Einmal im Jahr dreht Nauders gewaltig am Rad. Höhepunkt der Fahrrad-Woche im Tiroler Fremdenverkehrsort ist der Dreiländergiro, der für viele Jedermänner den Saisonhöhepunkt darstellt.
Schon am Vorabend sind sowohl die Anspannung als auch die Vorfreude der Teilnehmer auf den in der Szene längst etablierten Radmarathon deutlich spürbar. Aus den Tischgesprächen beim Abendessen, dem "Carboloading" mit Pasta und traditionellem Kaiserschmarrn ist die Nervosität bei so manchem herauszuhören.
Kompaktkurbel oder doch 53/39? 27/12 oder den 30er Rettungsring als größtes Ritzel? Gels oder Riegel? Wider die Wattbilanz oder stur nach Herzfrequenz treten? Erreiche ich das Ziel unter sechs oder bin ich gar siebeneinhalb Stunden auf dem Weg?
Fragen über Fragen. Hört man ein paar Stunden vor dem Rennen auf den Tenor in Reihen der Pedaleure wollen die meisten "nur mitrollen" und "mal sehen, wie es so läuft". Rennradfahrer sind gemeinhin keine Lautsprecher. Im Gegenteil: Sie üben sich verbal zumeist in Zurückhaltung. Sie stapeln gerne tief, halten mit ihren Ambitionen hinterm Berg.
Pulsalarm! Weckruf auf dem Reschenpass
Doch am nächsten Morgen dauert es nur wenige Sekunden, bis die Karten umgehend nach dem Start aufgedeckt werden. Im Morgengrauen, um 6:30 Uhr, wird die Auffahrt zum Reschenpass zum ersten Mal an diesem Sonntag zum Kampf gegen den inneren Schweinehund. Nur fünf Minuten später zeigt der Pulsmesser satte 170 Schläge pro Minute an. Dennoch helfen in diesem Moment auch alle piepsenden Warntöne vor dem gefährlichen roten Bereich nicht weiter. Entweder man geht das nervöse Anfangstempo mit oder man verpasst im wahrsten Sinne des Wortes den Zug.
Nach der Durchfahrt des alten Stadttores zu Glurns auf Südtiroler Boden und der berüchtigten Kopfsteinpflasterpassage, die den Schlauchreifen meines Nebenmannes zum Platzen bringt, kehrt im Feld der Teilnehmer die Ruhe vor dem Sturm ein.
Die Kletterpartie auf das Stilfser Joch, 2.757 Meter hoch, steht an. 1.842 Höhenmeter am Stück sind zu absolvieren. Auf den ersten, relativ moderat zu fahrenden Kilometern bis Trafoi ist es wichtig, seinen Rhythmus zu finden. Schweren Herzens trenne ich mich vom Hinterrad meines Mitstreiters Bernhard Dietl, der in der ersten Serpentine scheinbar unbeeindruckt vom Schild mit der Nummer 48 von dannen zieht. Die Tatsache, dass auf dem steinigen Weg zum Gipfel jede einzelne Kurve nummeriert ist, macht den Aufstieg aufs Dach des Dreiländergiro unterhalb des imposanten Gletschermassivs des 3.905 Meter hohen Ortlermassivs nicht einfacher.
Oberhalb der Baumgrenze wird die Luft merklich dünner. Die Beine fühlen sich an wie Blei und der Puls lässt sich nur mehr schwerlich an der Schwelle halten. So mancher Mitstreiter, der sich zuviel zugemutet hatte, muss noch vor Erreichen der Passhöhen Tribut zollen. An den diversen Foto-Points, den fixen Standorten der Fotografen, mache ich gute Miene zum bösen Spiel. Schließlich sollen die Qualen des Tages auf den Erinnerungsfotos verblassen.

Foto: sportgraf.com
Nach 1:40 Stunden hat der nicht allein durch den Giro d'Italia zum Mythos gewordene Passo dello Stelvio ein Einsehen mit mir. Stolz kurbele ich an den handverlesenen Zuschauern vorbei. Wie viel Zeit man in der Abfahrt von einem Hochgebirgspass gutmachen oder auch verlieren kann, zeigt sich auch bei der diesjährigen Ausgabe des Radklassikers im Dreiländereck.
Nach dem Umbrailpass, einer unbefestigten Straße aus komprimiertem Lehm, taucht auf dem Weg nach Santa Maria plötzlich wieder Bernhard auf.
Alle für einen, einer für alle
Fortan nehmen wir die Auffahrt zum Ofenpass wieder als Team in Angriff. Meter für Meter sammeln wir Mitkonkurrenten auf und finden uns zu einer starken Gruppe zusammen. Ein Glücksfall. Denn ohne den Zusammenhalt eines "Mini-Pelotons" hat man nach der Überquerung des Ofenpasses, dessen Name allein wegen der massiven Sonneneinstrahlung und der damit verbundenen sengenden Hitze Programm ist, auf den folgenden rund 50 Kilometern durch das Schweizerische Engadin keine Chance.
Harmonischer hätte die 15-köpfige Gruppe gar nicht laufen können. Ein ständiger Führungswechsel bei einem Tempo zwischen 35 und 50 km/h lässt die Fahrt nach Martina annähernd zu einem Genuss werden. Aber eben nur annähernd. Wären da nicht aufs Neue diese Schmerzen während drei unerbittlicher Gegenanstiege, welche noch mehr Laktat in die Muskulatur treiben. Am Fuße der Norbertshöhe wartet nach Überquerung der Innbrücke der letzte Gradmesser des Dreiländergiro. Man könnte die 420 Höhenmeter hinauf zu Start und Ziel in Nauders auch Scharfrichter nennen.

Foto: sportgraf.com
Mit ausreichend Flüssigkeit an Bord rausche ich an der letzten Verpflegungsstation vorbei und nehme die elf durchnummerierten Kurven in Angriff. Die Sonne brennt unerbittlich herunter, meine Oberschenkelmuskulatur krampft. Einzig mein Geist ist noch erstaunlich frisch. Vereinskollege Bernhard vom RC Concordia München zieht wie schon am Stelvio davon. Aber diesmal kommt er mir nicht so einfach davon.
Zweite Luft im Finale
Nach der dritten Kehre machen meine Beine auf. Ich finde Anschluss. Der Gedanke, meine Bestzeit zu knacken, verleiht Flügel. Mit Puls 175 jage ich über die Kuppe der Norbertshöhe und überquere nach der letzten kleinen Abfahrt des Tages nach 5:43,19 Stunden die Ziellinie. Glücklich und erleichtert, den Ritt über 3.484 Höhenmeter heil überstanden zu haben, umarme ich Bernhard, der nur zehn Sekunden später in den Zielraum einfährt.
So wurde der Dreiländergiro für die 3.000 Teilnehmer der beiden Strecken über 168 und 134 Kilometer auch in diesem Jahr zu einem Abenteuer auf zwei Rädern. Ein großes Lob gilt Organisator Karl Mall und seinen zahlreichen freiwilligen Helfern. Dem Organisationskomitee gelang es, auch die 17. Auflage des Dreiländergiro durch Österreich, Italien und die Schweiz auf die Beine zu stellen sowie die Sicherheit für alle Fahrer zu gewährleisten.
Sportliche Grüße,
Thomas Janz
FOCUS-Bikes - von Profis für Profis


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