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    Um Reifenbreite

    Check: Wer siegt im Top-Duell?

    Es ist ja fast schlimmer als zu Armstrongs Zeiten: Einen derart großen Tour-Favoriten wie Bradley Wiggins gab es schon lange nicht mehr, die Buchmacher wollen schon fast Geld raus haben, wenn man auf den Briten wetten will.

    Aber ist die Sache tatsächlich schon geritzt? Ich bin mir da längst nicht so sicher - im Gegenteil. Mein Favorit ist der Titelverteidiger - und das aus hoffentlich guten Gründen. Dabei spricht viel für "Wiggo":  Allen voran die bestechende Form das ganze Jahr über, seine Extraklasse im Zeitfahren und sein extrem starkes Team:  Mit Froome, Porte und Rogers hat er eine unglaublich starke Garde fürs Gebirge dabei.

    Doch ein genauerer Blick zeigt, dass nicht alles so rosig ist, wie es scheint. Nur wenn alles komplett nach Plan läuft, kann Wiggins der historische erste Tour-Sieg eines Briten gelingen. Doch bei der Tour geht selten alles glatt. Damit hat Wiggins schon bittere Erfahrungen machen müssen, Evans sogar noch viel mehr.

    Für mich ist Wiggins wie der Duracell-Hase, der einfach unermüdlich fährt und fährt: Er macht im Zeitfahren alles nieder, hätte Evans bei der Dauphiné ja fast sogar eingeholt. Und bergan fährt er wie im Bergzeitfahren stoisch sein Tempo, immer orientiert an den Leistungsdaten und ist kaum abzuschütteln.

    Zeitfahren:

    Das ist beeindruckend, aber auch einfach zu durchschauen - und zu durchkreuzen. Evans Chance liegt im Streckenverlauf der Tour, der längst nicht so massiv von den Zeitfahren geprägt ist, wie der erste Blick glauben lässt. Klar, im Prolog wird Evans im Regelfall ein paar Sekunden verlieren, aber nicht viel. Immerhin muss sich der Australier im Kampf gegen die Uhr ja nicht verstecken. Das zweite Zeitfahren ist wellig und könnte Evans sogar besser als Wiggins liegen.

    Die 53,5 Kilometer nach Chartres schließlich werden am vorletzten Tag stark davon geprägt sein, wie frisch die Kontrahenten nach 20 Renntagen noch sind. Da muss sich Wiggins nicht verstecken - doch Evans hat da aus meiner Sicht Vorteile - wie sein zweiter Platz knapp hinter Tony Martin im Vorjahr zeigte.

    Fazit: Wiggins hat leichte Vorteile durch die über 100km gegen die Uhr - doch er wird gegen Evans keinen Vorsprung herausfahren, der unüberwindlich ist.

    Frische: & Form:

    Der Formaufbau von Wiggins war bisher unfassbar gut, seine großen Siege in schweren Rennen zeigen das eindrucksvoll. Doch er spielt ein riskantes Spiel: So früh so nah an der Topform zu sein, dabei gleichzeitig mit einem extremen Kampfgewicht von unter 70kg bei 1,90 Körpergröße zu jonglieren, kann böse enden. Ich glaube ihm und seinem Coach Tim Kerrison, dass er sich auch zur Dauphiné noch weiter steigern kann, aber eben nur minimal.

    Evans hingegen hat noch viel mehr Luft nach oben - und an körperlichen Reserven. Sollte es etwa in Belgien oder Nordfrankreich ein paar kühle, regnerische Tage geben, fehlen Wiggins jegliche Polster bei seinem Ritt auf der Rasierklinge.

    Vielseitigkeit:

    Das große Plus von Evans ist, neben seiner Erfahrung, sein gut gefülltes Arsenal an taktischen Möglichkeiten. Während Wiggins über sein mörderisches Tempo die Gegner im Zeitfahren schlagen und am Berg in Schach halten kann, hat Evans ein paar zusätzliche Optionen. Und die kommen ihm bei dieser Tour besonders gelegen:

    Nach der Eichhörnchen-Methode muss er so immer wieder kleine Abstände gegen Wiggins herausholen. Schon im letzten Jahr war ihm das in den ersten Tagen am Mont des Alouettes und der Mur de Bretagne gelungen - und diese Taktik sollte auch 2012 funktionieren: Als Ex-Mountainbiker verfügt Evans über eine Explosivität, die Wiggins nicht hat. Und steile Rampen im Finale, wo dieser Trumpf ausgesielt werden kann, bietet diese Tour in Serie: Ob Seraing, Boulogne-sur-Mer, Planches des Belles Filles oder die Ankunft in Peyragudes in den Pyrenäen.

    Die andere Waffe von Evans sind seine Abfahrtskünste: Wiggins ist kein schlechter Abfahrer, aber nicht ganz so stark wie sein größter Gegner. Mit seinem Etappensieg bei der Dauphiné hat Evans gezeigt, dass er seine Chancen auch bergab jederzeit nutzen wird - und auch da bietet der Parcours etliche schöne Gelegenheiten: Hinunter vom steilen Col de la Croix auf der 8. Etappe, ebenso das Finale der 10. Etappe  oder der Col du Mollard auf dem 11. Teilstück bzw. die Abfahrt vom Peyresourde (16.).

    Dazu kommen mögliche "Kommando-Unternehmen", mit denen man sich die Rampen von Mont Saint-Clair (13.) oder Mur de Peguère (14.) zu Nutze machen kann. Allerdings: Auch Wiggins hat mit einem Etappensieg in der Romandie gezeigt, dass er für Überraschungen gut ist. Der Zeitgewinn dabei war allerdings null.

    Teamstärke:

    Keine Frage, Wiggins hat die besseren Kletterer an seiner Seite, auch wenn Evans diesmal mit Tejay van Gaderen zumindest besser aufgestellt sein sollte als im Vorjahr.  Doch in den Bergen hilft sich Evans sowieso alleine, andernfalls hätte er bei BMC mehr Verstärkung geordert bzw. seine Truppe anders nominiert.

    Doch Evans wittert, mit einigem Recht, die Fallen vor allem abseits der Anstiege. Sicher durch die Hektik der ersten Tage und das Getümmel des Feldes zu kommen ist seine Hauptsorge. Dazu hat er sich wieder seine mächtigen Bodyguards Hincapie, Burghardt, Quinziato und Schär an die Seite geholt, verstärkt noch durch Cummings - statt weitere Kletterer zu nominieren. Das zeigt, wie ernst Evans die erste Tour-Woche nimmt und wieviel möglichen Zeitgewinn bzw. vermeidbaren Zeitverlust er dort sieht.

    Dazu kommt: Bei Sky muss irgendwie auch Mark Cavendish befriedigt werden - und das vielleicht nicht nur bei Etappenankünften, sondern auch bei den jetzt so wichtigen Zwischensprints. Und selbst wenn der einstige Bahnpartner von Wiggins sich von Ansprüchen auf das Grüne Trikot verabschiedet, er und sein Edelhelfer Bernhard Eisel werden ihrem Kapitän nur wenig helfen können. Evans hingegen hat, bei allen Ansprüchen von Gilbert auf der 1. Etappe, acht Leute komplett hinter sich.

    Die Fragen sind also einfach: Wieviel Zeit kann Eichhörnchen Evans einsammeln, wie groß ist der Abstand, den Hase Wiggins in den Zeitfahren heraus- bzw. wieder aufholen kann. Wie lange hält die Topform bei Wiggins - denn wie  Jan Ullrich im Gespräch mit uns auch meinte:  "Irgendwann muss Wiggins doch mal der Saft ausgehen."

    Meine Prognose: Die Form hält nicht bis in die dritte Tour-Woche auf absolutem Höchstniveau, Evans wird gleichzeitig mit seiner ganzen Erfahrung und einem perfekt dafür aufgestellten Team seine Chancen nutzen und dabei ausreichend Zeit einsammeln.

    Lachende Dritte?

    War noch was? Ach ja, die anderen Fahrer. Favoritenduell schön und gut, aber noch schwerer zu beantworten ist die Frage, wer neben den beiden auf dem Podium stehen wird. Oder sogar, was durchaus passieren könnte, über ihnen! Die Liste der Mit-Favoriten ist extrem lang, aber niemand scheint vor dem Tour-Start fähig, Wiggings und Evans zu gefährden. Um Platz drei balgen sich theoretisch über ein Dutzend Fahrer.

    Und genau darin liegt die Gefahr für die beiden Topfavoriten:  Sie können mit ihren Teams nicht jedem Hochkaräter oder heißem Außenseiter nachsetzen. Und da kommt wieder der auf Attacken zugeschnittene Parcours ins Spiel:  Wer reibt seine Truppe auf, wenn auf dem Teilstück in die Schweiz, hinauf zum Grand Colombier oder auf der kurzen Alpenetappe Fahrer aus der zweiten reihe wie Taaramae, Roche, Winokurow, Casar, Vandevelde, Chavanel, Horner, Rolland, Velits, Mollema, Monfort oder Westra mit einer frühen Ausreißergruppe alles auf eine Karte setzen?

    Und die Streckenführung eröffnet nicht nur viele Chancen zum Angriff, sie zwingt auch alle Fahrer dazu: Denn kein Podiums-Anwärter ist Evans und Wiggins im Zeitfahren gewachsen - also müssen auch Basso, Sanchez, Leipheimer, Klöden, Menchov, Nibali, Schleck, Brajkovic, Hesjedal, Scarponi, Coppel, Danielson, Peraud, van den Broeck, Gesink irgendwann ihr Herz in die Hand nehmen, wenn sie sich nicht von Vornherein geschlagen geben wollen.

    "Das ist ja jetzt das halbe Feld, das da aufgezählt wird", protestiert es selbst in mir. Doch genau so ist eben die Ausgangssituation in Lüttich - es wimmelt vor starken Fahrern, von denen man aber auf dem Papier keinem den Sieg gegen das Top-Duo zutraut.

    Für uns eine tolle Ausgangssituation - ich freu' mich auf eine Tour voller Etappen mit heißem Profil und mit jeder Menge Fahrern unter Zugzwang!

    Bis morgen, Andreas Schulz

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