Alejandro Valverde verlor nach einem Sturz 55 Sekunden
Die Vuelta hat mit zwei Bergankünften in den ersten vier Tagen gleich richtig schwer begonnen, und es hat sich bereits gezeigt, auf welche Namen man achten muss: Joaquin Rodriguez nach seinem starken Giro, Chris Froome nach der tollen Tour und natürlich Alberto Contador, der stark zurückgekommen ist. Aber auch Alejandro Valverde würde ich noch nicht abschreiben.
Es gibt bei dieser Vuelta sehr viele Möglichkeiten Zeit zu gewinnen oder zu verlieren, und da können bei jedem irgendwann die Kräfte schwinden. Außerdem herrscht eine extreme Hitze, was wahnsinnig schlaucht. Es war bis jetzt schon sehr spannend, und ich freue mich in den nächsten Wochen auf sehr unterhaltsame Stunden beim Training auf der Rolle.
Viele Diskussionen gab es nach der 4. Etappe um das Verhalten der Sky-Mannschaft, als mit Valverde der "Líder" gestürzt ist. Eigentlich sollte man in so einer Situation nicht durchziehen - gerade wenn es den Gesamtführenden getroffen hat. Das ist noch mal etwas ganz anderes, als wenn es "nur" ein normaler Mitfavorit ist. Für Valverde war das sehr schade - und seine Wut verstehe ich.
Sky hätte warten sollen
Ich hätte nicht gedacht, dass Sky das macht. Es ging ja auch nicht um den Etappensieg, denn Tony Martin und seine Begleiter hatten zu dem Zeitpunkt einen sehr großen Vorsprung. Die waren kaum noch einzufangen.
Sky hat die Aktion zwar auf der Windkante gut vorbereitet und der Angriff lief schon, als Valverde stürzte. Aber ich hätte erwartet, dass dann nach ein paar Kilometern über Funk das Kommando zum Warten kommt. Zumal, so wie ich es gesehen habe, erst durch die Tempoverschärfung von Sky die Unruhe ins Feld kam, durch die der Sturz passiert ist. Da verstehe ich schon, dass sich Valverde aufregt.
Mit Antipathien hat das nichts zu tun
Ich habe von Spekulationen gehört, dass die Aktion ein gezielter Angriff gegen Valverde und Movistar gewesen sei, weil die angeblich nicht beliebt sind. Aber ich glaube nicht, dass das etwas mit Antipathien zu tun hat. Valverde ist im Feld sogar sehr beliebt, und es sind ja auch nur wenige Mannschaften gewesen, die gefahren sind. Die meisten waren wirklich fair.
Es ist schwer, das richtig zu beurteilen, weil wir alle nicht wissen, wer, wann und worüber informiert wurde. Ich persönlich hätte rausgenommen, denn das war eine Situation, die mir auch nicht wirklich geholfen hätte - ich will mich ja mit meinen Gegnern selbst messen und nicht von ihrem Pech profitieren. Außerdem zeugt es auch von Größe, wenn man da wartet.
Gewann gleich den ersten Massensprint der Vuelta: John Degenkolb
Ich glaube, dass Froome mit der Kapitänsrolle noch nicht so souverän umgeht, wie beispielsweise Bradley Wiggins bei der Tour. Wiggins hat dort zum Beispiel auf Cadel Evans gewartet, als der mehrere Platten hatte. Soweit ist Froome noch nicht. Er hat jetzt zum ersten Mal diese Rolle, und es gehört schon etwas dazu, da alles selbst zu entscheiden - vielleicht sogar entgegen dem Kommando des Sportlichen Leiters im Mannschaftswagen.
Martin und Degenkolb stark
Aus deutscher Sicht können wir schon jetzt sehr zufrieden sein. Da habe ich auch mit Andreas Klöden drüber gesprochen: Tony Martin war auf der 4. Etappe sehr stark. Er hat eine sehr gute Moral und ist nach seinen Stürzen hoch motiviert. Der Tony hat gleich nach der Zielankunft gesagt, dass er es immer wieder probieren will. Er ist nicht satt zu kriegen, und das finde ich richtig gut.
Für die Vorbereitung auf die Zeitfahr-WM macht er das genau richtig. Tony hat einen großen Motor, kann seine Form sehr lange halten. Und ich glaube, er ist noch nicht mal bei seiner Höchstform angekommen. Er braucht jetzt etwas Bestätigung und muss seine Leistung ein paar Mal abrufen. Kaputt fährt er sich dadurch nicht, schließlich nimmt er auch immer wieder zwischendurch heraus.
Der Ötztaler steht vor der Tür
Bei den Massenankünften ist die Vuelta die Chance für die Männer aus der sogenannten "zweiten Reihe", und John Degenkolb ist in Viana am Sonntag einen genialen Sprint gefahren. Mit der Vorstellung ist er auch für die nächsten Sprintankünfte Mitfavorit.
Für mich selbst steht am Sonntag der Ötztaler Radmarathon an. Aber ich konnte nicht viel trainieren, weil ich mit meinem Rücken zu kämpfen hatte. Erst in den letzten zwei Wochen habe ich ein bisschen mehr gemacht. Also fahre ich dort dieses Jahr nur locker und vielleicht kann ich dann diesmal mit meinem Freund Frank Wörndl gemeinsam ins Ziel fahren.
Euer Jan Ullrich
