Jetzt geht's los - und wie! Die erste Bergankunft der Tour steht an. Und auch wenn es nur auf 1035 Meter hinauf geht - die "Planches des Belles Filles" sollte niemand unterschätzen. Aber auch schenkelklopfende Wortspiele mit den hübschen Mädchen sollten vorsichtig eingesetzt werden, die Geschichte hinter dem Namen ist nicht besonders hübsch.
Doch dazu später, erst der Blick auf das Sportliche. Unser Bergführer für diesen ersten Anstieg der 1. Kategorie der Tour war bei Eurosport Arthur Vichot. Der junge Franzose bestreitet die Tour für FDJ und kennt Region und Finale bestens. Und er verspricht uns eine Tour-Premiere, die man nicht so schnell vergessen wird.
Denn die reinen Eckdaten des erstmals auf dem Programm stehenden Anstiegs täuschen - obwohl sie schon eindrucksvoll genug sind...
Vichot erklärt, was auf den letzten sechs Kilometern wartet. "Es ist eine schöne, neu geteerte Straße, die glatt wie ein Billardtisch ist. Der erste Kilometer ist eine mächtige Rampe, die immer steiler wird - bis hin zu 18%. Danach wechseln sich steile und flachere Partien ab, bis es dann ganz am Ende, nachdem man den Parkplatz der Skistation passiert hat, auf 400 Metern bis zu 28% steil wird", fasst er die Steigung zusammen.
Ganz neu sind die letzten Meter: "Dieser Teil wurde extra gebaut, indem man eine Skipiste asphaltiert hat. Als ich da mit 8km/ hochgefahren bin, habe ich trotzdem 500 Watt getreten!", verrät er. Und er kündigt ein "herausragendes Finale" an: "Wer da Probleme bekommt, kann sich auf eine saftige Rechnung gefasst machen. Zwischen den Favoriten kann es leicht Abstände zwischen 20 und 30 Sekunden geben. Allein auf dem letzten kurzen Steilstück hat man schnell 15 Sekunden verloren."
Aus seiner Sicht ist der Anstieg "vielleicht noch am ehesten mit der Rampe hoch zum Flugplatz in Mende zu vergleichen, nur dass die Planche des Belles Filles länger und nicht so gleichmäßig ist".
Größere Abstände als in Alpen?
Thibault Pinot, der andere "local hero" im Feld, weist auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: "Helfer werden hier keine große Rolle spielen können, denn dazu ist es einfach zu steil. Und lange abwarten kann man hier auch nicht, dazu geht es zu steil los. Wer nach der ersten Kurve, etwa 1,5 Kilometer nach Beginn des Anstiegs, vorne ist, wird auch am Ende mit ganz vorne sein."
Für den jungen Kletterer ist es gut möglich, dass die Abstände im Ziel dieser Etappe größer sind als bei der Bergankunft in den Alpen auf der 11. Etappe nach La Toussuire.
Kein Wunder, dass sich viele Favoriten den Berg genau angeschaut haben - Cadel Evans etwa nutzte die Tour de Romandie zu einem Ortstermin. Dem Ex-Mountainbiker sollten die Rampen und Rhythmuswechsel liegen, er könnte im Duell mit Wiggins hier punkten. Nachdem er weder in Seraing noch Boulogne-sur-Mer seinen großen Rivalen abschütteln konnte, muss es im dritten Anlauf unbedingt klappen.
Dass es einen neuen Träger des Gelben Trikots geben wird, ist völlig klar, vielleicht schlägt ja die Stunde eines abgeschlagenen Außenseiters - davon gibt es ja jetzt genug...
Illegal, aber schon gebaut
Aufmerksam auf die Rampe wurden die Organisatoren im Rahmen ihrer Suche nach Anstiegen, die sich hinter den Superlativen bei Giro und Vuelta nicht verstecken müssen. Es ist kein Zoncolan oder Angliru geworden, aber dort wo sich sonst ambitionierte Hobbyfahrer bei kleineren Rennen verausgabten, wird nun der große Tour-Zirkus einfallen.
Das freut nicht jeden, das Finale der Etappe sorgte monatelang für Zwist. Doch die Beschwerden von Naturschützern gegen den massiven Eingriff in den Parc national des Ballons des Vosges wurden vom Verwaltungsgericht in Besancon im März abgewiesen. Doch dabei hielt die Justiz auch fest, dass die Bauarbeiten im Herbst 2011 ohne die nötige Genehmigung begonnen (und in der Zwischenzeit beendet) wurden.
Ach so, der Name: Der erinnert an ein Drama im Dreißigjährigen Krieg, als die jungen Frauen der Region sich 1635 vor den schwedischen Truppen an einem verborgenen Waldsee verstecken wollten. Doch die Landsknechte entdeckten die verängstigten Französinnen, die sich daraufhin verzweifelt in den See stürzten und ertranken.
War noch was?
Ja - das Pech im Glück bei Mark Cavendish. Dem Massensturz entkam der Weltmeister, doch in den Sprint konnte er dennoch nicht eingreifen. Ein Defekt warf ihn zurück und brachte ihn damit wohl um alle Chancen im Kampf um Grün - zu weit liegt er hinter Sagen und Co. nun nach dieser erneuten punktetechnischen Nullnummer zurück.
Tweets des Tages:
Der Sturz war natürlich das große Thema, der Tenor überall gleich: Es war verdammt übel, kaum jemand kann sich an ähnlich schlimme Szenen erinnern. Das arg gebeutelte Garmin-Team meldete sich zeitgleich zu Wort.
Bis morgen,
Andreas Schulz
