Höhenrausch

Ötztaler-2010-Finisher!

Die überwältigenden Gefühle bei der Überquerung der Ziellinie im Herzen von Sölden, nur wenige Sekunden nach dem Martyrium über 8:30:33,0 Stunden, sind nur schwer in Worte zu fassen. Einerseits war ich überglücklich, dass mein Traum bei der 30. Auflage des Ötztaler Radmarathons über 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter in Erfüllung gegangen ist.

Auf der anderen Seite lasteten die Höllenqualen, die ich insbesondere auf dem beschwerlichen Ritt auf das Timmelsjoch erleiden musste, sowohl auf meinen Knochen als auch auf meiner Psyche. Wenn auch für einen kurzen Moment, galt es die Erlebnisse des Tages aufzuarbeiten.

4:45 Uhr - Hotel Central, Sölden

Die beiden Wecker, die ich synchron stellte, bevor ich am Vorabend um 23:00 Uhr ins Bett ging, schaltete ich bereits um 4:42 Uhr ab. Wie sich später in Gesprächen mit anderen Teilnehmern herausstellte, hatte nicht nur ich eine unruhige Nacht.

Von der großen Portion Spaghetti Bolognese, die ich zum Frühstück in Jedermann-Manier zur optimalen Zufuhr von Kohlehydraten in mich hineinstopfte, zehrte ich noch Stunden später auf der Abfahrt vom Kühtai nach Innsbruck.

6:00 Uhr - Abfahrt zum Start

Aufatmen bei den rund 4.000 Teilnehmern beim wohl schwersten Radmarathon für "Jedermänner" in Europa. Die einheimischen Wetterfrösche sollten Recht behalten. Zwar präsentierte sich der Himmel im Morgengrauen noch bewölkt, aber die großen hellblauen Löcher in der Wolkendecke ließen einen herrlichen Radtag erahnen.

6:45 Uhr - Start frei den Ötztaler Radmarathon 2010

"Warum bin ich kein Profi mehr, dann müsste ich das ganze Zeug nicht mitschleppen", jammerte Team Alpecin-RoadBIKE-Teamchef Jörg Ludewig noch wenige Minuten vor dem Start. Auch meine Rückentaschen waren zum Bersten vollgestopft: Zehn Power-Gels, sieben Kraftkugeln (powered by Thomas Althenn nach einem 5-Sterne-Rezept), vier Päckchen Getränkepulver und meine Regenjacke bildeten eine Art Heckspoiler, der sich im Laufe des Tages mehr oder weniger von selbst auflöste.

Besonders interessant waren die Einfälle der Radler-Gemeinde, sich bei kühlen fünf Grad vor der Kälte zu schützen. Von abgeschnittenen Hosenbeinen einer alten Jeans, die nach der Abfahrt in Ötz ihren Besitzer verloren, bis zu in Frischhaltefolie eingepackte Waden war alles zu sehen, was am Berg irgendwie Gewicht spart. Auch die nur wenige Gramm wiegenden, hellblauen Überzieher, die insbesondere auf Intensivstationen zu finden sind, haben mich schwer beeindruckt.

8:33 Uhr - Kühtai

Die gefürchtete erste Abfahrt von Sölden nach Ötz, wo viele zu Beginn des Rennens vollgepumpt mit Adrenalin in die Pedale treten, verlief reibungslos. Beim Anstieg auf den ersten Gipfel des Tages zog sich das Feld erwartungsgemäß schnell auseinander.

In einer der steileren Passagen überholte ich den Schweizer Daniel Markwalder. Der Eidgenosse war einer von 30 Männern, welche die Strecke auf klassischen, mindestens 30 Jahre alten Fahrrädern in Angriff nahmen. Markwalder, der bei "Wetten dass...?" im Oktober 2009 Rad-Profi Jens Voigt auf seinem Militärrad (Baujahr 1910) mit nur einem Ritzel im Sprint über 200 Meter in die Schranken wies, stellte seinen "Oldie" nach 9:02.43,9 Stunden nach der Überquerung des Jaufenpasses ab.

Für die Auffahrt von Ötz auf das Kühtai (19 km/1.200 Hm) benötigte ich 1:08,02 Stunden.

10:31 Uhr - Brenner

Ehrlich gesagt hatte ich nach meinem Schlüsselbeinbruch Anfang Juli vor der Abfahrt vom Kühtai nach Innsbruck am meisten Muffensausen. Mit 80 bis 100 km/h über Weideroste zu rauschen empfinde ich eigentlich als nicht wirklich lustig. Doch im Verlauf des "Hochgeschwindigkeits-Downhills" gewann ich zunehmend an Sicherheit.

Es war schon ein erhebendes Gefühl, mit Polizeieskorte auf dem Innsbrucker Südring in Richtung alte Brenner Straße zu pedalieren. Die Gruppe auf dem Weg zur zweiten Bergwertung lief äußerst homogen. Bis mein Schweizer Rad-Kumpel Andreas Marti - seines Zeichens ein "wilder Hund" - auftauchte, der mir sein Leben im letzten Jahr binnen 25 Minuten im Stenogramm-Stil erzählte. Den anderen gefühlten 68 Mitstreitern in unserer Gruppe werden wir sicher ob unserer lauthalsen Unterhaltung in Erinnerung bleiben.

Für die Auffahrt von Innsbruck auf den Brenner (39 km/777 Hm) benötigte ich 1:11,51 Stunden.

12:05 Uhr - Jaufenpass

Exakt zu diesem Zeitpunkt, nach 161 Kilometern und rund 3.000 Höhenmetern, konnte ich meinen Puls zum letzten Mal an diesem Tag auf 160 Schläge pro Minute nach oben jagen. Der Ötztaler Radmarathon ist wie eine lange Reise mit dem Auto, wo man auf einer Distanz von 1.000 Kilometern ebenfalls immer wieder von Menschen überholt wird, die einen stundenlang mehr oder weniger begleiten und immer wieder aus dem Nichts auftauchen.

Martin Wieser war einer dieser Begleiter, der am "Jaufen" erstmals in Erscheinung trat. Der Lokalmatador vom URC Ötztal fiel mir auf, weil während der stupiden Auffahrt mit ständigem Blick auf meinen Pulsmesser aus seiner Rückentasche plötzlich coole Beats ertönten. Stunden später erklärte mir der Youngster im Ziel, er sei als fahrende Disco unterwegs gewesen, nachdem seine Ohrstöpsel in den Speichen seines Hinterrades den Tod fanden. "Außerdem wollt ihr Touristen ja unterhalten werden", fügte der sympathische Kerl hinzu. Tja, Gastfreundschaft wird in Tirol eben groß geschrieben.

Für die Auffahrt von Sterzing zum Jaufenpass (15,5 km/1.130 Hm) benötigte ich 1:07,57 Stunden.

14:45 Uhr - Timmelsjoch

Die Abfahrt nach St. Leonhard (750 m) führte quasi direkt in die Hölle. Ich wusste schon nach den ersten Pedalumdrehungen bergauf, dass sich mein Akku ausgerechnet vor dem längsten und schwersten Anstieg des Tages bereits im roten Bereich befand. Zudem hatte die teuflische Süßwaren-Mischung aus Power-Gels, Elektrolytgetränke und Kraftkugeln, die ich mir stundenlang einverleibt hatte, meinem Magen den Garaus gemacht.

Plötzlich tauchten wirre Gedanken auf, das Rad einfach am Straßenrand abzustellen und sich an Ort und Stelle hinzulegen. "Es ist extrem anstrengend, zwei Stunden lang einen Berg hinaufzufahren, obwohl man überhaupt keinen Bock mehr hat", sagte Falko Brunies (RC Concordia) später. Die letzte Ration Kraftnahrung in mich hineingewürgt, mit starrem Blick auf den Asphalt, um mich der hässlichen Fratze der sich scheinbar endlos in die Länge ziehenden Hochgebirgsstraße zu entziehen, kurbelte ich in Trance buchstäblich auf dem letzten Ritzel auf das Dach des Ötztalers in 2.509 Meter Höhe.

Für die Auffahrt auf das Timmelsjoch (28,7 km/1.759 Hm) benötigte ich 2:09,40 Stunden.

15:15 Uhr - Sölden

Wer nun denkt, nun gehe es nur noch bergab, der täuscht sich gewaltig! Tatsächlich ist ein letzter Stich mit 220 Höhenmetern zur Mautstelle der letzte Anstieg eines mörderisch anstrengenden Tages. Die Mautstelle vor Augen entging ich mit viel Glück meinem Waterloo, als urplötzlich elektrische Ströme meinen rechten Oberschenkel durchzogen. Während ich mit der linken Hand den schnellen Griff zur Trinkflasche folgen ließ, schaltete ich mit rechts abermals in den kleinsten Gang und rettete mich somit über den letzten Buckel.

Auf der Jagd nach der Traumzeit 8:30 Stunden raste ich im Verbund in einer kleinen Gruppe mit Vollgas Richtung Sölden, wo wir von den zahlreichen Zuschauern mit tosendem Applaus empfangen wurden. Als der Stadionsprecher meinen Namen durchsagte, lief es mir kalt den Rücken hinunter.

Team Alpecin-RoadBIKE:

Alle zehn Fahrer des
Jedermann-Teams haben das Ziel erreicht. Besondere Gratulation gilt
Stefan Köberle und Lena Maier. Der 27-jährige
Allgäuer, der sich am Jaufenpass von mir verabschiedete, erreichte das Ziel in einer sensationellen Zeit von 8:15:44
Stunden.

Lena kämpfte sich kurz vor dem Besenwagen über das
Timmelsjoch und überquerte nach 13:32:52,0 Stunden gegen 20:20 Uhr im
Einbruch der Dunkelheit als letzte Teilnehmerin unter frenetischem Jubel
ihrer Teamkollegen die Ziellinie. 

Teamchef Jörg Ludewig setzte alles auf eine Karte. "Lude" fuhr lange in der Spitzengruppe und wagte am Brenner einen Ausreißversuch, den er wenig später nach zwischenzeitlichem Vorsprung von sechs Minuten bitter bezahlte. Trotz seinem Hänger am Timmelsjoch erreichte der Ex-Profi Sölden in beachtlichen 7:45:27,0 Stunden.

Fazit: 

Im ersten Moment der totalen Erschöpfung wollte ich mit Tränen in den Augen nie mehr Radfahren. Von einer weiteren Teilnahme am Ötztaler ganz zu schweigen. 24 Stunden später - mein Körper ist inzwischen wieder bereit Nahrung aufzunehmen - denke ich natürlich anders.

Im nächsten Jahr gilt es also, am Timmelsjoch nicht einzugehen, und Sölden nach 8:2x Stunden zu erreichen!

Kette rechts...

Thomas Janz

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Ötztaler Marathon 2010: Infos und Ergebnisse

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