Tony Martin rollt mit Eleganz und kräftigem Tritt auf dem Weg zur Titelverteidigung
Ende gut, alles gut! Tony Martin hat seinen Weltmeistertitel im Zeitfahren erfolgreich verteidigt und hat damit im Saisonfinale doch noch das Quäntchen Glück auf seiner Seite gehabt, das ihm in den letzten Monaten so oft gefehlt hat. Mein erster Eindruck nach Tonys Triumphfahrt ist, dass er elegant dem Rad sitzt, souverän gefahren ist und wieder einmal auf den Punkt fit war.
Hochkaräter wie Fabian Cancellara und Bradley Wiggins, die auf den Start im Kampf gegen die Uhr verzichtet hatten, waren auch nicht in Form. Sonst wären sie mit Sicherheit angetreten. Deswegen geht der Sieg von Tony völlig in Ordnung.
Schon im Mannschaftszeitfahren beim Sieg von Omega Pharma Quickstep war Tony der schnellste Mann. Er hat den Sieg und die damit verbundene Selbstbestätigung gebracht. Zeitfahren ist nicht nur eine rein körperliche Anstrengung, es spielt sich dabei viel im Kopf ab. Den hauchdünnen Vorsprung von fünf Sekunden auf den zweitplatzplatzierten Taylor Phinney hat Tony auch durch die Überzeugung herausgeholt, der Beste zu sein.
Contador darf man nicht abschreiben
Am meisten beeindruckt hat mich der Kampfgeist, den Tony in seinem persönlichen Seuchenjahr mit schweren Stürzen und unglücklichen Defekten wie im Prolog der Tour de France an den Tag gelegt hat. Deswegen freue ich mich um so mehr für diesen sympathischen Radsportler, der sich sichtlich vollkommen verausgabt hat.
Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Alberto Contador zweieinhalb Minuten aufgebrummt bekommt. Allerdings zählt Contador auch nicht zum Kreis der Zeitfahrspezialisten. Offenbar hat ihn sein Sieg bei der Vuelta viel Kraft gekostet. Auch wenn er vom frischgebackenen Weltmeister aufgefahren wurde, was schon weh tut, gehört er für mich im Straßenrennen am Sonntag zum Kreis der Topfavoriten.
Euer Jan Ullrich
