Um Reifenbreite

Tour 2012: Zurück in die Zukunft?

"Wir haben noch nicht alles verraten", lächelte Tour-Chef Christian Prudhomme zu Beginn der Präsentation der Strecke für 2012 - und damit hatte er verdammt recht. Denn was sich der Franzose und sein Team für die 99. Auflage ausgedacht haben, bietet Anlass zur Vorfreude - gerade auch bei ein paar Fahrern, deren Namen nach dem Festakt im Palais des Congrès nicht fielen.

Deshalb ist eben das Motto für 2012 nicht nur hinsichtlich der Strecke, sondern auch mit Blick auf einige Favoriten "Zurück in die Zukunft".

Welcome back!

Zuletzt war das Zeitfahren jahrelang arg stiefmütterlich behandelt worden, jetzt hat es wieder seinen angestammten Platz einnehmen dürfen.

Ich habe ja vor einem Jahr nach der Tour-Präsentation eine Lanze für den Kampf gegen die Uhr gebrochen und bin froh, dass nun wieder fast 100 Kilometer auf dem Programm stehen. Das könnte natürlich auch fast zuviel des Guten sein, vielleicht wäre ein Bergzeitfahren anstelle eines der flachen Zeitfahren eine ausbalanciertere Lösung gewesen.

Aber ich will mich nicht beschweren, denn die Grundidee finde ich richtig: Der Parcours setzt Fahrer unter Druck, es muss angesichts der wenigen Bergankünfte und langen Zeitfahren früh attackiert werden. Stillstand am Berg wie in diesem Jahr in den Pyrenäen können sich die starken Kletterer nicht leisten. Die Schlecks und Konsorten müssen jede Chance nutzen.

Nicht hoch, aber heikel

Außerdem bin ich erklärter Fan des Mittelgebirges, da hat vielleicht der Schwarzwald abgefärbt. Nach dem Massif Central 2011 setzen wir, Christian Prudhomme & ich, nun also die Hoffnungen auf Vogesen und Jura. Setzt endlich einmal ein Außenseiter alles früh auf eine Karte und nutzt die keinesfalls zu unterschätzenden Anstiege an der 1000-Meter-Grenze zum großen Coup?

Zumindest möglich wäre es, denn gerade in der ersten Tour-Hälfte könnten sich zu viele Favoriten noch auf die Bergankünfte und Zeitfahren verlassen.

Es sind damit nette Abstände zu erwarten, noch bevor es überhaupt ins erste der beiden großen Bergmassive geht - und zwar nicht nur durch ein Zeitfahren, sondern eben auch durch bis dahin zu absolvierenden Anstiege in Vogesen und Jura.

Selten hat es wohl in den letzten Jahrzehnten so viele Berge schon vor den Alpen oder Pyrenäen gegeben, vielleicht noch nie einen Anstieg "hors catégorie" wie den Grand Colombier. Allein die Ankunft an der "Planche des Belles Filles" (schon jetzt mein Lieblingsort der Tour 2012) ist deutlich schwerer einzuschätzen als etwa "Les Rousses" 2010.

Fallen & Vollgas

Neben den großen Anstiegen und Zeitfahren lauern im Parcours für 2012 noch diverse verstecktere Knackpunkte, mit denen sich die Favoriten im Vorfeld auseinandersetzen müssen. Angefangen vom Prolog, denn noch einmal kann sich Andy Schleck nicht über eine Minute Rückstand auf den Sieger erlauben.

Die anspruchsvollen Finals nach Seraing und Boulogne und der Wind auf dem Weg nach Cape d'Agde sind weitere Gefahren - ganz zu schweigen von den Abfahrten. Was auf dem Weg ins Tal möglich ist, hat die Tour 2011 überdeutlich gezeigt - und wenige Bergankünfte heißt im Umkehrschluss, dass es noch öfter nun auch bei großen Bergetappen mit Vollgas hinunter zum Ziel geht.

Die Schwäche der Schlecks in dieser Disziplin ist jedem bekannt und die Strecken-Besichtigungen dürften für manche Fahrer bergab fast ebenso zentral sein wie hinauf zur Passhöhe.

Vive la France?

Der Kurs ist auch insofern mutig, als dass er den aussichtsreichsten Franzosen nicht auf den Leib geschnitten ist. Denn weder Thomas Voeckler noch Pierre Rolland können mit zwei langen Zeitfahren besonders glücklich sein (eher noch Jean-Christophe Peraud). Das Europcar-Duo hat andererseits umso bessere Aussichten auf Tageserfolge, denn die mittelschweren Etappen scheinen wie für die Helden des Juli 2011 gemacht.

Und wer weiß: Vielleicht sind es ja gerade Franzosen, die sich den Parcours zu Nutze machen und früh etliche Minuten an Vorsprung holen, die sie dann nur unter härtester Gegenwehr wieder hergeben? Mit Chavanel, Pinot, Sicard, Coppel oder Jeannesson gäbe es etliche aussichtsreiche Kandidaten.

Achtung, alte Garde

Als ernsthafte Geheimfavoriten für Podium und sogar mehr sehe ich aber ganz andere Fahrer. Klar, wenn Contador nicht gesperrt wird, ist die Strecke 2012 eine fast ideale Vorlage für ihn. Und auch Cadel Evans könnte durchaus zum Doppelsieger werden, wenn sich sein Team mit Philippe Gilbert und Thor Hushovd nicht verzettelt.

Doch sollte es im klassischen Szenario wirklich auf Klasse im Zeitfahren und Schadensbegrenzung am Berg hinauslaufen, muss man aus meiner Sicht zwei Fahrer ganz weit oben auf der Rechnung haben, die Evans als ältesten Toursieger der Nachkriegsjahre umgehend ablösen könnten.

Denn die Streckenführung ist fast ideal für Andreas Klöden und Levi Leipheimer. Beide zählen zu den besten Zeitfahrern im Feld, standen schon in Paris auf dem Podium und haben 2011 noch immer für Top-Ergebnisse gesorgt. Auch wenn sie nach Stürzen bei der Tour nicht wie gehofft auftrumpfen konnten: Klödens Sieg bei der Baskenland-Rundfahrt, seine Leistungen bei Paris-Nizza, in den Zeitfahren von Tour de Suisse und Giro del Trentino bewiesen, dass man ihn keinesfalls unterschätzen sollte.

Während bei RadioShack alles auf die Schleck-Brüder blicken dürfte, könnte er durchaus der lachende Dritte sein.

Ähnlich sieht es bei Leipheimer aus. Noch immer ist er im Kampf gegen die Uhr nur schwer zu schlagen - und dass er neben der Tour de Suisse auch die Rundfahrten in Utah und Colorado gewann, ging in Europa fast unter. Im Schatten von Tom Boonen und Tony Martin könnte er bei Omega-Quickstep der Konkurrenz plötzlich eine lange Nase drehen.

Damit man mich nicht falsch versteht: Früher war nicht alles besser, gerade im Radsport. Ich stelle nur fest, dass die ASO eventuell einen ganz anderen Sieger bekommt, als sie sich vielleicht bei der Planung ausgemalt hat.

Gelb statt Gold

Daneben hörte man im Anschluss an die Präsentation selten den Namen von Janez Brajkovic - doch auch der kann klettern und im Zeitfahren glänzen: Vielleicht schlägt 2012 die Stunde der in diesem Jahr so mächtig gebeutelten Kapitäne von RadioShack - die es dann aber in unterschiedlichen Trikots versuchen werden.

Und dann ist da ja noch Bradley Wiggins, dessen Sieg bei der Dauphiné und Podium bei der Vuelta ihn zu mehr als nur einem Mitfavoriten machen. Im Zeitfahren muss er niemanden fürchten, und bergan schlug er sich selbst am Angliru beachtlich. Also Achtung auf ihn - wenn Sky die Doppelspitze mit Cavendish ordentlich organisiert bekommt.

Zumindest gehört er zu den weingen Menschen, die schon so viele Olympia-Medaillen haben, dass sie trotz eines Heimspiels in London der Tour die höhere Priorität geben können.

Und sollte Denis Menchov doch noch zu einem Team wechseln, dass in
Lüttich am Start steht, ist er aus meiner Sicht wie 2010 ein absoluter
Podiumskandidat. 

Ach so, nur der Vollständigkeit halber: Natürlich wird es 2012 wieder ein anderer Fahrer von Garmin in die Top Ten schaffen. Meiner Meinung nach wird nach Vandevelde, Wiggins, Hesjedal und Danielson nun endlich Daniel Martin an der Reihe sein. Wetten?!

Deutsche Chancen

Neben Klödens Rolle als Geheimfavorit könnten auch weitere deutsche Fahrer im nächsten Sommer auftrumpfen. André Greipel hat seinen festen Platz unter den Top-Sprintern, doch sollte das Team von Marcel Kittel und John Degenkolb mit am Start sein, darf man sich von diesem Duo viel erwarten.

Und Tony Martin? Den manche als Weltmeister dieser Disziplin angesichts der Renaissance des Zeitfahrens schon zum Podiumsanwärter machen? Ruhig Brauner. Er hat sicher seine Lektion aus den letzten beiden Jahren gelernt - entweder er setzt tatsächlich ganz auf Gold in London und konzentriert sich bei der Tour auf Tagessiege - oder er hält sich zumindest mit großen Ankündigungen in der Öffentlichkeit zurück.

Das heißt nicht, dass er diese Tour nicht prägen könnte: Gelb scheint für Martin machbar, er kann in Lüttich den Streckenrekord jagen, den dort 2004 ein damals noch wenig bekannter 23-jähriger Schweizer aufstellte, als er in 6:50 Minuten noch vor Lance Armstrong landete und seinen ersten Sieg bei der Tour feierte. Für Martin scheint sogar der Zeitfahr-Hattrick machbar, doch gerade ihm kommen ansonsten die besonders steilen Passagen am Berg nicht gerade entgegen.

Deshalb: Etappensiege sind kein Trostpreis, im Gegenteil. Wer erinnert sich noch an die hintere Hälfte der Top Ten in den letzten Jahren? Eben.

2013 im Hinterkopf

Die Tour 2012 ist, dies zum Abschluss, auch die letzte Tour vor dem großen Jubiläum ein Jahr später. Und auch unter diesem Gesichtspunkt gilt es, den Parcours zu betrachten und die Entscheidungen der ASO zu beurteilen.

Das Fehlen der mythischen Anstiege wie Ventoux, Alpe d'Huez oder Galibier muss man nur kurz bedauern: Schon immer betrieb die Tour da eine bewusste Verknappung, eine Königsetappe mit Ziel dort oben ist gar nicht jährlich erwünscht.

Ich vermute stark, dass man sich nach den "Berg-Jubiläen" 2010 & 2011 für die 100. Tour 2013 möglichst viele Trümpfe aufheben will, auch bei Bedarf übrigens Bergzeitfahren, Mannschaftszeitfahren oder ein wenig Kopfsteinpflaster oder Naturstraße.

Und auch die Rückkehr zu den vielen Zeitfahr-Kilometern könnte ein Testlauf sein, ob dieses Schema passt oder doch das Rennen nicht packender, sondern öder macht.

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