Die Konkurrenz sah Lance Armstrong bei der Tour de France zumeist nur von hinten
"Fahr auf die Seite, Du bist doch eh gedopt!" - sicherlich bin ich nicht der einzige Hobby-Radler, der sich diese Beschimpfung auf der Straße schon einmal bieten lassen musste. Seit dem 22. Oktober verstehe ich den Unmut vieler, die mit dem Radsport nichts am Hut haben, gegenüber denjenigen, die tagtäglich mit dem Renner auf Achse sind. Viele, die dem Radsport in den letzten Jahren trotz zahlloser Negativschlagzeilen die Stange gehalten haben, fühlen sich nun endgültig belogen und betrogen. Und dieser Anstrich färbt leider auf uns Jedermänner ab.
Seit 2005 bin ich leidenschaftlicher Rennradfahrer. Alleine dieses Jahr habe ich 10.000 Kilometer abgespult. Doch auch wenn der Radsport meine große Liebe ist und ich schon alleine von Berufs wegen nahezu jedes Rennen bei Eurosport verfolge, bin ich bezüglich der Zukunft des Profi-Radsports desillusioniert.
Dabei geht es mir weniger darum, mit welcher kriminellen Energie und Dreistigkeit Armstrong sein Ding offenbar durchgezogen hat. Das Märchen von der Unkenntnis von Verbänden, Veranstaltern, Team-Verantwortlichen, Sponsoren und Medienvertretern, die jahrelang im Dunstkreis des Pelotons um die Welt gereist sind, über Doping im Radsport, habe ich ohnehin nie glaubt.
Es ist vielmehr die Reaktion des Radsport-Weltverbandes (UCI) und der Habitus seines Präsidenten Pat McQuaid, der mich daran zweifeln lässt, dass im Profi-Radsport jemals einschneidende Veränderungen greifen werden.
"Im Radsport ist kein Platz mehr für Lance Armstrong. Armstrong muss vergessen werden."
Dieses zu höchst bedenkliche Zitat von McQuaid wird Geschichte schreiben. Ich rekapituliere: Armstrong muss also vergessen werden. Sprich, die Radsportfans sollen einfach mal so ein Jahrzehnt Tour de France mit all seinen Emotionen, Blut, Schweiß und Tränen aus ihren Köpfen streichen. Quasi Schwupp und weg damit. Am besten unter den Teppich?
Machen Sie es sich nicht ein wenig einfach, Herr McQuaid?!
Erst jetzt, wo die Kuh Amstrong nicht mehr zu melken ist, führt die UCI ihre einstige Galionsfigur zur Schlachtbank. Waren es nicht haarsträubende Versäumnisse und Unterlassungen der UCI, die Armstrong jahrelang geschützt haben? Warum wurde Armstrong, der seinen Sport wie kein anderer dominierte, über all die Jahre hinweg negativ getestet? Kurzum: Warum hat die UCI im Fall Armstrong nicht früher die Reißleine gezogen? Erst jetzt, nachdem die amerikanische Antidoping-Agentur (USADA) Beweise in Form eines eintausend Seiten umfassenden Dossiers der UCI wie eine Pistole auf die Brust gehalten hat, stürzen McQuaid und der Verband das einstige Denkmal.
Armstrong vergessen und weiter geht's! Klar geht es weiter. Es geht immer weiter. Beispielsweise mit dem Doping geständigen Bjarne Riis. Zwar hat sich der Teamchef von Saxo-Bank zu seinem persönlichen Fall als Aktiver geäußert, jedoch nie über seine Zeit als Teamchef. Alexander Winokurow wird 2013 Teamchef bei Astana. Wirklich reumütig hat sich der Kasache nach seinem Ausschluss von der Tour de France 2007 wegen Blutdopings jedoch nie gezeigt. Mit Wjatscheslaw Jekimow beerbt ein dreifacher Olympiasieger den geschassten Hans-Michael Holczer als Manager bei Katusha. Ausgerechnet Jekimow wurde zuletzt in den umfassenden Ermittlungsunterlagen zum Fall Armstrong von Floyd Landis belastet. Demnach soll der Russe einer von neun Profis gewesen sein, die bei der Tour 2004 im Teambus von US Postal Bluttransfusionen bekommen haben.
"Riis möchte seine Vergangenheit verwenden, um für seinen Sport eine bessere Zukunft zu schaffen", erklärte McQuaid den Journalisten auf der heutigen Pressekonferenz. Der große Unterschied zwischen Riis und Armstrong sei, dass der Däne Doping gestanden habe, Armstrong nicht.
"Der Radsport befindet sich in seiner größten Krise", merkte McQuaid folgerichtig an. Doch alleine durch das Vergessen der Person Lance Armstrong wird sich der Radsport nicht aus dem Sumpf ziehen. Es ist Zeit, sowohl in den Reihen der UCI als auch im Peloton Konsequenzen zu ziehen - eine Reinigung durchzuführen. Der Rückzug von Rabobank, die Entlassung von Johan Bruyneel bei RadioShack-Nissan — der Radsport befindet sich derzeit im Epizentrum des Bebens.
Allein die Hoffnung auf einen Wiederaufbau mit Vernunft und Verstand bleibt. Doch dazu muss man erst einmal schauen, was zwischen den Trümmern von meinem schönen Sport noch übrig geblieben ist.
Kette rechts...
Thomas Janz
