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    Um Reifenbreite

    Tour-Blog: Langweiler Wiggins?

    Fast hätte er noch gesungen...Fast hätte er noch gesungen...

    Noch Fragen? Erst gab Bradley Wiggins seine Antwort auf der Strecke, dann wagte er sich in die Höhle des Löwen.

    Wobei, ganz so furchterregend ist die "Hall Jean Cochet" nicht, wenn man den Kollegen vor Ort glauben darf. Sonst Spielstätte der Hand- und Basketballer Chartres, war sie die Bühne für den Tour-Sieger, der sich erstmals dem Pressesaal nicht nur per Video-Schaltung stellte.

    Das versprach Unterhaltung, schließlich hatte er im Verlauf der Tour die Berichterstatter mit wunderbaren Schimpfworten beglückt, sich über pausenlose Dopingfragen aufgeregt und sich zuletzt immer stärker gegen den Vorwurf wehren müssen, er sei nicht der stärkste Fahrer im Feld gewesen.

    Und Wiggins enttäuschte nicht, ebensowenig wie zuvor im Zeitfahren. Mit einem klaren Sieg dort hatte er schon dafür gesorgt, dass Fragen zu Chris Froome und der Taktik bei Sky auf einen Schlag viel an Brisanz verloren hatten.

    "Museeuw statt Gascoigne"

    So konnte Wiggins erst einmal einordnen, was dieser historische Triumph bedeutet "für einen Jungen aus London, der als Teenager Indurain im Fernsehen bewunderte", der "Poster von ihm oder  Johan Museeuw" an der Wand hatte ("bei den anderen Jungs hingen da Gary Lineker und Paul Gascoigne"), für jemand, "den die Enttäuschung der Tour 2010" nur stärker gemacht hat.

    Wo Cadel Evans im letzten Jahr unter Tränen seinem verstorbenen Coach und Mentor Aldo Sassi gedankt hatte, verriet Wiggins, wie ihm im Finale des Zeitfahrens die Personen und Stationen seines Lebens vor dem inneren Auge vorbeizogen. Und dass der Triumph und die Emotionen von Evans ihn letztes Jahr motiviert hätten: "Ich saß mit kaputtem Schlüsselbein daheim und dachte - das will ich auch erleben!"

    Wer ihn für einen Senkrechtstarter hielt, den erinnerte er noch einmal daran, dass er schon 1998 WM-Gold bei den Junioren geholt hatte und dass ihn Dave Brailsford und Shane Sutton seitdem "durch alles begleitet haben", ob Rückschläge oder Olympia-Gold, Heirat oder den Tod des Vaters - die Nachricht überbrachte ihm Sutton einst mitten in der Nacht.

    Kulturkritik & Geschichtskenntnis

    Und bei aller Begeisterung über seinen Sieg verlor er die Maßstäbe nicht. "Das ist mein größter Erfolg", so der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister, "aber es ist nicht das Größte im Leben". Mehrfach betonte er, dass er ein völlig normaler Mensch sei - "ich gehe auch jeden Tag aufs Klo". Aber ein wenig Kulturkritik durfte auch sein: "In unserer Gesellschaft sind heute viele Leute berühmt, ohne etwas zu können. Es ist schön, für eine echte Leistung bekannt zu sein." Da kann man nur zustimmen.

    Wer Wiggins Taktik langweilig fand, soll sich nochmal die Tour-Zusammenfassungen aus der Ära von Jaques Anquetil oder der ersten Indurain-Jahre ansehen: Zeitfahren zu gewinnen und dann in den Bergen einfach nicht zu viel Zeit zu verlieren war das Markenzeichen beider Fünffach-Sieger.

    Wobei Wiggins, exzellenter Kenner der Radsport-Historie, seinem Kindheitsidol Indurain sofort beisprang und ohne zu zögern Bergetappen nennen konnte, bei denen der Banesto-Star seinerzeit sehr wohl offensiv in Aktion getreten sei - da staunten etliche der Pressevertreter über so viel Hintergrundwissen.

    "Ein paar extra Liter Blut"

    Insgesamt zwei Minuten Vorsprung aus den drei Auftritten gegen die Uhr - da wäre es für Froome auch ohne die Reifenpanne auf der 1. Etappe nicht leicht geworden, den Chef zu schlagen. Schließlich, auch das wurde teilweise in den letzten Tagen vergessen, ist Wiggins kein Fallobst in den Bergen gewesen, sondern hinter seinem Kronprinz der zweitbeste Kletterer der Tour.

    Klartext bekamen daher auch die Kritiker, die Wiggins eine wenig begeisternde Fahrweise vorwarfen. "Ja, die Pantanis dieser Welt... - aber der Radsport hat sich gewandelt", so Wiggins, "Solo-Ritte über 220 Kilometer à la Virenque sind heute nicht mehr realistisch - so sehr ich das auch als Kind geliebt habe. Die Tour ist viel humaner geworden."

    Mit einem Beispiel aus dem Rennen erläuterte er seine Ansicht: "Wenn wir am Berg das Feld kontrolliert haben und dabei etwa 450 Watt fuhren, sagte Michael Rogers bei jeder Attacke: Lass sie fahren, die halten das nicht durch! Und so ist es auch - um sich wirklich abzusetzen muss man 20 Minuten lang 500 Watt bringen. Das ist nicht mehr möglich - außer man hat ein paar Extra-Liter Blut....!"

    Zumal Wiggins auch noch einmal erklärte, wie er seine Leistung erzielt, wie minutiös er und sein Team an den berühmten "marginal gains" gearbeitet haben. Ernährung, Ausrüstung, Trainingsmethodik waren der Schlüssel zum Erfolg. Ein Bild von der 19. Etappe symbolisiert das besser als jedes andere: Der automatisierte Griff an den SRM-Computer kam auf der Ziellinie noch vor der Jubelfaust.

    Drohung & Dank

    Und wer sich nun etwas amüsiert über die Begeisterung der Briten, sollte sich mal ein wenig daran erinnern, was bei uns 1997 los war, als Deutschland seinen ersten Tour-Sieger feierte. Und bedenken, dass Wiggins weitaus besser kontrolliert und auch von seinen heimischen Medien kritischer behandelt wird als das mit Jan Ullrich vor 15 Jahren der Fall war.

    Nur auf Französisch wollte er sich, nach vielen Jahren in französischen Teams, nicht äußern - so sehr man ihn lockte und schmeichelte. "Ich spreche nur ein Kneipen-Französisch und kann damit meine Gefühle nicht ausdrücken."

    Nach kurzer Pause drohte er noch an "Ich sing jetzt ein Lied!" - was angesichts seines exquisiten Musikgeschmacks und seiner von allen Teamkollegen extrem gelobten Fähigkeiten als Imitator sicher der wahre Höhepunkt der Tour geworden wäre.

    Doch dann kam er noch einmal kurz zurück auf die Bühne - um sich für seine Launenhaftigkeit zu entschuldigen und bei den Journalisten zu bedanken:

    "I know I can be a pain in the arse at times with the press, I am only human. But I just wanted to say thanks to everyone ... for putting up with me - all year, actually."

    Sprach's und verschwand endgültig Richtung Campanile-Hotel, um dort mit den Teamkollegen die verdienten Burger zu essen.

    Es mag nicht die spannendste Tour gewesen sein - aber den langweiligsten Sieger hat sie sicher nicht.

    War noch was?

    Ja - im Zeitfahr-Startort der 19. Etappe, Bonneval, schloss sich für Wiggins auch ein Kreis: Dort hatte er einst 2003 beim Prolog der Tour de l'Avenir seinen ersten Profisieg gefeiert - im einem Zeitfahren über 10,7 Kilometer für das Team FDJ.

    Der Tweet des Tages kommt diesmal vom US-Kollegen Neal Rogers, der fast schon sentimental zurückblickt auf zwei Fahrer, die nun beide Geschichte geschrieben haben.

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