Noch eine Frage, Herr Wiggins...
Die Fragerunde war fast vorbei, da platzte Bradley Wiggins plötzlich der Kragen - und er lieferte Klartext. Hatten sich tags zuvor noch alle über sein "fucking enormous" amüsiert, das ihm als erste Reaktion zur Eroberung des Gelben Trikots rausgerutscht war, wurde es nun weniger lustig.
Die zugeschaltete Frage aus dem Pressezentrum in den Interview-Wagen hinter dem Etappenziel ließ Wiggins die Contenance verlieren. Wie er denn zu den Vergleichen zwischen Sky und US Postal stünde - und zu den Zynikern, die sagen würden, man müsse dopen um die Tour zu gewinnen?
Ganz einfach: "Fucking wankers" seien das, so der Brite, er gebe sich nicht Gerüchten auf Twitter ab, polterte er - um dann nach einem letzten Kraftausdruck den Container zu verlassen.
Das saß - und sorgte sofort für neue Diskussionen. Ich kann Wiggins verstehen - einerseits. Da hat man gerade seine erste Etappe im "maillot jaune" hinter sich und alle Angriffe erfolgreich gekontert, da kommt schon die böse "D-Frage". Wie würde man da selbst reagieren, wenn man sich nichts vorzuwerfen hätte? Wenn man seit Monaten auf jedes Gramm auf dem Teller achtet, wochenlang fern der Familie kanarische Vulkane in der Endlosschleife hochkurbelt, sich immer mal wieder in Rennen und Training an den Rand der Bewusstlosigkeit fährt? Eben.
Was hätte wohl Bastian Schweinsteiger im Interview direkt nach dem Champions-League-Finale auf die Frage nach schlechter Schusstechnik beim Elfmeterschießen geantwortet?
Sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, kann mächtig nerven - und ich find's gut, dass die Leute die Wut und den Frust mal ungefiltert erleben. Warum eigentlich immer für Andere und deren Fehler den Prellbock geben müssen? Wiggins hat das satt, zu lange geht ihm das schon so. Und nicht erst, seit er zum Tour-Star geworden ist. Man darf nicht vergessen, dass er die Rundfahrt 2007 mit seinem Cofidis-Team verlassen musste, nachdem Mannschaftskollege Cristian Moreni erwischt worden war. Unter Schimpf und Schande, versteckt (schöne Pointe übrigens) unter einem Saunier-Duval-Shirt von David Millar, musste er vorzeitig heimreisen.
Doch Wiggins muss auch verstehen, dass der Führende des größten Rennens der Welt eben stellvertretend für den Radsport an sich wahrgenommen wird. Und dass es da noch eine Menge Fragen gibt, wird niemand bestreiten. Der Grundzweifel, der jede Topleistung begleitet, wird nie verschwinden - und das ist auch gut so. Zu lange sind Fans und Fragesteller mit Lügen oder Ausreden abgespeist worden. Jetzt erst scheint sich wirklich manches zu wandeln, doch gerade dann muss auch weiter kritisch gefragt werden dürfen.
Nach der verständlichen ersten Reaktion wäre Wiggins also gut beraten gewesen, ein paar Argumente zu liefern, um die Kritiker verstummen oder zumindest nachdenken zu lassen. Ihm sollte es eigentlich mühelos gelingen, den unschönen Vergleich "UK Postal" zu entkräften und zu zeigen, warum seine Mannschaft eben nicht vergleichbar mit der Armstrong-Truppe ist.
Sky könnte die unselige Diskussion, die schon länger schwelt und nun Fahrt aufnimmt, mit wenig Einsatz unterbinden und für sich nutzen. Dazu muss man nicht die Trainingsdaten und Blutwerte der Fahrer für jedermann zugänglich machen. Aber ein paar klare Worte und etwas mehr Transparenz wären nicht soooo schwer. Dave Brailsford war ja angetreten, um mit seinem Team die Dinge besser und sauberer zu machen als andere. Das glaube ich ihm auch noch heute.
Aber dann muss man auch klar Position beziehen.
Transparenz ist der Preis, den auch die Gutwilligen zahlen müssen, nachdem solange die Omerta im Radsport herrschte. Denn nach wie vor gilt: Der Saubere sagt, er ist sauber - aber der Doper sagt es bis zur endgültigen Überführung auch. Also muss man sich bewusst abgrenzen, klare Worte finden, Fakten für sich sprechen lassen. Wiggins wie Brailsford haben sich oft und klar geäußert - aber das ist teilweise schon arg lange her. Je erfolgreicher beide werden, umso nötiger ist eine unmissverständliche Positionierung.
Warum nur in vertraulicher Präsentation der ASO darlegen, weshalb Team Sky ein Vorbild ist? Weshalb nicht offen erklären, was ein vielleicht fragwürdiger Arzt im Team-Umfeld macht? Wenn es gute Gründe gibt, den sauberen Fahrern zu glauben, dann sollte man sie auch darlegen und Kritiker mit Argumenten statt mit Schimpfworten verstummen lassen.
Sehr gut möglich, dass wir nach Evans 2011 auch dieses Jahr wieder einen Tour-Sieger erleben, dessen Name etwas länger in den Siegerlisten steht als zuletzt üblich. Ich würde mir dann aber wünschen, dass Wiggins einen solchen sauberen Sieg (wenn es denn einer wäre), auch offensiv vertritt. Denn das war die große Enttäuschung rund um Evans: Dass er das ersehnte Plädoyer in eigener Sache nicht halten mochte. Nun hat der Radsport endlich wieder saubere Sieger - und man hat das Gefühl, das sei ihnen fast peinlich.
Wiggins, Evans und Co. müssen begreifen, wie wichtig ihre Rolle für einen Sport ist, zu dem man langsam wieder Vertrauen gewinnen kann. Nicht jeder ist gern ein Vorbild, aber als Tour-Sieger kann man sich dagegen gar nicht wehren. Ich wünsche mir, dass "Wiggo" im Verlauf der Tour auch ähnlich klare Worte gegenüber den Betrügern in seinem Sport findet!
War noch was?
Ja - Spaniens Gold-Träume bei Olympia werden von einer Sturz-Seuche gefährdet. Von den fünf für London nominierten Fahrern sind mit Oscar Freire und Samuel Sanchez schon zwei so schwer gestürzt, dass sie Olympia verpassen werden. Jose Joaquin Rojas hofft nach seinem Tour-Ausfall noch, Luis Leon Sanchez und Alejandro Valverde sind auch schon von den französischen Straßen gezeichnet.
Tweet des Tages: Ehre, wem Ehre gebührt! Unser französischer Experte Jacky Durand erinnert mit Recht daran, dass er die Top 3 der 8. Etappe in der richtigen Reihenfolge getippt hatte. Respekt - auf Pinot, Evans, Gallopin hätte ich nicht gewettet!
Bis morgen,
Andreas Schulz

