Bradley Wiggins setzt neue Maßstäbe im Zeitfahren
Die Hoffnungen der deutschen Fans ruhen heute auf Tony Martin. Allerdings hat der amtierende Weltmeister im Zeitfahren während des Straßenrennens über Schmerzen in seinem gebrochenen Handgelenk geklagt. Ich wollte ihn vor dem Rennen in Ruhe lassen und habe deswegen nicht mehr mit ihm gesprochen.
Aber eines ist klar: In meinen Augen gehört Tony nicht zu den Topfavoriten auf Gold. Man darf nicht vergessen, dass er die Tour de France aufgrund seiner Verletzung nicht zu Ende fahren konnte und dass ihn das lädierte Handgelenk generell in der Vorbereitung beeinträchtigt hat.
Der zweite deutsche Starter Bert Grabsch kann immer einen raushauen, wenn er einen guten Tag hat. Er war Weltmeister und hat Tony Martin bei den deutschen Meisterschaften 2011 hinter sich gelassen. "Grabschi" hat sehr viel Kraft, und wenn er sich nach Tour gut ausgeruht hat, traue ich ihm einiges zu.
Wundertüte Cancellara
Ein dickes Fragezeichen steht hinter Fabian Cancellara, der am Samstag bei seinem schweren Sturz mit der Schulter auf den Randstein geknallt ist. Fabian hat sich im Straßenrennen in einer tollen Form präsentiert. Ohne den Crash hätte er sicher aufs Podium fahren können. Die Strecke ist ihm auf den Leib geschneidert, da kann er dicke Gänge treten und mit viel Risiko in die Kurven heizen. Aber jeder Sturz bringt auch eine gewisse Unsicherheit mit sich und hinterlässt Spuren.
Meiner Meinung nach geht der Sieg nur über Bradley Wiggins. Mit dem Rückenwind des Tour-Sieges ist er im Straßenrennen etliche Kilometer von vorne gefahren. Die Power ist da. Zudem hat er die beiden Zeitfahren bei der Tour souverän gewonnen. Auf seiner Strecke, bei seinen Spielen und in seiner Hauptstadt London wird er vor dem Buckingham Palast auch seine Goldmedaille holen.
Gut, besser, Wiggins
Wiggins ist der perfekte Zeitfahrer. Er ist groß, schlank und hat eine absolut aerodynamische Position — besser kann man auf einem Zeitfahrrad nicht sitzen. Er hat einen unglaublich schönen Tritt, kann kleine wie große Gänge gleichermaßen treten. Auch seine Kraftverteilung ist optimal und die Rückenschleife sehr stabil. Wiggins zieht mit den Armen über den Rücken in die Beine hinein — das ist wirklich schön anzuschauen.
Ich hoffe, dass alle Fahrer von den Witterungsbedingungen her annähernd dieselben Verhältnisse haben. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney spielte der Wind eine entscheidende Rolle. Damals haben die Organisatoren den Fehler gemacht, den späteren Sieger Wjatscheslaw Jekimow nicht in der Gruppe der Besten starten zu lassen. Leider fand der Russe dadurch auf der Strecke die besseren Windverhältnisse vor und hat mich am Ende um sieben Sekunden geschlagen. Aber ich glaube, das kommt heutzutage nicht mehr vor.
Vom Material her unterscheiden sich olympische Rennen nicht von herkömmlichen. Die Maße der Fahrer sind bei den Herstellern bekannt und dementsprechend werden Zeitfahrmaschinen mit speziellen Lackierungen angefertigt. Dass ich mich 2004 in Athen wundgesessen habe, sollte heute auch nicht mehr passieren. Ehrlich gesagt habe ich es versäumt, das Leder, das ich gewöhnt war, in meinen Nationalmannschaftsanzug einnähen zu lassen. Das war mein Fehler.
Euer Jan Ullrich
