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    Um Reifenbreite

    Tour-Blog: Klartext im Doppelpack

    Wiggins & MillarWiggins & Millar

    Es gibt Tage, da verzweifelt man an seinem Sport.

    Und es gibt Tage wie diesen.

    Das klingt vielleicht etwas pathetisch — aber dieser Freitag der 13. könnte als großer Tag in die Radsport-Geschichte eingehen.

    Dass David Millar als sauberer Fahrer ein Rennen gewinnt, ist gar nicht so selten. Er hat Zeitfahren bei Vuelta und Giro für sich entschieden, bei der Tour im Vorjahr mit seinem Team im Mannschaftszeitfahren triumphiert.

    Aber der Coup auf dieser 12. Etappe hat dennoch eine andere Qualität. Die größte Bühne des Radsports gehörte ihm diesmal allein. Ihm und seiner Botschaft.

    "Hesjedal ist sauberer als sauber"

    "Nennt mich weiter Ex-Doper", so Millar, "denn ich habe diese Fehler gemacht und es ist wichtig, dass sie nicht vergessen werden". Das sollten sich all' die "ich habe gebüßt, will über diese Zeit nicht reden, blicke nur nach vorne"-Gesichter mal an ihren Spiegel hängen.

    Es war nicht die schwerste Etappe der Tour, es war nur die längste. Aber die Botschaft, die von Millars Sieg ausgeht, reicht weit über den Tag hinaus.

    "Ich wollte allen zeigen, wie sich der Radsport entwickelt hat", so Millar dreizehn Jahre nach seinem Zeitfahr-Sieg gegen die von Armstrong angeführte Elite. Den Kritikern und Zynikern, die über all' die Jahre in denen Lügen und Betrug auch bei Millar selbst zur Tagesordnung gehörten, den Glauben an einen anderen Radsport verloren hatten.

    Noch ist längst nicht alles rosig, niemand wüsste das besser als der 35-Jährige. Aber dass es inzwischen ein Team wie Garmin gibt, das eine klare und harte Linie fährt und dennoch Erfolg haben kann, hat eine kaum zu überschätzende Wirkung. "Wir haben mit Ryder Hesjedal den Giro gewonnen — und er ist sauberer als sauber. Wir wollen zeigen, dass man die Dinge anders machen kann, wir setzen auf Transparenz", so das Credo Millars.

    Wiggins eindrucksvoller Gegenschlag

    Das war auch mal das Credo bei Sky — und viele, auch ich, haben Dave Brailsford und Bradley Wiggins für ihre teils fehlenden, teils fehlgeleiteten Äußerungen zum Thema Doping bei dieser Tour kritisiert.

    Wiggins "Gegenschlag" nun war noch eindrucksvoller als die sportlichen Auftritte, und das will etwas heißen. Auf zwei DIN-A4-Seiten legt er im Guardian dar, dass er noch immer zu seinen klaren Worten gegen Doping steht, die er etwa bei der Tour 2006 und 2007 gewählt hatte. "Ich verstehe, warum mir diese Fragen gestellt werden. Sie eine habe Stunde nach einem der härtesten Rennen meines Lebens zu beantworten, ist schwer", kommt er den Kritikern entgegen und wirbt für Verständnis.

    Der Bahn-Olympiasieger erinnert daran, dass er auch auf der Straße schon vor vielen Jahren immer wieder seine Klasse zeigte, etwa als 7. der Zeitfahr-WM 20005 oder als Fünfter beim Tour-EZF 2007. Und er erinnert daran, dass er damals teilweise von wohl gedopten Fahrern geschlagen wurde.

    Dass ihn das Thema Doping nun weniger belastet, liege nicht daran, dass sich sein moralischer Standpunkt verschoben hätte. Sondern daran, dass "der Sport sich wandelt. Er ist noch nicht über den Berg, aber Doping beschäftigt mich nicht mehr dermaßen, weil ich nicht mehr von gedopten Fahrern geschlagen werde".

    Doping käme für ihn nie in Frage, betont Wiggins und legt ausführlich dar, was er damit alles aufs Spiel setzen würde: Alles. Seinen Ruf, seinen Lebensstandard, seine Ehe, seine Familie. Seine Titel bei Olympia und Weltmeisterschaften. Er wolle nicht "die Kinder zur Schule bringen und dabei von jedem im Ort schief angesehen werden", weil er betrogen habe.

    Er begründet seine generelle Ablehnung des Dopings mit seiner Herkunft und seinem Umfeld. "In Großbritannien ist Doping moralisch nicht akzeptierbar (...), die Haltung zu Doping ist anders als etwa in Italien oder vielleicht Frankreich." Das mag mancher für eine Phrase halten — und natürlich gibt es viele Beispiele für Doper auf der Insel. Aber es stimmt eben auch, dass in englischen Fußballstadien die Fans die eigenen Spieler auspfeifen, wenn diese einen Elfmeter schinden wollen — und nicht deren Cleverness jubeln. Frag' nach bei Tottenhams Jürgen "Diver" Klinsmann...

    Wie wär's mit einer Unterschriftenliste?

    "Doping ist das alles nicht wert", so Wiggins Fazit. "Es geht hier nur um Sport. Und der ist mir nicht wichtiger als all diese anderen Dinge. Wenn ich das Gefühl hätte, ich müsste dopen, würde ich aufhören und lieber im Supermarkt die Regale auffüllen", endet sein langer Text.

    Ein solches Bekenntnis von einem aktiven Radsportler in seiner Position habe ich noch nie gelesen. Es wäre eine schöne Idee, den Text am Start der Etappen als Unterschriftenliste auszulegen. Marco Pinotti vom Team BMC hat sich übrigens per Twitter genau dazu sofort angeboten.

    In der Pressekonferenz nach der Etappe unterstrich Wiggins noch einmal, dass er "so offen und ehrlich wie möglich" sein wolle bei seinem Versuch "zu beweisen, mit Brot, Wasser und harter Arbeit" so erfolgreich zu sein. "Dann gewinne ich vielleicht das Vertrauen der Leute", schloss er.

    Kann sein, dass er noch dreister ist als die dreistesten Exemplare unter seinen Vorgängern in Gelb. Aber es könnte ja auch sein, dass er es tatsächlich ernst meint. Zumindest eine faire Chance hat er verdient — wir sollten im Radsport von der Sippenhaft langsam mal wieder zur Einzelfallprüfung übergehen!

    Gedenken an Tom Simpson

    Und vergessen wir nicht: All' das an einem 13. Juli, dem Todestag von Tom Simpson. Der gerade in Deutschland oft verzerrt nur als Symbol des gnadenlosen Dopens gesehen wird, was aber diesem Athleten nicht gerecht wird. Millar und Wiggins haben enormen Respekt vor dem ersten Briten, der je Gelb bei der Tour trug. Das Bild in Millars Buch, das beide bei der Tour 2007 zeigt, wie sie am Ventoux bei der Passsage des Gedenksteins zu Ehren von Simpson den Helm abnehmen, drückt das besser als alles andere aus. Man muss die Vergangenheit eben kennen, um aus ihr zu lernen.

    Wer das Bild sehen will, dem sei allerwärmstens Millars Biographie ans Herz gelegt. "Racing through the dark" kam 2011 auf den Markt und ist nun auch in deutscher Ausgabe erhältlich (im Original ist das Foto auf Seite 309). Es ist das beste Radsportbuch, das ich kenne, eine absolute Pflichtlektüre. Offen, schonungslos, toll geschrieben, ohne wildes Denunziantentum, voller Liebe zu diesem oft seltsamen Sport. Wer verstehen will, wie man zum Doper wird — und wie es auch ohne Doping gehen kann, muss durch diese faszinierende und schockierende Lektüre.

    Dass die Biographie nicht Englands Sportbuch des Jahres wurde, kann ich nur deshalb verschmerzen, weil die Auszeichnung an den höchst geschätzten Kollegen Ronald Reng für seine exzellente Biographie über Robert Enke ging.

    War noch was?

    Ja — es wäre gerade im Licht der ganzen Worte oben höchst unfair, nicht auch kurz an David Moncoutié zu denken, der nach Sturz die Tour aufgeben musste. Ausgerechnet an diesem Tag erwischt es die Inkarnation des sauberen Radsports. "Er ist um viele Siege betrogen worden", hat Millar unlängst erinnert. Hoffen wir, dass er in seiner wohl endgültig letzten Saison noch einen feiern kann.

    Im Tweet des Tages erinnert Mark Cavendish abschließend daran, warum die Chancen auf heimisches Gold bei den Spielen in London aus britischer Sicht fast unfassbar gut sind:

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