
Heute überlasse ich die Bühne mal einem "Kollegen", dessen Trip im feuchtkalten November die Herzen aller Jedermänner höher schlagen lassen dürfte. Bei eurosport.yahoo.de kennen wir Stephan Ott alias "Gruppettorio" schon lange als fachkundigen & leidenschaftlichen Begleiter der Szene.
Doch was er in diesem Sommer selbst auf dem Rad geleistet, erlebt und launig aufbereitet hat, wollen wir gerne auch hier präsentieren.
Also - hier kommt sein Bericht zur Tour "Nonstop zum Gardasee":
Tja, die Idee reifte in uns schon seit etwa 2 Jahren - wir wollten ausprobieren, ob es möglich ist, von unserem Wohnort in Mittelfranken bis zum Gardasee an einem Stück zu radeln. Zusammen mit 2 Freunden wollte ich an Pfingsten diese Herausforderung annehmen, allerdings hatte keiner von uns dreien davor auch nur annähernd eine solche Distanz nonstop überbrückt.
Wobei nonstop natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist. Selbstverständlich wollten wir Pausen einlegen um uns zu verpflegen und kurz auszuruhen, aber es war eben keine stundenlange Unterbrechung oder gar eine Übernachtung geplant. Spannend...
Radgewicht rekordverdächtig
Guten Mutes, aber mit viel Respekt starteten wir am Sonntag morgen gegen 09.00 Uhr. Ich hatte ein Trekkingrad mit Rennlenker gewählt, mit Packtaschen und Triathlonaufsatz. Da es regnen sollte war ich für alles gerüstet, was mein großes Handycap werden sollte... Mein Rad brachte beladen 25 kg auf die Waage, Rujano wiegt ungefähr doppelt so viel.
Die ersten 100 km verliefen wie im Schlaf, man rollt dahin, konzentriert sich aufs Energiesparen und hat keine Eile. Zwischenzeitlich wurden wir von unserem Teambus überholt... Die Eltern meiner 2 Begleiter, Brüder also, waren von unserem Unternehmen so angetan, dass sie die Aufgabe übernahmen, mit ihrem Wohnwagen den Rücktransport vom Gardasee sicherzustellen.
Aber statt, wie besprochen, zum Gardasee vorauszufahren, brachten sie es nicht übers Herz, uns unserem Schicksal zu überlassen, und kontrollierten so alle 100 km unsere Durchfahrt. Auch ein heißer Kaffee und ein geschmiertes Brot warteten immer auf uns. Das war Gold wert. Allerdings musste man auch alle 100 km dagegen ankämpfen, einfach im Wohnwagen sitzen zu bleiben...
So denn... Bei km 130 dann die große Überraschung. Kurz vor Augsburg mussten wir bei einer Eisdiele einfach halten und einen Kaffee trinken. Die Eisdiele hieß „Gardasee", da kann man doch nicht einfach vorbeiradeln.
Schrecksekunde auf Sand
Ruhig und sachlich erklärte mein Kumpel Friedrich dann, dass er vom Kopf her einfach nicht bei der Sache ist, dass er merkt, wie viel Jürgen und mir der Trip bedeutet... und wie wenig es ihm wert ist. Und deshalb... dreht er hier um! Hätt ich jetzt nicht mit gerechnet. Er war natürlich auch alles andere als körperlich am Ende, schließlich ist er die 130 km auch wieder zurückgeradelt. Er wollte halt einfach nicht mehr... muss man akzeptieren.
Es wurde abends, wir hüllten uns in stylische Warnwesten und machten die Beleuchtung an, die Berge waren erreicht, die Landschaft und die Häuser hatten sich deutlich verändert. Dann ging die Sonne unter! Hammer! Ein Sonnenuntergang mit viel Emotionen, die Nacht lag vor uns, wir waren gut drauf, nichts konnte uns stoppen.
Bei einer Ausbuchtung hielten wir kurz an, ich rief meine Frau an und wünschte ihr und den Kindern eine gute Nacht, sie bat mich, auf mich aufzupassen, was ich ihr versprach. So denn... Handy wieder eingesteckt, Schuhe eingeklickt, auf die Straße gerollt... Sand nicht gesehen, weggerutscht und auf die Seite aufgeschlagen! Schrecksekunde! Oh Mann, wenn jetzt was kaputt ist am Rad, ich beiß mich wohin. Aber alles war in Ordnung.
Doch bei der Weiterfahrt war ich deutlich weniger euphorisch. So schnell kann die Tour aus sein, eine Unachtsamkeit, ein Anfängerfehler und das war's. Mit blutendem Knie und erhöhter Aufmerksamkeit ging es weiter.
Schlösser und Tiefpunkte
Kurz vor Füssen, ca. bei km 250 dann ein weiteres Highlight. Das beleuchtete Neuschwanstein und Hohenschwangau bei Nacht. Muss man mal gesehen haben. Aber weg mit der Romantik, schließlich lag der Fernpass vor uns. Bei einer Tanke in Füssen rüsteten wir uns für den Kampf. Zwei warnbewestete Radler um Mitternacht ist kein alltägliches Bild, befremdliche Blicke trafen uns...
Der Fernpass selber war eigentlich kein allzu großes Problem, nur die radeltechnisch nötigen Umfahrungen der Tunnel zogen das Projekt doch gehörig in die Länge. So um 02.00 Uhr morgens war es dann soweit. Der erste Pass lag hinter uns. Jetzt runter ins Ötztal und dann muss das Timmelsjoch fallen, so einfach war das also...
Warm angezogen fuhren wir im Stockdunkeln der Fernpass hinunter, passierten Imst und befanden uns in Österreich. In Längenfeld, am Eingang des Ötztals wartete das Wohnmobil. Aaaaaber: Dann kam mein absoluter Tiefpunkt.
Die Kilometer im Ötztal zogen sich wie Kaugummi, statt sofort zu essen, wollte ich nur noch das Wohnmobil erreichen, die Nacht und die Müdigkeit tat ihr übriges. Mir wurde flau im Magen, ich fühlte mich immer kraftloser, schlich müde dahin... in der Triathlonposition bin ich kurz eingenickt und dann erschrocken wieder aufgeschreckt. Ich gab mir selber ein paar Ohrfeigen und mied den Liegelenker.
Aufgabe - oder nicht?
Längenfeld wollte und wollte nicht kommen. Früh um 05.00 Uhr erreichten wir endlich bei km 350 den Wohnwagen. Ich war total am Ende, beim Absteigen strauchelte ich und konnte mich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Das war's! War halt doch zu viel für mich! Sch...! Jürgen sah mir in die Augen und rechnete damit, alleine weiterfahren zu müssen. Aber vor der endgültigen Entscheidung erstmal ins Wohnmobil und was gegessen. Nach einem heißen Kaffee, 2 Stück Kuchen und einem Fladenbrot beschloss ich, dass es noch nicht Zeit war um aufzugeben.
Mittlerweile hatte der angekündigte Regen begonnen. Wir zogen unser Wetterzeugs an und setzten müde unsere Tour fort. Und siehe da, langsam, ganz langsam, kehrten meine Lebensgeister zurück. Schuld daran war die Kombination aus kaltem (erfrischenden) Regen, aufgehender Sonne und dem Timmelsjoch. Aber jetzt war Jürgen dran! Der Schlaf zerrte an seinen Knochen und wollte ihn vom Rad holen. Ich sprach mit ihm und ermunterte ihn, genau wie ich es getan hatte, diesen toten Punkt zu überstehen. Auch ihn rettete das Timmelsjoch. Es ist einfach nicht möglich bei dieser Steigung einzuschlafen!
Tja, nach 350 km und 25kg-Rad fährt sich so ein Joch schon sehr speziell. Es ist doch tatsächlich möglich, dank 3-fach-Kettenblatt, eine Geschwindigkeit von 4 km/h zu fahren, ohne umzufallen. Die Berg ware nichte mein Freund... Der Regen und der Nebel hatte was mystisches, Jürgen war vorausgefahren und wärmte sich an der Mautstation auf. Ich bildete imagebewusst das Gruppetto, fuhr allerdings an der Mautstation gleich weiter, die Zwischenabfahrt hinunter und begann bei einem Schild mit Aufschrift Höhenmeter 2101 den Aufstieg wieder. Das Timmeljoch ist 2509m hoch.
Da kam schon noch so einiges. Leider war der Aufstieg dann nicht mehr beschildert und ich fuhr die restlichen Höhenmeter ohne Zwischenangaben... dachte ich. Als nach gefühlten 500 Höhenmeter Aufstieg ein Schild mit der Angabe 2249 kam, hab ich kurz die Augen zugemacht. Die MÜSSEN sich verrechnet haben, kann gar nicht anders sein. Seltsamerweise kam mir auch die restliche Strecke bis zum Gipfel nicht so steil und lang vor, als dieser genannte Abschnitt.
Na, ja, Hauptsache oben. Am Gipfel wartete wieder unser geliebter Mannschaftsbus und ich konnte mich im Trockenen komplett umziehen. Übrigens habe ich trotz der Busoption weiterhin alle meine Sachen selber transportiert, schließlich war der Trip ja anders geplant gewesen und so ein bisschen wollte ich schon am ursprünglichen Gedanken festhalten.
Tipp für alle Autofahrer...
Laaaange Abfahrt nach St. Leonhard, die 400 km gerissen und dann Richtung Meran. Wir hatten es geschafft, jetzt nur noch schnell zum Gardasee rollen und dann ist die Sache abgehakt. Aber 150 km sind 150 km. Es zog sich noch gewaltig. Über Meran und Bozen ging es die Etsch entlang. Und zwar nicht auf einer mittelgroßen Straße, sondern auf einem verträumten Radweg. Wir kamen einfach nicht vorwärts, es war zum Verrücktwerden. Die Kilometer schlichen nur so dahin.
Mehrere Male versuchten wir unser Glück auf größeren Straßen, aber die waren dann gleich wieder so groß und so verkehrsreich, dass einem der Spaß vergangen ist. Außerdem mündeten sie über Kurz oder Lang in eine noch größere autobahnähnliche Straße, die dann MIT RECHT für Radler gesperrt ist.
Hier ein Tipp für alle Autofahrer. Falls ihr an einem "Radfahrer verboten!" Schild verzweifelte Radler an der Seite stehen seht, die noch dazu suchend in ihre Karten schauen, dann ist es überhaupt nicht mehr erforderlich panisch zu hupen und wild gestikulierend auf das Verbot aufmerksam zu machen. Hätten sie das noch nicht bemerkt, dann ständen sie wohl nicht so dumm im Regen rum!
Also wieder zurück auf den Etsch-Radweg. Das Wetter zeigte sich abwechslungsreich: Leichter Regen - starker Regen - Nieselregen - Vollwaschgang - kurze Trockenphasen (Ausziehen der Regensachen, weil zu warm) - dann wieder von vorne...
37 Stunden, 540 Kilometer
Endlich kam aber doch Rovereto! Weg von der Etsch, rüber nach Torbole und da war er. Ein ergreifender Anblick: Der Gardasee. Hatten wir das doch tatsächlich geschafft. Schmerz vergeht, Stolz bleibt.
Mit einem Lächeln im Gesicht noch schnell rüber nach Riva del Garda, dort stand unser Domizil bereits auf einem Campingplatz. Angrenzende Camper waren auch bereits informiert, Glückwünsche von allen Seiten.
Letztendlich braucht es wohl noch seine Zeit um endgültig zu realisieren, dass wir in 37 Stunden 570 km gefahren sind. Einfach eine Nacht ausgelassen und weitergeradelt. Schon verrückt!!!
Tschü
Stephan "Gruppettorio" Ott
Und das Beste - die Highlights gibt's jetzt auch als höcht unterhaltsames Video:


Bisher keine Kommentare vorhanden