Hallo liebe Radsport-Fans,
ehrlich gesagt möchte ich nicht in der Haut von Andy Schleck stecken. Ich kenne das Gefühl, wenn man die Tour de France wegen Verletzung oder Krankheit sausen lassen muss. Stand heute ist es für Andy kein Trost, eventuell hinten raus die Vuelta zu gewinnen oder WM-Gold zu holen — wie ich 1999.
Die Trauer, schon vor Beginn des großen Zieles jäh gestoppt zu werden, überwiegt. Nach all dem Ärger in den vergangenen Monaten mit Stürzen, Aufgaben bei Paris-Nizza, der Katalonien-Rundfahrt und der Dauphiné, sowie zwischenzeitlichem Zoff mit Teamchef Johan Bruyneel wird Andy am Boden zerstört sein.
Trotz allem kann sich Andy nicht das ganze Jahr hängen lassen. Die Gewissheit, auf einen Tour-Start verzichten zu müssen, ist ein wichtiger Bestandteil des Neustarts. Der eigentliche Neustart beginnt allerdings erst dann, wenn er sich wieder auf dem Rad wohlfühlt und ohne Schmerzen fahren und Gas geben kann.
Wohlfühloase in den Schweizer Alpen
Mit der Tour de Suisse läuft derzeit mein absolutes Lieblingsrennen. Ich bin die Tour de Suisse erstmals 1995 gefahren und habe mich auf der anspruchsvollen Strecke immer wohlgefühlt. Ich fand alles vor, was ich brauchte: Die Unterkünfte waren super und die Anreise aus dem Schwarzwald ein Katzensprung.
In meiner aktiven Zeit hat die Schweiz-Rundfahrt für mich eine entscheidende Rolle in der Vorbereitung auf die Tour de France gespielt. Ich war ein Fahrer, der Bestätigung brauchte. Ich musste wissen, wie es um meine Form bestellt ist. Früher wurde die Tour de Suisse über neun Tage ausgetragen und war damit von der Schwierigkeit her quasi eine halbe Tour de France.
In den enorm harten Anstiegen sowie einem langen Zeitfahren konnte ich meine Form insbesondere im Intensivbereich nach rund 17.000 Trainingskilometern und 5.000 Rennkilometern im Vorfeld weiterentwickeln. Das bedeutet: Wenn ich bei der Tour de Suisse in einer dreiköpfigen Spitzengruppe einen Maximalpuls von 177 erreicht hatte, sollte sich dieser bei der Tour zwischen 185 und 190 bewegen.
Tour-Teams: Kapitäne genießen Mitspracherecht
Die Tour de Suisse war mein Gradmesser für die Große Schleife. Im Gegensatz zu anderen Profis, wie beispielsweise Andreas Klöden, konnte ich schon bei der Tour de Suisse am Anschlag fahren, wenn ich mein Pensum absolviert hatte. Während "Klödi" sich früher drei Etappen zum Probieren aussuchte, brauchte ich täglich meine Belastung. Es war ebenfalls wichtig für mich erfolgreich zu fahren. Das heißt nicht, dass ich unbedingt gewinnen musste, aber eine Platzierung in den Top 10 sollte schon herausspringen.
Demnächst benennen die Teams ihre Mannschaften für die Tour. Letztendlich entscheidet der Teamchef, wen er mitnimmt. Aber natürlich redet auch der Kapitän ein Wörtchen mit. Ich habe damals dafür plädiert, Fahrer, die bei der Tour de Suisse brutal stark waren, aber gegen Ende schon ein wenig müde wurden, zu Hause zu lassen. Das waren zumeist Klassiker-Spezialisten, die im Frühjahr schon zu Höchstform aufgelaufen sind.
Der größte Fehler wäre es, müde in die Tour de France zu gehen. Da würde man wahrscheinlich gar nicht durchkommen.
Euer
Jan Ullrich

