WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Um Reifenbreite

    Man braucht Mut!

    So wird's gemacht: Rolland & VDBSo wird's gemacht: Rolland & VDB

    Ich kann's nicht mehr hören. Ob nach der ersten Bergankunft, nach dem Zeitfahren oder den halben Ruhetag über: Immer die gleiche Leier aus dem Lager der schon fast geschlagenen Sky-Rivalen.

    "Paris ist noch weit", "die Tour fängt erst richtig an", "die echten Berge kommen noch"," wir waren noch gar nicht in den Alpen und Pyrenäen".

    Ist ja gut, stimmt ja alles.

    Aber so wird das nix werden, Freunde. Ob Tour-Sieg, Podium, die Top 5 oder Top 10 — was auch immer das jeweilige offene oder heimliche Ziel ist: Mit den Rückständen vor den Alpen gibt es für jede Menge Top-Fahrer nur eine Devise: Offensive! Wer erinnert sich noch an den Sechsten oder Neunten des Vorjahres? Siehste.

    Sky ist nicht unverwundbar

    Ein paar Fahrer haben es ja auf der 10. Etappe vorgemacht: Vincenzo Nibali kam nicht durch — aber er hat gezeigt, dass man Sky bergab eine Minute abnehmen kann. Hätte ihn Sagan länger unterstützen können, wäre ein zweiter starker Fahrer mitgegangen oder der Italiener an Jens Voigt herangekommen — die Bilanz sähe ganz anders aus.

    "Man braucht Mut", so Nibali im Ziel — Recht hat er! Das ewige Zaudern, das Absichern eines achten, 13. oder 17. Platzes bringt doch niemand wirklich weiter. Nibali hat sich immerhin schon einen bösen Blick von Wiggins verdient — und mit Recht daran erinnert, dass ein gewisser Juan Jose Cobo das Sky-Duo bei der Vuelta hinter sich ließ.

    Respekt deshalb vor Jurgen van den Broeck, der sich seit seinem unglücklichen Defekt vor der "Planche des Belles Filles" immer wieder im Angriff zeigt. Belächelt vielleicht von manchen, doch er hat es mit Pierre Rolland zumindest geschafft, eine halbe Minute Rückstand aufzuholen — während alle anderen in dieser Tour immer nur Zeit auf Wiggins und Froome verloren haben.

    Giro als Warnung & Vorbild

    Respekt auch vor Michele Scarponi, der bei seiner Jagd auf den Etappensieg auch wieder den Sprung unter die Top 15 geschafft hat. Dem Italiener dürfte noch der Giro in unguter Erinnerung sein, als er und Ivan Basso immer wieder davon sprachen, dass die beiden letzten, hammeharten Bergetappen schon noch alles richten würden: Mailand ist noch weit, die Dolomiten steil...

    Am Ende aber stand kein Italiener in Milano auch nur auf dem Podium. Sondern mit Ryder Hesjedal und Joaquin Rodriguez zwei Fahrer, die unterwegs jede sich bietende Sekunde mitgenommen hatten — und ein Thomas de Gendt, dessen Mut zu einer riskanten Flucht fast mit dem Gesamtsieg belohnt worden wäre.

    Der Belgier sollte etlichen der großen Namen, die schon überraschend weit unten im Klassement stehen, ein Vorbild sein. Was haben denn Fahrer wie Leipheimer, Brajkovic oder Valverde noch zu verlieren? Nichts. Aber sie könnten vielleicht eine Sensation schaffen. Verbündete müssten sich eigentlich jede Menge finden, insbesondere bei RadioShack.

    Zeit für RadioAttack

    Die Truppe muss sich nur dringend in RadioAttack umtaufen, Jens Voigt hat es ja mustergültig vorgemacht. Keine andere Mannschaft hat fünf Fahrer mit weniger als zehn Minuten Rückstand im Gesamtklassement — nur müsste davon auch mal einer in eine Fluchtgruppe gehen!

    Damit wäre auch die hochheilige Führung in der Teamwertung nicht automatisch aufs Spiel gesetzt — im Idealfall wird diese sogar noch ausgebaut. Pech und kurze Schwächephasen hatten Klöden, Horner und Frank Schleck schon, jetzt wäre es mal an der Zeit für eine Trotzreaktion. Monfort und Zubeldia können ja derweil weiter konservativ ihre Top-Ten-Plätze absichern.

    Und dann bleibt abzuwarten, ob Sky dem Druck jedes Mal standhält. Wenn sie eben nicht wie US Postal sind, dazu schon einen Fahrer verloren und zwei im Grupetto haben, könnte das noch spannend werden.

    2011 als Vorlage

    Wer aber einfach weiter auf einen Fehler oder Formschwäche bei Wiggins hofft, geht sehr großes Risiko ein — und kann sich inzwischen sicher sein, dass Sky mit Froome einen zweiten Trumpf parat hat. Wenn der gebürtige Kenianer auf der 1. Etappe durch Pech nicht 1:25 Minuten verloren hätte, sähe das Klassement noch eindeutiger aus. Dass Sky patzt, ist nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist hingegen, dass die englische Doppelspitze im letzten Zeitfahren jeden direkten Konkurrenten nochmal Minimum zwei zusätzliche Minuten draufpackt.

    Macht man sich diese virtuelle Gesamtwertung deutlich, ist eines klar: Wer noch etwas bewegen will, darf keinen Tag länger warten. Evans hat sein Zaudern auf der 10. Etappe schon kurz danach bedauert — denn auch wenn noch zehn Etappen kommen: Echte Abstände, so die Erfahrung bisher, lassen sich gegen Sky auf mittelschwerem Terrain nicht herstellen, jeder Versuch von Evans scheiterte da. Es bleiben also die beiden Pyrenäen-Etappen und die Ankunft in La Toussuire.

    Die Fahrer sollten sich ein Beispiel an den Alpen-Etappen des Vorjahres nehmen: Ob Andy Schleck und Evans auf der Galibier-Etappe oder Schleck und Contador auf dem Weg nach Alpe d'Huez — da haben die Stars das Rennen in die Hand genommen und wenn auch nicht immer gewonnen, so doch alles versucht und mit fliegenden Fahnen verloren, statt trocken Abstände zu verwalten.

    Ich bin sehr gespannt, ob wir in La Toussuire Mini-Abstände wie beim Dauphiné-Finale 2011 oder aber Umwälzungen wie bei der Tour 2006 sehen werden!

    War noch was?

    Ja — die Vorentscheidung im Kampf um Grün ist gefallen. Nach dieser Etappe sind die letzten Sieger Cavendish und Petacchi sicher aus dem Rennen ums "maillot vert". Auch André Greipel dürfte es enorm schwer haben. Peter Sagan aber hat merken müssen, dass Matt Goss noch lange nicht aufgesteckt hat — das dürfte in der zweiten Tour-Hälfte noch ein packendes Duell werden. Dass Goss später mit Durchfall an einer Tanke halten musste, bleibt hoffentlich eine Fußnote...

    Die Tweets des Tages kommen von den beiden Deutschen in der Ausreißergruppe. Der nimmermüde Jens Voigt schreibt weiter Geschichte — doch seine Tricks funktionieren nicht bei jedem...

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