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    Um Reifenbreite

    Geheimwaffe! Es läuft nicht rund bei Sky

    Unrund & überlegenUnrund & überlegen

    Wow - das war mal eine Etappe! Mit offenem Visier haben sich die Fahrer quer durch die Alpen ein fast schon episches Duell geliefert. Ich ziehe den Helm und kann Sieger wie Besiegte nur loben, das war toller Radsport!

    Gegen Team Sky war nichts auszurichten, aber die Gegner konnten erhobenen Hauptes zu den Hotels rollen - sie haben alles versucht und sich nichts vorzuwerfen. Souveränst hat Sky mit seinen Helfern alles entweder vereitelt oder mit britischer Coolness nach wenigen Kilometern zunichte gemacht.

    Der  ungute Vergleich mit US Postal drängt sich da rein von der Dominanz her weiter auf (auch wenn der Kapitän nicht wie Armstrong am Ende noch alles in Grund und Boden fährt). So sehr ich mir ein paar (auf)klärende Worte von Mastermind Dave Brailsford wünschen würde, wie Sky aus einem Chris Froome einen potenziellen Tour-Sieger und aus Michael Rogers einen stärkeren Fahrer als zu T-Mobile-Zeiten gemacht hat - es gibt auch offensichtliche Gründe für die Leistungsstärke der Mannschaft.

    Julich als Vorreiter

    Einer ist mit bloßem Auge zu erkennen: Wiggins, Froome und Co. nutzen ein spezielles Kettenblatt, das ihnen einen merklichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen dürfte - und das völlig legal. Die "Wunderwaffe" von einem kleinen südfranzösischen Hersteller heißt Osymetric und hilft, die Beinkraft der Fahrer effektiver auf die Straße zu bringen. Mit den ovalen Kettenblättern à la Biopace hat das nichts gemein, das Konzept ist komplexer - aber anscheinend durchaus wirksam.

    Wiggins nutzte es schon 2009, als er Tour-Vierter wurde und inzwischen ist ein Großteil der Sky-Profis auf den Geschmack gekommen. Antoine Vayer, einer der kritischsten Begleiter der Szene in Frankreich, bezifferte den Leistungsgewinn nun in einem Beitrag für die Tageszeitung "Le Monde" auf "20 bis 30 Watt" - also mehr als beträchtlich.

    Die in Nizza gefertigten und 230 Euro teuren Kettenblätter sind keine Entdeckung der Detail-Fetischisten von Sky, Bobby Julich war schon 2004 bei Olympia damit zu einer Medaille gefahren und holte 2005 etliche Erfolge mit der gewöhnungsbedürftig aussehenden Scheibe. Aber es dürfte natürlich geholfen haben, dass der US-Amerikaner und enge Freund von Jens Voigt seit 2011 bei Sky angestellt ist und dabei insbesondere Froome und Porte unter seinen  Fittichen hat.

    Wiggins' Zeitfahrmaschine mit OsymetricWiggins' Zeitfahrmaschine mit Osymetric

    Sky ist das perfekte Team für den großflächigen Einsatz solcher Extras. Denn im doch oft sehr traditionsbehafteten Radsport ist der Rennstall 2009 bewusst angetreten, um Dinge anders zu machen, offener zu sein. Das Ausfahren auf der Rolle wurde und wird noch belächelt — aber eben teilweise von der Konkurrenz schon schnell übernommen. Moderne Ansätze bei Material, Trainingslehre oder Personalauswahl haben den Rennstall gerade anfangs zum schlecht gelittenen Außenseiter gemacht — doch nun gibt der Erfolg Brailsford & Co. recht.

    Fans können sich oft kaum vorstellen, wie träge und traditionsverliebt der Spitzenradsport sein kann. Herzfrequenzmessgeräte und SRM-Systeme haben Jahrzehnte gebraucht, um sich wirklich flächendeckend durchzusetzen, althergebrachte Weisheiten wie "viel hilft viel" oder "bloß nix trinken beim Training" haben sich unglaublich lange gehalten. Eurosport-intern ist es schon ein 'running gag', Sean Kelly damit aufzuziehen, dass er der letzte Profi war, der stur an seinen  Pedalhaken festhielt, als wirklich alle Welt auf Klickpedale umgestiegen war...

    Gluten? Gymnastik?

    Inzwischen aber hat sich viel getan, etliche Teams haben den Blick über den Tellerrand gewagt und bewährte Methoden aus anderen Sportarten übernommen. Ob Kühlwesten oder Eisbäder, glutenfreie Ernährung oder spezielle Gymnastik - es tut sich was. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Erik Zabel mir einst engagiert über den Einsatz solcher Neuerungen bei HTC-Columbia berichtete. Doch auf die Frage, wie man denn wohl unter Telekom-Profis zehn Jahre zuvor auf Ideen wie glutenfreies Essen & Co. reagiert hätte, gab es einen langen Blick und ein breites Grinsen...

    Heute sind hautenge Trikots bzw. Einteiler oder Zeitfahr-Handschuhe auch auf normalen Etappen kein seltener Anblick mehr, Kompressionsstrümpfe längst Alltag und eigene Köche bzw. ganze Küchentrucks keine Ausnahme mehr.

    Osymetric-Entwickler Jean-Louis Talo erklärt, wie einfach sich seine Konstruktion bei Sky verbreitet hat: "Als Froome sah, dass Wiggins das hatte, wollte er es auch. Als Porte sah, dass Froome damit Erfolg  hatte, wollte er es auch ausprobieren....", so der Biomechaniker. Mit hat Sky-Sprinter Chris Sutton schon vor einem Jahr von seiner besonderen Scheibe vorgeschwärmt — und kurz darauf gewann Geraint Thomas mit dem asymmetrischen Hilfsmittel die Bayern-Rundfahrt.

    Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in anderen Bereichen eine intensive Suche nach neuesten Methoden zur Leistungssteigerung gibt. Der Fall di Grégorio zeigt, dass Blut nun also wohl nicht nur mit UV-Strahlen, sondern auch mit Ozon auf Vordermann gebracht wird. Und sehr wahrscheinlich werden weiter Medikamente fröhlich eingesetzt, die noch gar nicht alle klinischen Testphasen hinter sich haben. Das Misstrauen radelt außer weiter mit und ist nicht vom Hinterrad abzuhängen.

    Da wäre es doppelt wichtig, wenn sich Mr. Brailsford an seine früheren Aussagen bezüglich 'Transaprenz geht vor Erfolg' erinnern und ein paar erhellende Einblicke geben würde, weshalb gerade etliche Edelhelfer bei Sky stärker sind als anderswo die Kapitäne. Denn so lange solche Fragen nicht schlüssig beantwortet werden, bleibt ein bitterer Beigeschmack. Der Verweis auf viele und negative Test allein ist ein bisschen arg "old school", das hat Sky doch in so vielen Bereichen weit hinter sich gelassen.

    War noch was?

    Ja - wir nehmen mit viel Respekt Abschied von Alessandro Petacchi. Egal ob man den Italiener mag oder nicht, aber dass er sich mit Verdacht auf Rippenbruch durch die Etappe kämpfte und dann an der Karenzzeit scheiterte, hat alle Anerkennung verdient. Fraglich, ob er noch einmal bei der Tour antreten wird - doch wer sich fragt, wann jemand zuletzt in einer ersten Tour-Woche noch erfolgreicher als Peter Sagan war, der sollte mal im Jahr 2003 nachschauen...

    Der Tweet des Tages kommt diesmal vom Australier Baden Cooke, der die Strapazen der 11. Etappe prägnant vorhersah. Er wollte damit aber wohl nicht einen kleinen Seitenhieb auf Fabian Cancellara loswerden....

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