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    Um Reifenbreite

    Bilanz: Von ‘Aufreger’ bis ‘Zickenkrieg’

    Super Brad immer eine Koteletten-Länge vornewegSuper Brad immer eine Koteletten-Länge vorneweg

    Was bleibt nach 21 Etappen, 3497 Kilometern, historischen Siegen und bitteren Tiefschlägen? Die ultimative unvollständige Tour-Bilanz 2012:

    Aufreger: Wunderbar, wie es die vereinte Weltpresse kaum fassen konnte, dass Wiggins in einer echten Pressekonferenz böse Wörter benutzt. Wird mit fünf Minuten extra auf der „stillen Rolle" bestraft.
    Aufsteiger: Gab's viele, in den Ehrenlisten der Tour schoben sich zwei Asse noch weiter nach vorne: Mark Cavendish hat mit jetzt 23 Etappensiegen nun Lance Armstrong und André Darrigade überholt und hat nur noch drei Fahrer vor sich. Fabian Cancellara ist mit 28 Tagen in Gelb jetzt Elfter der ewigen Rangliste — und vor ihm liegen nur noch Fahrer, die dann die Tour auch gewonnen haben.

    Bilharziose: Wurmerkrankung, unter der Chris Froome litt. Die Egel „fressen meine roten Blutkörperchen auf", beschrieb der gebürtige Kenianer das Krankheitsbild im Interview. Da kann der Rest des Feldes ihnen fast dankbar sein.

    Chopper: Bei der Teampräsentation sorgte Marcel Kittel für den coolesten Auftritt mit seinem Harley-Bike. Leider blieb das krankheitsbedingt sein einziges Highlight bei dieser Tour.

    Dauerbrenner: Ein kleiner großer Moment auf der Schlussetappe, als George Hincapie bei seiner 17. Tour das Feld zur ersten Passage des Zielstrichs auf den Champs Elysées führte. Nur zur Einordnung: Tour-Benjamin Thibaut Pinot könnte diese Marke 2028 einstellen.

    Ehepaar: Als solches wurden in der ersten Tour-Hälfte die Leidensgenossen Tony Martin und Luis Leon Sanchez schon bezeichnet, die tagelang einträchtig zusammen am Ende oder hinter dem Feld fuhren und sich mit ihren Verletzung durchbissen.

    Fragezeichen: Stehen auch hinter dieser Tour, in der manche Leistungen die Augenbrauen nach oben zogen und die Fälle di Grégorio und Schleck zeigten, dass vermeintliche Wundermittel (wie Ozon) und Klassiker (wie Diuretika) noch immer Konjunktur haben.

    Geschlossenheit: Dass Liquigas mit allen neun Fahrern in Paris ankam, ist noch nicht außergewöhnlich. Dass der italienische Rennstall damit aber jeder dreiwöchige Rundfahrt seit dem Giro 2009 ohne Ausfall überstanden hat schon — die Marke steht jetzt bei elf Mal Vollzähligkeit.

    Handschlag: Schöne Geste auf der letzten Bergetappe zwischen Valverde und Nibali, als der Spanier dem Italiener dankte, dass er sich aus der Ausreißergruppe ins Feld zurückfallen ließ. Aber es wäre auch toll gewesen zu sehen, wie es ansonsten ausgegangen wäre — die ersehnte mutige, frühe Attacke, mit der alles auf eine Karte gesetzt wird.

    Italien: Seriensieger allerorten, aber nicht vom Stiefel: Im zweiten Jahr in Folge kann kein italienischer Profi eine Etappe gewinnen. Vielleicht sollten sie Sagan schnell einbürgern.

    Jubelposen: Denn der Slowake gewinnt nicht nur fast nach Belieben, er sorgt dabei auch für mächtig Unterhaltung. Ob als Hulk oder Forrest Gump, eins ist beim selbsternannten Tourminator sicher: "I'll be back!"

    Koteletten: Das neue „must have" des Sommers (bei Männern). Wie viel schneller Wiggo eigentlich ohne seine Sideburns wäre, hat die Froome-Fraktion wohl noch gar nicht bedacht...

    Last-Minute-Pech: Nach fast 3500km sollte es nur noch einmal durch den Tunnel gehen — und dann auf die Ehrenrunde. Doch stattdessen brachte ein böser Sturz 5km vor dem Ziel auf den Champs Elysées Mikael Cherel bei dessen erster und Danilo Hondo bei seiner vielleicht letzten Tour um dieses Erlebnis. Für beide ging es vom Ziel aus zur Kontrolle direkt ins Krankenhaus.

    Marc Madiot: Sein Auftritt im Finale der Etappe nach Porrentruy war ein Highlight dieser Tour. Wie der Teamchef seinen jüngsten Fahrer zum Sieg brüllte ließ um die Karosserie des Skoda fürchten — und bewies, warum Madiot gegen den Funk ist: Einen Kerl wie ihn hören die Fahrer auch so.

    Nagel: Das. war. nicht lustig. Diese Tour hatte nun wirklich genügend Stürze — wäre schon, wenn die Ermittler in Foix die Idioten noch erwischen würden. Und Pierre Rolland muss noch ein wenig an seinem nun angekratzten Ruf arbeiten.

    Ochowicz: Sein voller Einsatz beim xten Defekt von Evans war aller Ehren wert und wird als kleine Slapstick-Einlage in keinem Rückblick fehlen. Und im Ernst: Ich find's toll, wie der Big Boss von BMC jederzeit bereit ist, sich mit ins Getümmel zu stürzen.

    Playmobil: Aerodynamik schön und gut, ASO-Ideen recht und billig: Aber die Sky-Fahrer sahen auf den ersten Etappen mit ihren gelben Helmen aus wie aus dem Kinderzimmer geflüchtet, angeführt von „Brad the Builder".

    Q-Rings: Nein, eben nicht. Die Kettenblätter von Sky, Millar oder Brajkovic sind nicht oval und nicht von Rotor, sondern asymmetrisch und von Osymetric.

    Ruhetag: Man hätte gewarnt sein können. Auf den ersten Ruhetag mit der Affäre di Grégorio folgte ein Etappensieg von Voeckler. Die Pause in Pau brachte dann den Fall Schleck — und im Anschluss den nächsten Voeckler Coup. Ich sag's ja nur.

    Schutzengel: Hatte nicht nur Borut Bozic auf der 2. Etappe, aber dass er von einem Jury-Auto umgefahren wurde im  Jahr 1 nach Hoogerland ist kaum zu fassen und wurde wohl nur wegen fehlender TV-Bilder nicht zu dem Skandal, der das eigentlich war.

    Turbo: Nix für ungut, die Herren Sagan & Greipel. Aber was Mark Cavendish auf der Zielgeraden in Brive zeigte, gehört zu den eindruckvollsten Sprints überhaupt. Wie der Weltmeister da den Warp-Antrieb anwarf, erinnerte an Mailand-San Remo 2009 und zeigt, warum ihn die „L'Equipe" in diesem Juli zum besten Sprinter aller Zeiten kürte.

    Umbuchung: Sebastien Hinault war gerade tauchen, als er zwei Tage vor Tour-Start angerufen wurde. Er kam dann rechtzeitig genug wieder hoch, um bei ag2r für Lloyd Mondory einzuspringen. Nicht „eingewechselt" wurde hingegen bei Garmin Heinrich Haussler, der „stand by" wartete: David Millar verpasste zwar krank die Teampräsentation, holte aber später den einzigen Etappensieg des Rennstalls.

    Vier gewinnt: Die fünf Teilstücke 12 bis 16 gingen allesamt jeweils an Fahrer, die dort den vierten Etappensieg ihrer Tour-Karriere holten: Millar, Greipel, Sanchez, Fedrigo und Voeckler.

    Wattebausch: Bei Team Sky geht es ja immer um die schon berühmten „marginal gains". Nach dem Prolog musste sich Froome viel Spott aus den eigenen Reihen anhören, weil er vergessen hatte, die Watte vor dem Start aus der Nase zu nehmen. Hat dann aber doch nicht über den Tour-Sieg entscheiden.

    Xavier: Man mag von Valverde halten was man will. Aber sein Gedenken an Teamkollege Tondo nach seinem Etappensieg hat mich gerührt. Gilt auch für die Geste Cancellaras, seinen Plüschlöwen aus Tournai der Tochter von Wouter Weylandt zu schenken.

    Yffiniac: Die Tour-Legende aus dem bretonischen Örtchen ist auch mit 57 Jahren noch immer reaktionsschnell und furchtlos wie eh und je: Bernard Hinault beförderte den unbekannten Gast, der Wiggins mitten auf dem Podium in Paris die Hand schüttelte, kurzerhand mit Vollgas von der Bühne. Selber Move wie 2008 in Nantes, selber durchschlagender Erfolg.

    Zusatzzahl: Für Statistikfreaks — erstmals gewinnt bei der 99. Tour ein Fahrer mit der Startnummer 101 das Rennen. Die echte Zusatzzahl aber ist die 109: mal nachgedacht, wie überlegen Sky gewesen wäre, wenn nicht der Weißrusse Svitsov schon auf der 3. Etappe ausgeschieden wäre?
    Ehrenvolle Erwähnung: Zickenkrieg — das kurze Twitter-Duell der Herzdamen von Froome und Wiggins wurde zwar bald aus Staatsräson eingestellt. Aber ich freue mich schon sehr auf die Tour 2013...

    So, ein letzter Tweet und ich bin raus. Wer die Siegerehrung gesehen hat und über solides cineastisches Grundwissen verfügt, wird den Kommentar von Kollegen Shane Stokes hoffentlich auch goutieren.

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