Alberto Contador meldet sich eindrucksvoll zurück
Alberto Contador hat also doch noch das Leadertrikot der Vuelta erobert. Und ehrlich gesagt habe ich auch mit einem Führungswechsel gerechnet. Einerseits ist zu spüren, wie heiß Contador nach seiner Rückkehr ist, andererseits war es fast schon unheimlich, wie Joaquim Rodriguez tagelang alle Attacken von Contador gnadenlos gekontert hat.
Mal davon abgesehen, dass Contador brennt wieder Rad zu fahren, schätze ich ihn einfach eine Klasse besser ein als Rodriguez. Klar fährt Rodriguez, der zum Sieganwärter bei großen Rundfahrten gereift ist, die beste Saison seiner Laufbahn. Dennoch ist Contador von der Qualität her der bessere Rundfahrer. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Alberto das Rote Trikot noch einmal abgibt. Dennoch darf man die Hammer-Etappe am kommenden Samstag nicht außer Acht lassen.
Contadors Angriff auf der 17. Etappe hat mir deshalb besonders gut gefallen, weil zu diesem Zeitpunkt wirklich niemand damit gerechnet hatte. Als Einbruch von Rodriguez würde ich die Situation jedoch nicht bezeichnen. Eher hat Alberto seinen Hauptkonkurrenten mit seinem Ausritt über 50 Kilometer vor dem Ziel auf dem falschen Fuß erwischt. Urplötzlich hatte der Kathusa-Kapitän kaum einen Helfer mehr an seiner Seite, weil sein Team von der kräftezehrenden Führungsarbeit der letzten Tage aufgeraucht war. Ein kleiner psychischer Knacks reicht oft schon aus, um an einem Tag alles zu verlieren. Sollte Contador bei der Zielankunft in Madrid vorne sein, hat Rodriguez schlicht und einfach gegen den besten Mann verloren.
Froome zahlt Lehrgeld
Weniger überraschend finde ich die Leistung von Chris Froome. Im Gegenteil: Ich finde es sogar sympathisch, dass die Sky-Jungs auch nur Menschen sind. Stellt Euch vor, ein Fahrer von Sky hätte nach dem totalen Triumph von Bradley Wiggins in dieser Saison auch noch die Vuelta gewonnen?! Das wäre 'too much' gewesen! Ich habe ja bereits während der Tour in meinem Blog geschrieben, dass die Rolle des Kapitäns nicht mit jener des Edelhelfers zu vergleichen ist. Bei der Tour lastete der gesamte Druck auf Wiggings, während Froome befreit auffahren konnte. In Spanien war Froome in der Leaderrolle. Es kann auch gut sein, dass er dieser Bürde nicht gewachsen war.
Aus deutscher Sicht war John Degenkolb mit seinen vielen Etappensiegen der schnellste Mann bei der Vuelta. Auch wenn die absoluten Topsprinter bei der Vuelta nicht am Start waren, hat er sich taktisch geschickt verhalten und ist eine super Rundfahrt gefahren. Hinsichtlich der Weltmeisterschaft sehe ich ihn nicht unbedingt als Nummer eins im deutschen Team. In Valkenburg geht es zum Ziel bergauf, da muss man sehen, ob das nicht zu schwer für die Sprinter ist.
Euer Jan Ullrich
