Der Bundestrainer benennt rund vier Wochen vor einem großen Turnier den Kader, das hat Tradition. Ebenso wie die Überraschungen, die dabei entstehen. Als überraschende Nominierungen für die Europameisterschaft 2012 wurden in diesen Tagen Mike Hanke und Patrick Helmes gehandelt.
Doch weder die laufintensive Saison des Gladbachers, noch die torreiche Rückrunde des Wolfsburgers werden mit einem Reisticket nach Polen und in die Ukraine belohnt. Stattdessen gehört mit Julian Draxler ein Spieler zum vorläufigen Kader, den vorher niemand auf dem Zettel hatte.
Spieler: Julian Draxler
Geburtsdatum : 20. September 1993
Geburtsort: Gladbeck, Deutschland
Nationalität: Deutschland
Größe: 1,87 m
Fuß: beidfüßig
Position: Linksaußen
Derzeitiger Klub: FC Schalke 04 (seit Januar 2011)
Rückennummer: 31
Frühere Clubs: FC Schalke 04 Jugend
Das Handy gehört auf deutschen Schulhöfen schon lange zum Kulturgut. SMS schreiben und im Internet surfen verkürzt die Wartezeit auf die nächste Stunde. So auch bei Julian Draxler. Der Schalker Linksaußen macht an der Gesamtschule Berger Feld sein Abitur und merkt in der großen Pause, dass er einen Anruf verpasst hat.
Der kam von keinem Geringeren als Joachim Löw und bringt dem 18-Jährigen die frohe Botschaft, auf die Mike Hanke und Patrick Helmes sehnsüchtig gewartet haben. "Du stehst im erweiterten EM-Kader", hinterließ der Bundestrainer ihm auf der Mailbox. Ein weiterer Höhepunkt in seiner rasanten Karriere.
Die beginnt mit dem Sprung aus der "königsblauen" A-Jugend in den Profikader im Januar 2011. Zehn Tage nach seinem Debüt in der Bundesliga wirft ihn der damalige Coach Felix Magath nach 116 Minuten ins kalte Pokal-Wasser. Gegen Nürnberg steht es 2:2 und die fast 50.000 Zuschauer in der Veltins-Arena stellen sich gedanklich bereits auf das Elfmeterschießen ein.
Ein Fulminantes Tor zum Pokal-Debüt
Doch das Eigengewächs, seit 2001 auf Schalke, hat etwas dagegen. "Versuch etwas", gibt ihm Magath bei seiner Einwechslung mit auf den Weg. Es bleibt nicht beim Versuch. Eine Minute vor dem Abpfiff wird Draxler von Jefferson Farfán angespielt, zieht von rechts in die Mitte, verlädt Nürnbergs Abwehrchef Andreas Wolf mit einem Übersteiger und haut den Ball aus 20 Metern Entfernung ins linke Eck. Das Stadion steht Kopf und feiert den 17-Jährigen. "Was für ein Traum", kommentiert er seine vier Minuten Pokal-Erfahrung später lässig.
Im Anschluss entbrennt eine hitzige Diskussion in Fußball-Deutschland: Nach Rücksprache mit seinem Trainer will Draxler die Schule vorzeitig beenden, um sich voll auf den Sport zu konzentrieren. Wenige Tage später rudert er zurück und geht fortan auf die Gesamtschule Berger Feld, eine Eliteschule des DFB. Mit Manuel Neuer und Real-Madrid-Star Mesut Özil machten dort bereits andere Nationalspieler ihren Abschluss.
"In dieser Saison haben wir Julian teilweise bewusst geschont, wenn wir gemerkt haben, dass er als junger Spieler eine Pause braucht", sagt der aktuelle Schalke Coach, Huub Stevens. Trotzdem kam das verheißungsvolle Talent in der abgelaufenen Spielzeit auf 30 Einsätze in der Bundesliga, bei dem es für zwei Tore und sechs Vorlagen verantwortlich war.
"Er ist ein Spieler mit enorm viel Potenzial, Stärken im Eins-gegen-Eins und einer sehr guten Spielintelligenz", begründete Löw seine Entscheidung für Draxler, der sowohl im Zentrum als auch auf den Außen spielen kann. Auf Schalke spielte er häufig auf links und bildete mit Farfán eine gefährliche Flügelzange. Trotz seines Körperbaus ist der Schlaks unheimlich wendig und spritzig.
EM in Polen und der Ukraine kommt zu früh
Mit diesen Attributen erinnert er stark an David Odonkor, der 2006 noch überraschend auf den WM-Zug aufsprang. Draxler wird dies im Hinblick auf die EM wohl nicht gelingen. Die Konkurrenz im deutschen Mittelfeld ist groß, alle Positionen sind mindestens doppelt und hochkarätig bekleidet. Auf seiner angestammten Position links ist Lukas Podolski gesetzt. Dahinter scharrt André Schürrle bereits mit den Hufen und überzeugte Löw bei seinen bisherigen Einsätzen.
Auf der "10" hat Löw die Qual der Wahl zwischen Weltklasse und Weltklasse: Mesut Özil und Mario Götze streiten sich um den Platz des Spielmachers. "Julian hat noch nicht diese Konstanz, er könnte ja noch in einem U-Team spielen", bremst der Bundestrainer die Euphorie über die Nominierung des jungen Schalkers.
"Julian kann in den nächsten Tagen sehr viel lernen", prophezeit ihm Stevens für die Zeit bei der Nationalmannschaft und erhofft sich einen großen Schub in dessen Entwicklung. Nicht mehr - aber auch nicht weniger - darf man vom Abiturienten erwarten.
Von Christoph Volk

