Die Mur de Peguere
"Überraschung!" Die Augen von Tour-Chef Christian Prudhomme leuchteten stolz, als er uns in kleiner Runde die Feinheiten der Tour-Strecke 2012 präsentierte.
Am Vorabend von Lüttich-Bastogne-Lüttich Ende April hatte Eurosport ihn und Bernard Hinault gewinnen können, einer kleinen Runde von Journalisten im Startort der 99. Auflage Rede und Antwort zu stehen. Und wie er das tat: der Übersetzer kam immer wieder kaum hinterher, wurde mehrfach vom gut englisch sprechenden Prudhomme korrigiert, wenn die Superlative und Hintergründe nicht exakt genug wiedergegeben wurden.
Voller Stolz präsentierte er sein 'Baby' - dem er den Namen "Überraschung" gab. Mit diesem einen Wort lasse sich der Kurs 2012 am besten zusammenfassen, so der Franzose. Man habe den Fahrern die Möglichkeit zur Offensive geben, "wagt etwas" - so seine Botschaft an die Profis.
Die steilsten Rampen der Geschichte
Und ein genauerer Blick auf den Verlauf der knapp 3500 Kilometer bestätigt das. Die heimlichen Highlights sind nicht die langen Zeitfahren oder die großen Bergetappen, sondern die überall im Parcours verstreuten kleineren und größeren Gemeinheiten. "Es gibt 2012 die steilsten Rampen in der Geschichte der Tour", wurde Prudhomme nicht müde zu betonen, "das sind 'echte Abschlussrampen'"! Dazu kommt die Premiere des für nicht wenige Experten schwersten Berges in Frankreich - jede Menge Neuerungen also in einem Jahr, in dem Ventoux, Galibier und Alpe d'Huez Pause haben vor der 100. Austragung 2013.
Sehr zufrieden erzählte Prudhomme, dass ihm BMC-Teamchef John Lelangue fast vorwurfsvoll verraten habe, dass er mit Cadel Evans in diesem Jahr mehr als die Hälfte aller Etappen im Vorfeld besichtigen müsse - so viele Überraschungen halte der Kurs parat. Nehmen wir also abseits der Zeitfahren die zehn Schlüsselstellen & "Abschussrampen" mit Hilfe der ausgewiesenen Experten unter die Lupe!
Zehn Schlüsselstellen:
1. Etappe: Die Zielankunft in Seraing klingt von ihren Eckdaten her nicht furchtbar. Doch was die Durchschnittswerte nicht zeigen, ist die Rampe von 17%, die den Schlussanstieg so schwer macht. Allerdings wird es auf den letzten Metern deutlich flacher - "deshalb wird das Timing ganz entscheidend sein", so Hinault, "die Abstände sollten aber nicht zu groß werden". Dennoch eine erste Chance etwa für den explosiven Evans, einem Bradley Wiggins wie auf der 1. und 4. Etappe im Vorjahr einige Sekunden abzuknöpfen.
3. Etappe: "Die letzten 50 Kilometer nach Boulogne werden richtig hart", kündigt Prudhomme an, "wer die nicht kennt, wird sich gehörig wundern!" Allerdings, denn der Zickzack-Kurs über etliche kleine Bergwertungen und weitere Hügel tut mächtig weh. Keine Chance, dass das Feld dort geschlossen ankommt. Wenn nicht spätestens die letzte Bergwertung sieben Kilometer vor dem Ende zu Attacken aus dem Kreis der Favoriten führt, bleibt immer noch die 700 Meter lange Steigung ins Ziel, um zumindest ein paar weitere Sekunden herauszuholen.
7. Etappe: Nur drei Bergankünfte hat die Tour 2012 und die erste in den Vogesen darf niemand unterschätzen. Zum Ende der ersten Tour-Woche knallt man ungebremst auf eine Bergwertung, die es mächtig in sich hat - so etwas wie das Bajkonur dieser Tour. Wieder wirken die Eckdaten zur "Planche des belles filles" gar nicht so wild, doch Ortskundige verziehen da nur spöttisch die Lippen. Die sechs Kilometer bergan empfangen die Fahrer gleich zu Beginn mit fröhlichen 18%. Danach wird es etwas flacher, doch immer wieder folgen neue Rampen im zweistelligen Bereich (siehe Bild ganz oben). Im Finale schließlich wurde ein Stück der Skipiste geteert und so sind die letzten 200 Meter im Schnitt über 20% steil, im Maximum 28% - noch Fragen?
8. Etappe: Tags darauf hat der Abstecher in die Schweiz nichts mit eidgenössischer Gemütlichkeit zu tun. Auf dem recht kurzen Teilstück mit sieben Bergwertungen gibt es jede Menge Möglichkeiten, mächtig Bewegung ins Rennen zu bringen. "Da ist alles möglich", so Eurosport-Experte Christophe Moreau, der die Etappe besichtigt hat. Die Cote de Saulcy ist "wie eine Skisprungschanze", fast fünf Kilometer geht es schnurgerade nach oben, meist bei über 10%. Wer diese drittletzte Steigung noch nicht zur Attacke nutzt, dem legt Moreau die Abfahrt vom vorletzten Berg ans Herz: "Schwierig und sehr schnell, da muss man schon vor der Bergwertung gut platziert sein." Und schließlich der letzte Anstieg, 16km vor dem Ziel: Der Col de la Croix ist erst extrem giftig mit bis zu 17%, doch er "hat auch eine richtig technische Abfahrt", warnt Prudhomme.
10. Etappe: Nach Zeitfahren und Ruhetag wartet die nächste schwere Prüfung. Der Grand Colombier gibt seine Tour-Premiere und der erste Anstieg der HC-Klasse hat es in sich. Es geht nur auf 1505m, doch das macht die fast 20 Kilometer Anstieg nicht leichter. Dazu kommt: Sollte es warm werden, wird es aufgrund der geringen Höhe schnell eine Hitzeschlacht bergan, denn etliche Kilometer liegen frei in der Sonne. Die Steigung verläuft immer wieder stufenförmig und zwingt zu Rhythmuswechseln, immer wieder wird es bis zu 14% steil. Vom Gipfel sind es zwar noch 43 Kilometer ins Ziel. Doch statt eines langen Flachstücks, auf dem man eine Verfolgungsjagd inszenieren könnte, folgt noch ein weiterer kleinerer Berg - und wer wird nach dem Grand Colombier überhaupt noch Helfer an seiner Seite haben?
11. Etappe: Zur Halbzeit der Tour geht's endlich ins Hochgebirge. Die Etappe ist kurz, könnte also im Idealfall ein ähnliches Feuerwerk wie das Teilstück nach Alpe d'Huez im Vorjahr werden. Die schwersten Berge mit Madeleine und Croix de Fer machen aber den Anfang - fraglich, ob sich schon zur Hälfte der Strecke ein großer Name aus dem Staub macht. Die Falle des Tages könnte der einfachste Anstieg sein, bzw. seine Abfahrt: Vom Col du Mollard zum Schlussanstieg geht es 16km bergab - und wie: "Dort ist es sehr gefährlich", bestätigt Moreau, "viele enge Kurven hintereinander, dazu meist im Schatten, so dass man nicht gut erkennt, was einen erwartet."
13. Etappe: Die Fahrt ins Nudisten-Mekka Cap d'Agde steckt voller Fallen. Weniger wegen der FKK-Jünger, die werden die Fahrer kaum zu sehen bekommen. Doch es wird lange Zeit (217km) wahrscheinlich sehr heiß - und wenn in der letzten Rennstunde die Küste erreicht ist, droht Gefahr durch den Wind. Die Fahrer haben die Kommando-Unternehmen bei solchen Bedingungen, etwa bei der Tour 2009, noch genau in Erinnerung. Und als kleine Zugabe ist bei der Durchfahrt von Sète, 23km vor dem Ziel, mal wieder eine Rampe eingebaut: Der Mont Saint-Clair könnte manchem den Rest geben und andere alles auf eine Karte setzen lassen.
14. Etappe: 'Die Mauer muss weg!' - das werden sich wahrscheinlich 99% der Profis mit Blick aufs Profil denken. Einige wenige, darunter auch mancher Top-Fahrer, werden sich hingegen einen Plan genau für diese Mur de Péguère zurechtlegen. Prudhomme zumindest zeigte sich beim Ortstermin begeistert: "Das ist eine perfekte Stelle für ein großes Manöver - ich hätte nicht gedacht, dass es so steil ist!" Viel mehr als die 3,3km zur Bergwertung mit im Schnitt über 12% kann man kaum bieten - doch wer nutzt die Rampe? Da ist eine ausgeklügelte Strategie nötig, denn es bleiben noch 38 Kilometer ins Ziel. Eines aber ist klar: Wegen Protest der Fahrer wird die Mauer nicht aus dem Rennen genommen, wie es 1973 geglückt war.
16. Etappe: Die große Pyrenäen-Etappe ist lang und schwer - aber wie beim elften Abschnitt in den Alpen stehen die schwersten Berge am Anfang (Aubisque, Tourmalet). Doch zwischen den letzten drei Anstiegen geht es kaum durchs Tal, da kann ein Top-Kletterer seine Chance suchen. Ansonsten bietet sich das letzte, schwere Stück am Peyresourde zur Attacke an, denn danach wartet nur noch die Abfahrt ins Ziel.
17. Etappe: Letzte Chance, vor dem Zeitfahren etwas zu bewegen: Prudhomme und Co. haben dazu "eine Achterbahnfahrt über 50 Kilometer" vorbereitet. Mit dem Port de Bales läutet der letzte HC-Berg des Rennens das Finale nach rund 100 Kilometern ein. Und tatsächlich geht es fast ohne einen Meter Flachstück danach direkt wieder hinauf zum Peyresourde und von dort nach kurzer Vollgasabfahrt in den noch nie gefahrenen Schlussanstieg: Der ist zwar nur rund drei Kilometer lang, bietet aber mit 12% zu Beginn eine letzte schöne Rampe zur Attacke. Wer dort direkt loslegt und auch über den letzten flachen Kilometer durchziehen kann, wird nochmals Zeit herausholen. Und wer weiß, wie wichtig am Ende jede Sekunde sein könnte.
Es ist also angerichtet und ich kann mich abschließend Prudhomme nur anschließen: Wagt was, macht was draus!
