Auch Rolland hat mal Defekt...
Warten oder nicht, das war die große Frage bei der Tour - und nicht zum ersten Mal.
Mit hat gefallen, wie Bradley Wiggins die erste große Gruppe bremste, um Cadel Evans nicht um alle Chancen zu bringen. Ich fand es nicht die feine englische Art, wie Pierre Rolland sich dumm und/oder taub stellte, auch wenn hier vielleicht "im Zweifel für den Angeklagten" gelten mag.
Aber ein wenig macht man es sich auch zu leicht mit der Einteilung in "gut" und "böse". Denn wo wird die Grenze gezogen? Ab wann wird auf wen gewartet — und wie lange? Jurgen van den Brock hat mit Recht daran erinnert, dass sich niemand um ihn scherte, als er vor der "Planche des Belles Filles" Defekt hatte. Dass er dann keine Lust hat, seinen mühsam zurückerkämpften fünften Platz zu verlieren, kann ich bestens verstehen.
Es ist einfach, Wiggins zu applaudieren — doch der hat seine Schäfchen auch schon recht sicher im Trockenen. Nicht falsch verstehen, ich fand seine Aktion gut, denn nicht längst jeder Top-Fahrer hätte vielleicht so reagiert. Denn das Problem mit "ungeschriebenen Gesetzen" ist eben, den exakten Geltungsbereich festzulegen.
Wieviele Leute muss ein Sturz treffen, damit man wartet? Wie weit darf es noch zum Ziel sein? Wie muss die Ausgangslage um den Tagessieg und den Tour-Sieg aussehen? Auf der 6. Etappe verloren durch einen Massensturz über 100 Fahrer unverschuldet mindestens zwei Minuten — ohne dass jemand groß danach fehlendes Fairplay der 80 glücklichen Fahrer vorne beklagt hätte.
Wo ist die Grenze zwischen Cleverness und Unfairness? Als Luis Leon Sanchez gestern die Ausreißergruppe in genau dem Moment sprengte, als sich Peter Sagan gerade mit einem Energieriegel beschäftigte, hat niemand gestört (außer Sagan).
"Radsport wird zum Baby-Laufstall"
Als bei der Tour 2010 in den Ardennen plötzlich das halbe Feld zu Boden ging und Fabian Cancellara die Etappe neutralisierte, bekam er viel Lob. Und Maxime Bouet Ärger, weil er aus dem Feld noch Platz zwei ersprintete. Doch der Franzose sagte damals mit Recht, dass ein Top-Verdiener wie der Schweizer auch mal an andere Fahrer denken sollte, die für sich und ihr Team jeden UCI-Punkt brauchen, wenn es am Ende der Saison um die Lizenzen für die erste Liga geht.
Und einen Tag später war es allen über das Kopfsteinpflaster total egal, da wurde ohne Rücksicht auf Verluste Vollgas gegeben, Stürze und Defekte einfach hingenommen, an Neutralisation dachte kein Mensch.
Es ist also eine Gratwanderung, bei der Meinungsführer in Peloton und Presse die Richtung vorgeben und manche arg zähneknirschend folgen müssen. Alberto Contador wurde zwei Wochen später zum bösen Buben, weil er am Port de Balès gegen Andy Schleck in einem fragwürdigen Moment in die Offensive ging. Manche haben sich darüber weitaus mehr ereifert als später über den positiven Test des Spaniers.
Aber nicht wenigen altgedienten Profis und Beobachtern geht die Rücksichtnahme etwas weit. Carlos Sastre etwa war stinksauer, als er auf der großen Pyrenäen-Etappe jener Tour Ärger bekam, weil er weiter attackierte, als hinten Samuel Sanchez gestürzt war und die anderen Asse warteten:
"Ich bin bei dieser Tour auch gestürzt, ich hatte Defekte, niemand hat je auf mich gewartet", beschied der Sieger von 2008 seinerzeit allen Kritikern. "Ich denke, wir machen aus dem Radsport in solchen Situationen einen Baby-Laufstall."
Früher war nicht alles besser
Das ist vielleicht etwa hart, aber es zeigt nochmals das Dilemma. Denn das ungeschriebene Gesetz wandelt sich mit der Zeit. Daran erinnerte nun aktuell Jean-Francois Bernard, einst Top-Profi und Eurosport-Experte, jetzt bei der L'Equipe scharfzüngiger Analyst. "Die Dinge entwickeln sich mit den Generationen", gibt er all jenen auf den Weg, die glauben, man habe schon immer so ritterlich gewartet. Und er erinnerte daran, dass bei der Tour 1987 kein Mensch auf ihn wartete, als er im Gelben Trikot (!) auf der 19. Etappe Defekt hatte. Das Ergebnis: Er verlor über vier Minuten und den Gesamtsieg — in Paris lag er 2:13 Minuten hinter Stephen Roche.
Und noch 1999 gab es keinen Aufstand im Feld, als durch die Passage du Gois auf der 2. Etappe 100 Fahrer abgehängt wurden. Dabei waren es von dort noch über 80 Kilometer ins Ziel und die Sturzopfer nach Verfolgungsjagd schon wieder bis auf 30 Sekunden an die erste Gruppe herangekommen. Doch die Teams von ONCE und US Postal machten gnadenlos Tempo, so dass am Ende die Rechnung für Alex Zülle & Co. über sechs Minuten betrug.
Mit dabei als Tempobolzer für Lance Armstrong war Frankie Andreu, der damals in seinem Tagebuch kein Wort über mögliche Fairness-Bedenken äußerte, sondern den gelungenen Coup stolz beschrieb. Heute lobt er Wiggins für seine Haltung — da hat sich also auch in diesem Bereich etwas verändert im Radsport.
Da bleibt es für mich weiter der vielleicht größte Moment der Karriere von Jan Ullrich, wie er 2003 im Schlussanstieg nach Luz-Ardiden auf den gestürzten Lance Armstrong wartete. Damals trennten beide nur 15 Sekunden im Gesamtklassement, es hätte der Tour-Sieg für Ullrich sein können. Und nein, es war nicht Tyler Hamilton, der für seinen Kapitän die Gruppe bremste, dieser Verdienst gebührt Ullrich. "Ich war ja zum Zeitpunkt, als Lance stürzte, schon aus dieser Gruppe abgehängt", erklärte mir Hamilton ein Jahr später im Gespräch. "Die Tatsache, dass ich überhaupt wieder heran kam ist schon der Beweis, dass sie gewartet haben."
Was macht eigentlich die Jury?
Wie wäre es denn eigentlich, wenn das ungeschriebene Gesetz also mal eine gewisse Schriftform erhielte? Die Reglements von UCI und ASO kümmern sich um feinste Details, jeden Tag zahlen Fahrer brav dafür, dass sie beim Pinkeln am Straßenrand erwischt wurden, es gibt genaue Bestimmungen, wie mit geschlossenen Bahnschranken umzugehen ist, sekundengenau wird die Karenzzeit für jede Etappe festgelegt. Warum nicht als Rennjury in solchen Fällen den Job übernehmen, den man eigentlich auch erwarten könnte - nämlich mit mehr Informationen als Fahrer im Chaos und bei Puls 178 zu entscheiden, eine Rennphase zu neutralisieren?
Das ist allemal objektiver, als das einem Cancellara oder Wiggins zu überlassen bzw. einzelne Fahrer zu bösen Buben zu machen, die vielleicht tatsächlich nichts vom Drama weiter hinten wussten! Richard Virenque wird noch heute vorgeworfen, wie er 1995 im Ziel der 15. Etappe jubelte — als fast alle außer ihm schon vom tödlichen Sturz von Fabio Casartelli Stunden zuvor erfahren hatten.
Man kann nicht für jede Situation vorab schriftlich Vorgehensweisen festlegen, aber aktuell lassen die Sattelneigungsmesser und Werbegrößenfestleger die Fahrer und Teams da ein wenig allein und machen sich einen für meinen Geschmack zu schlanken Fuß. Jeder fragwürdige Sprint wird nachträglich bei Bedarf sanktioniert - das könnte doch auf solche Rennsituationen ausgedehnt werden. Warum Rolland, wenn er mit 90 Sekunden Vorsprung ins Ziel gekommen wäre, nicht auf den letzten Platz der Favoritengruppe zurücksetzen oder mit zwei Minuten Strafe belegen? Ist ja nur ein Vorschlag...
War noch was?
Ja — die Rechnung bitte: Die L'Equipe hat Bilanz gezogen: 8000.- Euro an Reifenmaterial hat die hirnlose Aktion gekostet. 5000.- bei den Radfahren, weitere 3000.- bei den motorisierten Fahrzeugen im Tross. Mächtige "Rendite", im wahrsten Sinne des Wortes eingefahren mit einer Investition von 2 Euro im Castorama-Baumarkt Foix-Nord.
Der Tweet des Tages kommt diesmal von gestern und hat nichts mit der ganzen Nagelei zu tun, bringt aber für mich schön den Gemütszustand zu Beginn einer letzten Tour-Woche auf den Punkt. Gilt übrigens auch für viele Leute im Presse-Tross, der Werbekarawane etc.: Es ist nicht rund um die Uhr drei Wochen der Traumjob, für den man es von Außen halten mag.
