Jetzt wird wohl aus einer unschönen Geschichte eine tragische. Seit dem Nikolaustag 2011 steht der Vorwurf im Raum, Alexander Winokurow habe sich den Sieg beim großen Klassiker in Lüttich erkauft.
Satte 100.000 Euro habe er seinem einzigem Begleiter bei der entscheidenden Attacke, Alexander Kolobnew, gezahlt. Der Sieg zum Comeback nach Dopingsperre war ein Paukenschlag, der so nachträglich einen arg schalen Beigeschmack erhielt.
Doch die Untersuchung der UCI ergab nichts. Jetzt aber legt die Schweizer Zeitschrift "L'Illustré" nach. Im Dezember hatte sie aus dem ihr vorliegenden Email-Verkehr der beiden Profis zitiert, in dem der Russe am Tag nach dem Rennen seine Bankdaten an den kasachischen Kollegen schickt und Vorsicht anmahnt: "Sonst schneiden Sie uns die Eier ab."
Jetzt präsentiert das nicht gerade als Revolverblatt bekannte Magazin einen Kontoauszug Kolobnews, auf dem ein Zahlungseingang von Winokurows Konto in Monaco über 100.000 Euro aufgeführt ist. Zudem sollen im Dezember 2010 nochmals 50.000 Euro geflossen sein.
Winokurow hat am Rande der Tour am Mikrofon der belgischen Kollegen der RTBF bestritten, dass die Transfers mit dem Klassiker in Verbindung stünden. Er habe eben Geld verliehen - aber wenn man etwas geheim halten wolle, "dann machst du das 'cash'", erklärt er.
Klage, welche Klage?
Keine Ahnung, wie gut die Quellen der Schweizer Rechercheure sind, die werden sie nicht enthüllen. Aber die Emails samt den Kontoauszügen sind schon ein Pfund.
Fast schwerer aber wiegen für mich zwei andere Aspekte im Bericht auf den Seiten 36 und 37 der aktuellen Wochenausgabe. Denn dort wird auch erklärt, dass die beiden Fahrer die Echtheit der belastenden Emails nie bestritten hätten. Und es wird auch verraten, was aus der von Winokurow im Dezember postwendend angekündigten Klage geworden ist - nix. "Sechs Monate später haben wir noch nichts bekommen", so L'Illustré.
Das erinnert schwer an Winokurows Umgang mit seiner Blutdopingaffäre 2007. Da wollte er auch erst mit aller Macht seine Ehre wiederherstellen - doch von diesen Bemühungen war nie etwas zu hören. Statt dessen arbeitete er schnell wieder an einem Comeback, behauptete aber, mit dem Radsport fertig zu sein.
Damit wir uns richtig verstehen: Der Kampfgeist von Winokurow, seine extreme Härte sich selbst gegenüber, hat mich immer beeindruckt. Ich habe ihn gesehen, wie er bei der Tour 2007 fast wie eine Mumie eingepackt war, aber an Aufgeben nie denken wollte. Und auch dieses Jahr kann ich es kaum fassen, dass er wieder im Feld ist - zu präsent sind noch die Bilder, wie er vor zwölf Monaten von seinen Teamkollegen nach schwerem Sturz aus dem Unterholz getragen wurde.
Die Wut der Witwe
Die bitterste Partie der aktuellen Lektüre kommt am Ende. Dort wird enthüllt, wie sich Natalya Kivilev, die Witwe des 2003 verstorbenen Andrei Kivilev, mit Winokurow überworfen hat. Dabei waren die beiden Paare lange enge Freunde und Nachbarn, die beiden Sportler begannen ihre Auslandskarriere gemeinsam als Amateure 1997 in St. Etienne. Nun aber klagt Kivilev, der Pate ihres Sohnes habe die Erinnerung an ihren Mann und dessen Namen vereinnahmt. Sie wolle nun die Wahrheit sagen und ihr Gewissen erleichtern, sie habe Beweise, dass Winokurow "tatsächlich ein Betrüger" sei. Mehr sage sie noch nicht, aber ein Buch sei fertig und stünde kurz vor dem Erscheinen.
Egal, ob dieses Buch erscheint, egal was es enthält und ob der Vorwurf stimmt, Winokurow habe sich nach dem tödlichen Sturz seines Freundes den Sieg bei jener Austragung von Paris-Nizza erkauft: Es ist ein Drama, dass eine einst so enge Freundschaft so zu enden scheint. Jeder, der die Übertragungen im März 2003 verfolgt hat, dürfte sie kaum vergessen haben. Ich erinnere mich auch noch, wie mir Winokurow später vor dem Start der Tour de Suisse von seinen Plänen für eine Kivilev-Stiftung erzählte.
Jetzt zu hören, dass die beiden Familien dermaßen zerstritten sind, tut einfach weh. Mich schockiert das mehr als die Blutpanscherei von 2007 oder der wahrscheinliche Klassiker-Kauf 2010.
War noch was?
Ja — großer Feiertag. Independence Day in den USA. Das war bei der letzten Tour einer der Gänsehaut-Momente, als Tyler Farrar in Redon als erster US-Profi überhaupt bei der Tour am "4th of july" als Sieger über die Ziellinie fuhr und mit den Fingern ein "W" im Gedenken an seinen Freund Wouter Weylandt formte. Dieses Mal aber erwischte es den Sprinter erneut mit einem Sturz.
Den Tweet des Tages liefert, um zum Abschluss wieder auf andere Gedanken zu kommen, Farrars Teamchef Jonathan Vaughters - wichtige Initiative!
Bis morgen,
Andreas Schulz


