Stets Herr der Lage: Bradley Wiggins
Zwei Drittel der Tour de France sind rum und die Jungs sind bestimmt froh, vor den beiden Monster-Etappen in den Pyrenäen am Ruhetag noch einmal die Beine hochzulegen. Die "Nagel-Attacke" auf dem Weg nach Foix war eine schreckliche Erfahrung für die Fahrer. Glücklicherweise musste ich so eine Situation bei der Tour nie erleben. Außer ein paar streikenden Bauern, die die Straße blockiert hatten, kann ich mich nicht an irgendwelche außergewöhnlichen Vorfälle erinnern. Selbst die aufgebrachte Meute hat damals relativ schnell eine Gasse gebildet.
Robert Kiserlovski hat sich wegens des Sabotage-Akts nach einem Sturz in der Abfahrt einen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Glücklicherweise ist nicht noch mehr passiert. Ich hoffe sehr, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Unmögliche Aktionen wie diese, die alle Jubeljahre vorkommen, sind vor allem auch schade für das sonst so faire Radsport-Publikum. Denn normalerweise jubeln die Fans vom ersten bis zum letzten Fahrer begeistert zu.
Wenn man den unsäglichen Nägeln auf der Straße überhaupt etwas Gutes abgewinnen will, dann das faire Verhalten von Bradley Wiggins. Der "Gelbe" hat das Feld dazu aufgerufen, das Tempo zugunsten des durch zahlreiche Plattfüße arg gebeutelten Cadel Evans zu drosseln. Meine Entscheidung, 2003 auf der letzten Pyrenäen-Etappe beim Schlussanstieg nach Luz-Ardiden auf Lance Armstrong zu warten, war instinktiv. Ich habe nach dem Ehrenkodex "Nutze das Pech eines anderen nie zu Deinem Vorteil" gehandelt. Fairness wird einem im Radsport von Kindesbeinen anerzogen. Es verhält sich wie im richtigen Leben: Gibt man etwas, so kommt auch immer wieder etwas zurück. Auch Armstrong hat einmal auf mich gewartet.
Wiggins ist der Chef im Ring
Die Diskussion um den angeblichen "Kronprinzen" Christopher Froome stellt sich mir nicht. Ich bleibe dabei: Wiggins ist der komplettere Fahrer. Einige sprechen heute noch davon, dass ich die Tour 1996 gegen Bjarne Riis hätte gewinnen können. Das kann ich so nicht bestätigen. Der Leader trägt die gesamte Last auf seinen Schultern — diesem Druck muss man erst mal standhalten. Zudem muss innerhalb des Teams eine klare Hierarchie herrschen. Es muss einen Kapitän geben für den gefahren wird. Jeder gegen jeden, das geht nicht!
Auf die beiden Tagesabschnitte in den Pyrenäen freue ich mich sehr. Am Mittwoch erwarte ich auf der schweren 16. Etappe von Pau nach Bagnères-de-Luchon einen Angriff von Vincenzo Nibali in der Abfahrt vom Col de Peyresourde. Da wird es der Italiener wieder fliegen lassen! Die Streckenführung ist identisch zur 10. Etappe des Jahres 1998. Damals habe ich bei schlechtem Wetter das Gelbe Trikot zurückerobert und fünf Tage bis zu meinem legendären Hungerast auf dem Weg nach Les Deux-Alpes getragen.
Andreas Klöden möchte ich an dieser Stelle nicht vergessen, auch wenn er bisher relativ unscheinbar mitgefahren ist. Ich hoffe für ihn, dass er während der beiden Pyrenäen-Etappen gute Beine hat und vielleicht noch eine Etappe gewinnt. Ich freue mich auf die letzten Tage und werde das Geschehen gespannt vor dem Fernseher verfolgen.
Euer Jan Ullrich
