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    Um Reifenbreite

    Armstrongs Verschwörung mit Öl & Edgar

    Armstrong & Bruyneel feiern 2005 den 7. Tour-SiegArmstrong & Bruyneel feiern 2005 den 7. Tour-Sieg

    Wer lacht zuletzt? Die frontale Attacke der USADA auf Lance Armstrong könnte im jahrelangen Duell des umstrittenen Superstars mit den Dopingjägern eine späte Wende bringen.

    Am Teflon-Texaner blieb, zumindest aus Sicht vieler Fans, von den zahllosen bislang Vorwürfen nix richtig haften. Immer kam Armstrong davon — mal als strahlender Sieger, mal mit einem blauen Auge.

    "Er hatte die Eier"

    Noch im Frühjahr, als Jan Ullrich und Alberto Contador vom CAS ihre Sperren erhielten, wurde in den USA die für Armstrong höchst gefährliche staatliche Untersuchung jäh und ohne Begründung abgebrochen.

    Gönnerhaft erklärte er später er werde sich nun nicht mehr mit Anschuldigungen gegen seine Person befassen, nicht mehr gegen Vorwürfe vorgehen. Diese Position wird er inzwischen schleunigst überdacht haben.

    "Hut ab vor Travis Tygart", lobt Experte Paul Kimmage denn nun auch den Boss der USADA: "Er hatte die Eier, um den Job zu machen!" Armstrong gilt aber, ebenso wie die fünf möglichen Mitverschwörer, vorerst weiter als unschuldig. Dies betont die USADA, erhebt aber schwerste Vorwürfe gegen das umstrittene Idol.

    Doping von 1996 bis 2010?

    Für Armstrong steht plötzlich wieder alles auf dem Spiel: Seine sieben Siege bei der Tour, sein Ruf als Ikone des Sports, sein Comeback zurück aufs Podium der Tour 2009. Und nicht nur für ihn. Der 15-seitige Brief der USADA birgt jede Menge Zündstoff für die UCI, für viele noch immer im Radsport aktive Personen und rollt längst nicht nur Vorgänge auf, die ein Jahrzehnt und länger zurück liegen.

    Im Gegenteil, Armstrong wird Doping eben auch in seinen Comeback-Jahren 2009 und 2010 vorgeworfen.

    Für die Zeit von 1996 an will die USADA mit Hilfe der Aussagen von "mehr als zehn einstigen Teamkollegen" und Personal der diversen Armstrong-Rennställe beweisen, dass die Erfolge unter massiver Verwendung von Doping jeder Art erzielt wurden.

    Man habe sich mit den Zeugen persönlich getroffen und stütze alle Anschuldigungen auf Informationen aus erster Hand. Die Namen der Zeugen aber werden bis zur möglichen Eröffnung eines Verfahrens und einer eventuellen Anhörung vor einem Schiedsgericht nicht präsentiert.

    Wer aber die Kehrseite von Armstrongs Karriere verfolgt hat, kann sich einen Großteil der Zeugenbank vorstellen. Schließlich haben zähe Journalisten, v.a. Walsh und Ballester, gründliche Vorarbeit geleistet und diverse einstige Weggefährten schon vor Jahren Klartext über Armstrong reden lassen.

    Dazu kommen sicher auch die nach langem Leugnen und eigenem jahrelangem Doping zu Kronzeugen gewordenen Ex-Teamkollegen Landis und Hamilton. In jedem Fall, so die USADA habe fast jeder Fahrer, den sie um Auskunft baten, auch geantwortet. Einzige Ausnahme: Armstrong himself.

    Wie von Kennern der Materie berichtet wird, erhielt die USADA aber keinen Zugriff auf die Akten jener zweijährigen staatlichen Nachforschungen der US-Behörden.

    Mit Edgar und Oil zum Toursieg

    Die Aussagen kommen nicht allein von Fahrern und Personal des US Postal Rennstalls, sondern auch von dessen Nachfolgern Discovery Channel und RadioShack, aber auch von Astana, ONCE und Phonak. Schon damit wird eines deutlich: Auch wenn vorerst neben Armstrong keine weiteren Fahrer belangt werden — das Erdbeben beschränkt sich nicht auf US Postal und den Texaner allein. Die Dienste der beschuldigten Personen wurden von anderen Profis ebenso wahrgenommen.

    Trainer Pepe Marti arbeitete bis ins Frühjahr 2011 als enger persönlicher Coach für Alberto Contador, Doktor Pedro Celaya ist noch in diesem Jahr einer der offiziellen Teamärzte von RadioShack, einige Jahre war er auch in Diensten von ONCE. Luis de Moral und Michele Ferrari waren (und sind wohl noch heute) gefragte Ärzte im (Rad)sport.

    Wäre alles nicht so ernst, könnte man sich dabei über die Code-Sprache im Milieu amüsieren. Statt EPO war bei Armstrong und Co. von "Edgar" oder "Edgar Allan Poe" die Rede. Für das von Dottore Ferrari entwickelte Gemisch aus Testosteron und Olivenöl bürgerte sich der Spitzname "Oil" ein.

    Die große Verschwörung

    Die USADA geht so weit, die Vorgänge zwischen 1998 und 2007 als die "USPS-Verschwörung" zu bezeichnen. Damit soll deutlich gemacht werden, wie massiv und tief verankert im Team das Dopingsystem war. Fahrer, Offizielle, Ärzte etc. hätten ein Jahrzehnt lang gedopt und dies nach allen Regeln der Kunst verschleiert — bis heute.

    "Mit Angst und Einschüchterung sei versucht worden, eine Entdeckung der Verschwörung zu verhindern", dabei gab es "Falschaussagen und Meineide" und Versuche, Zeugen "einzuschüchtern, zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen".

    Augenzeugen statt Gerüchte

    Die Vorwürfe umfassen das ganze Arsenal der Betrügereien. EPO, Bluttransfusionen, Wachstumshormone, Kortison, Testosteron, Besitz von Transfusionsmaterial (auch im Wohnhaus von Armstrong) und verschleiernden Substanzen.

    Armstrong soll die verbotenen Mittel nicht nur selbst verwendet, sondern auch an andere Fahrer gegeben haben und sie zum Doping ermutet und sie dabei unterstützt haben, heißt es auf Seite elf des Schreibens. Zahllose Personen könnten dies bezeugen — "sie haben Armstrong entweder beim Doping beobachtet oder Armstrong gestand es ihnen gegenüber", so die USADA.

    UCI im Zwielicht

    Neben diesen Zeugenaussagen sollen Blutproben der UCI aus den Jahren 2009 und 2010 belegen, dass Armstrong in diesen beiden Jahren Blutdoping mit EPO und/oder Bluttransfusionen betrieb.

    Ungemach droht aber auch der UCI: Wenn tatsächlich deren Blutdaten klar Doping belegen, ist entweder das aktuelle System des Blutpasses längst nicht so wirkungsvoll wie behauptet — denn dieses hätte Armstrong enttarnen müssen. Oder aber der Weltverband hat getan, was ihm über die Jahre immer wieder vorgeworfen wurde: Schützend die Hand über seinen größten Star zu halten.

    Prolog eines langen Rennens

    Aber niemand sollte sich täuschen: Das Schreiben ist nur der formale Auftakt zu einem mehrstufigen Verfahren. Ob dieses wirklich in Gang kommt, isst noch völlig offen. Armstrong hat immer wieder bewiesen, dass er über ausreichend Einfluss, Skrupellosigkeit und Geld verfügt, um sich erfolgreich aus solchen Situationen zu befreien.

    Erinnert sei eben nur an die überraschende Einstellung der strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn im Frühjahr. Dabei dürften seine ausgezeichneten Kontakte ins Machtzentrum bis nach Washington durchaus geholfen haben, Sonderermittler Jeff Novitzky zu stoppen.

    Sollten in einer Anhörung die konkreten, einzelnen Aussagen auf den Tisch kommen und Armstrong dazu Stellung beziehen, wird das ein Showwdown der einer Bergankunft in Alpe d'Huez kaum nachstehen dürfte.

    Ich fänd's gut, wenn das dann vor laufender Kamera geschehen würde - denn sonst wird ein großer Teil der Lance-Fans weiter blind zu ihm halten und die neuen Ausssagen und Beweise ebenso abtun wie alles, was seit über zehn Jahren an Material gegen ihn vorliegt.

    Omerta vs Vendetta

    Hamilton betonte nun: "Es geht nicht um Lance, sondern darum, dass die Wahrheit über das herauskommt, was zu jener Zeit im Radsport vorging. Das wird schwierig und schmerzhaft für den Sport sein, aber es muss herauskommen, damit der Radsport in die Zukunft gehen kann."

    Armstrong und Co. wurde eine zehntägige Frist gesetzt, in der sie schriftlich zu den Vorwürfen Stellung beziehen können. Danach wird über den weiteren Fortgang entschieden. Bislang hat der 40-Jährige alle Vorwürfe einmal mehr rigoros zurückgewiesen und spricht von "Vendetta" gegen sich. Doch wahrscheilicher ist, dass die "Omerta" endlich bröckelt.

    Lance Armstrong soll sich inzwischen auf dem Rückweg von Frankreich, wo er in Nizza beim Ironman starten wollte, in die USA befinden. Er wäge alle Optionen ab, heißt es. Ob dazu auch die eines Geständnisses gehört?

    Ich kann's mit nicht vorstellen.

    Der Brief der USADA im Original

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