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    Um Reifenbreite

    Adieu “Anti-Armstrong”

    Doping und kein Ende: Ein sturer Armstrong, ein plötzlich bekehrter Museeuw, ein UCI-Boss mit Amnestie-Gedanken, ein Hamilton auf Verkaufs-Tour — der Radsport kreist in diesen Tagen und Wochen mal wieder um sein Dauerthema.

    Wichtig & richtig. Doch da liegt es mir besonders am Herzen, dass eines nicht untergeht: Es ging auch in den Armstrong-Jahren anders. Der Druck und die Verführung waren groß, aber saubere Erfolge auch damals nicht unmöglich.

    Den Beweis dafür hat immer wieder ein Fahrer geführt, der in nicht nur einer Hinsicht als "Anti-Armstrong" gelten darf — und der mit der Vuelta auch seine Karriere beendete.

    Für mich war es der heimliche Höhepunkt der Rundfahrt, als bei der ersten Zielpassage in Madrid David Moncoutié und Grischa Niermann vor dem Feld auf die Schlussrunden und auf ihre letzten Kilometer als Radprofis gingen (schön zu sehen im Video unter dem Text).

    Während Niermann über viele Jahre den Typ des selbstlosen Edelhelfers perfekt verkörperte, ist Moncoutié ein Siegfahrer der besonderen Sorte gewesen. Mitten in den schwer verseuchten Jahren der Armstrongschen Dominanz hielt er den Stars seiner Zunft den Spiegel vor: Nein, Topleistungen ohne Doping sind sehr wohl machbar. Nein, man muss kein skrupelloses Alphatier sein, um einen Platz im Kreis der erweiterten Weltspitze zu haben.

    Schon 1999 "nur mit Wasser"

    Moncoutié beginnt 1997 seine Karriere sogar formal als Teamkollege von Armstrong bei Cofidis — allerdings nur auf dem Papier: Denn während der Nachwuchsfahrer aus dem ländlichen Süden Frankreichs erste Schritte im Profizirkus macht, kämpft Armstrong gegen den Krebs und überwirft sich mit den Verantwortlichen des damals neu gegründeten Teams.

    Sein Comeback gibt der geheilte Texaner dann 1998 in anderen Farben. Spätestens im Jahr darauf wird ihm dann der Name des Franzosen plötzlich aufgefallen sein: Erst fährt der damals 24-Jährige beim beinharten Bergzeitfahren auf den Mont Ventoux in die Top Ten, nur 39 Sekunden hinter Armstrong. Dann holt er sich bei der Bergankunft am vorletzten Tag seinen ersten Profisieg — und betont, angesprochen auf das Dopingthema, er habe diesen "nur mit Wasser errungen".

    Das soll das Markenzeichen des sturen Ausnahmeathleten werden: Siege auf meist schwerstem Terrain und ohne die allgegenwärtigen verbotenen Beschleuniger. Schwer vorstellbar für viele, besonders wohl für Armstrong. Gemeinsam stehen sie 2002 auf dem Podium beim Critérium International, wo Moncoutié die schwere morgendliche Kletterpartie durch die Ardennen gewonnen hatte. Ich finde, der Blick des US-Amerikaners spricht Bände...

    Armstrong beäugt Moncoutié 2002Armstrong beäugt Moncoutié 2002

    Vier Monate später gewinnt Armstrong in Paris seine vierte Tour, Moncoutié erreicht mit Platz 13 seinen besten Rang in der Gesamtwertung. Wenn ich mir jetzt zehn Jahre später anschaue, wer da vor ihm liegt, ist klar: Nimmt man alle Betrüger aus der Wertung, steht der Cofidis-Kletterer wohl mindestens auf dem Podium.

    "Doping war für ihn undenkbar"

    Wie aber kann man sich sicher sein, dass Moncoutié nicht auch betrogen hat? Immerhin ging es gerade in seinem Cofidis-Team hoch her, wie der große Skandal von 2004 dann enthüllte. Doch eben diese Affäre bestätigte letztlich seinen Ruf offiziell: So sehr die staatlichen Ermittler suchten, so viele Fahrer und Teammitglieder sie auch verhörten und sogar vor Gericht brachten: Moncoutié wurde dabei von niemand belastet und nirgendwo ergaben sich Erkenntnisse, dass er in die wüsten Praktiken der Truppe verwickelt war.

    Die zwei Hauptdarsteller der Cofidis-Affäre, David Millar und Philippe Gaumont, haben in ihren Biographien ausführlich über das weit verbreitete Doping im Team geschrieben, dabei niemand geschont — aber beide betonen die absolute Sonderrolle Moncoutiés.

    "Ich habe in den sieben Jahren bei Cofidis nur zwei Fahrer erlebt, die nicht gedopt haben: David Moncoutié und den Esten Janek Tombak", so Gaumont, "nie hätte er etwas Verbotenes genommen. Er schwor auf Gelée Royale." "Doping war für ihn undenkbar", so auch Millar, "er nahm selbst bei Krankheit meist nur homöopathische Mittel, musste schon zu Antibiotika gedrängt werden  - und nahm davon dann eine Tablette und sagte: Das reicht!"

    "Lebt in seiner eigenen Welt"

    Allerdings war er sehr wohl Mitwisser. "Moncoutié hat in Diskussionen seinen Standpunkt sehr entschieden vertreten, aber wir haben ihn nicht ausgeschlossen — er war keiner, der Dinge gleich nach außen trug", erzählt Gaumont. Ich vermute, dass er wegen dieses Schweigens eben auch in diesen Jahren vom Feld toleriert wurde — und nicht wie ein Christophe Bassons gemobbt.

    Der andere "Monsieur Propre" des Pelotons hatte seinen einzigen Profisieg exakt am Tag nach Moncoutiés Premierenerfolg bei der Dauphiné 99 geholt, wurde aber wegen seiner klaren öffentlichen Aussagen schon wenige Wochen später zum Feindbild für die Szene.

    Ich will Moncoutié für sein Schweigen nicht loben, wirklich nicht. Aber er, der erst mit 16 so richtig mit dem Radsport begonnen hatte, wollte einfach nur sein Ding machen. Rampenlicht hat ihn nie gereizt, Selbstdarstellung war ihm zuwider. Mit Ellbogen ging er äußerst ungern zu Werke, auf wie neben dem Rad. "Er lebt in seiner eigenen Welt", brachte es Millar auf den Punkt. Denn Geld oder Siege haben nie die Hauptrolle für den bald dreifachen Familienvater gespielt.

    ... dann lieber weniger Geld

    Ihm war wichtiger, nur die Rennen fahren zu müssen, auf die er Lust hatte — und dazu gehörte längst nicht immer die Tour. Er wollte nicht den Druck einer Kapitänsrolle, sondern lieber am Ende des Feldes, fern des Gedränges, auf seine Art Profi sein. Bei Abfahrten auf regennasser Straße kein Risiko eingehen zu müssen, war ihm wichtiger als Plätze in einer Gesamtwertung zu verteidigen. "Ich bin nicht gierig auf Erfolg", so Moncoutié, "ich wollte nie eine Berühmtheit sein."

    "Er zog seine Befriedigung nicht aus Siegen", berichtet auch Gaumont, "oft habe ich ihn auf einem Gipfel strahlend sagen hören: Heute bin ich zufrieden, ich habe im Schlussanstieg 146 Fahrer überholt!"

    Und er verzichtete dafür auch gerne auf bares Geld. Nicht nur Gaumont, auch der Cofidis-Firmenchef Francois Migraine haben beide erzählt, wie Moncoutié von sich aus auf massive Gehaltssteigerungen verzichtet hat — um dafür lieber seine Karriere so gestalten zu können, wie er es für richtig hielt.

    So schnell wie Basso nach Alpe d'Huez

    Aber Achtung: Das hieß noch lange nicht, dass er keine Ambitionen hatte oder sich nicht quälen konnte. In 16 Jahren gelangen ihm dennoch 23 Siege, die meisten auf schwersten Profilen, und etliche hochkarätige Ehrenplätze. Die beiden Tour-Etappen waren fast noch das leichteste Terrain. Ansonsten galt: Je steiler, je besser: Dreimal gewann er am Mont Faron, war 2001 Gesamt-Vierter bei Paris-Nizza und bei der Tour 2004 im Bergzeitfahren nach Alpe d'Huez als Neunter genauso schnell wie Ivan Basso.

    Blättert man in den Ergebnissen, gewinnen alle diese Leistungen mit dem Wissen von heute noch einmal enorm an Wert. "Er ist bestohlen worden", brachte es während der letzten Tour Millar auf den Punkt — und so ist es auch. Selbst der nie um laute Töne bemühte Moncoutié stimmt dem in seinem Abschluss-Interview vor wenigen Tagen zu, doch er scheint keinen Groll zu hegen. Ihm ist nach wie vor am wichtigsten, dass er mit sich im Reinen ist: "Ich habe meine 16 Jahre sauber gefahren, meine Siege sind anständig erkämpft worden."

    Und dass er auch 2012 noch mit den Top-Fahrern mithalten konnte, hatte er schon im März bewiesen, als er im Bergzeitfahren zum Abschluss von Paris-Nizza Achter wurde.

    "Ich dachte, ich fahre zwei Jahre"

    Es bleibt am End etwas Wehmut, dass ihn ein böser Sturz um ein versöhnliches Ende seiner schwierigen Beziehung zur Tour brachte — und ihn auch bei der Vuelta nicht in Bestform an den Start gehen ließ. Es wurde nichts mit dem fünften Bergtrikot in Serie, "aber ich bedauere nichts", betont Moncoutié.

    "Ich hätte 1997 nie gedacht, eine so lange Karriere mit solchen Siegen zu machen — ich dachte, ich mache zwei Jahre", gestand er nun. "Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe — das übersteigt meine Hoffungen."

    Ich hoffe, dass seine Siege Bestand haben werden — und daran erinnern, dass es eben auch anders geht. Danke dafür, David!

    Andreas Schulz

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