Team Sky beherrscht die Tour
Hallo liebe Radsport-Fans,
Sky ist auch bei den ersten schweren Bergetappen im Kollektiv grandios gefahren. Ehrlich gesagt habe ich nicht daran geglaubt, dass die gesamte Mannschaft von Bradley Wiggins in der Lage ist, so brutal zu fahren und die Mitfavoriten nach Belieben zu kontrollieren.
Wiggins ist in den letzten Jahren gereift. Er fährt extrem stark, mit viel Übersicht und Souveränität. Ab und an zeigt er sich und versucht seine Mannschaft zu entlasten. Wiggins ist der komplette Rennfahrer, der die Tour gewinnen kann.
Die zugegebenermaßen etwas seltsame Attacke von Christopher Froome im Finale der 11. Etappe nach La Toussuire darf man nicht überbewerten. Vielleicht wollte Froome einfach nur ein Zeichen an Vincenzo Nibali setzen und dachte, Wiggins sei bei seinem Zwischensprint an seinem Hinterrad. Aber dieses Missverständnis wurde ja umgehend von seinem Teamchef korrigiert. Deswegen haben die Fahrer ja den Funk im Ohr, den ich als probates Hilfsmittel empfinde. Solange Wiggins keinen Einbruch erleidet, wird Sky die Trumpfkarte Froome nicht ziehen.
Den kleinen Durchhänger von Cadel Evans auf der 11. Etappe konnte ich ehrlich gesagt nicht so ganz nachvollziehen. Vielleicht hatte er einen Hungerast oder er hat zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen. Andererseits darf man nicht vergessen, dass Cadel bei seinem mutigen Angriff auf Wiggins viel Kraft gelassen hat, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt bestimmt gute Beine hatte - sonst reitet man so eine Attacke nämlich nicht. Ich fand die Aktion super, aber leider hat sie ihm im Ziel eineinhalb Minuten gekostet.
Ich habe in den letzten Tagen auch die Diskussion über die speziellen Kettenblätter von Osymetric verfolgt, die Sky montiert hat. Letztendlich ist das immer das Gleiche: Alles, was der Sieger fährt, ist "in". Als ich die Tour 1997 gewonnen habe, war es hip mit Kraft und schweren Gängen zu fahren. Lance Armstrong hat die hochfrequente Art zu treten salonfähig gemacht. Und jetzt sind es eben asymmetrische Kettenblätter.
Auch David Millar hat seinen Tagessieg auf der 12. Etappe mit eben diesen Kettenblättern herausgefahren. Ich glaube nicht, dass die Kettenblätter eine zusätzliche Leistung von 20 bis 30 Watt erbringen. Interessant ist jedoch, dass man sich unheimlich schnell auf die andere Form der Blätter einstellen kann. Ich habe einmal ovale Kettenblätter ausprobiert, fand das auch gut, habe aber nicht gespürt, dass ich dadurch besser fahre. Trotzdem sollten die anderen Teams die Entwicklung im Auge behalten. Am Ende des Tages setzt der Mann in Gelb die Trends.
Mit Blick auf die letzte Woche hat die Tour den Fahrern schon wahnsinnig viel Kraft gekostet. Meine Devise wäre das Team Sky weiter anzugreifen, um irgendwann eine Schwachstelle auszumachen.
Euer Jan Ullrich

