Hier steh' ich nun, ich kann nicht anders...: Torrichter
So. Jetzt muss ich als erste gute Tat des heutigen Tages mal ein bisschen Ehrenrettung betreiben.
Es passierte in der 74. Minute des Spiels in Donezk, England gegen die Ukraine.
Yevhen Konoplyanka hatte die Flinte durchgeladen und abgedrückt, Joe Hart den Schuss mit ausgestrecktem Arm krakenhaft von der Linie gefummelt.
Und der Torrichter, der hatte doch tatsächlich alles richtig gesehen: kein Handspiel, kein Elfer!
Verrückt! In Bruchteilen von Nano-Sekunden mussten die Argusaugen des 17. Offiziellen erkennen, dass es sich bei Hart um den englischen Torwart handelte.
Vertrocknete Augäpfel
Eine schier unmenschliche Leistung, eine Sinnesschärfe jenseits des Vorstellbaren. In der Uefa-Loge klopfte man sich gegenseitig mit den speckigen Lachsschnittenfingerchen auf die Sacko-Schultern.
Allerdings war diese Situation in der 74. Minute die einzige, die von einem dieser nutzlosen Pfosten-Lümmler bei der EM richtig bewertet wurde. Elf Minuten zuvor hatte sich der gleiche Torrichter in Position gebracht.
In einer Körperhaltung, die an den dunkelsten Augenblick einer jeden militärischen Musterung erinnerte, dazu die Augen starr Richtung Pfosten. 63 Minuten lang die Augäpfel luftgetrocknet und dann im falschen Moment zum ersten Mal geblinzelt - manchmal läuft's halt blöd im Leben. Wäre aber ohnehin schwer zu sehen gewesen, stand ja der Pfosten im Weg...
Dass dieses Tor aus einer Abseitsposition heraus entstand, greift allerdings nicht als Entschuldigung. Das sah auch Oleg Blochin so, der nach Abpfiff über Vollpfosten am Torpfosten sinnierte, um dann in verbaler Kraftanstrengung ruckartig den Eisernen Vorhang wieder hochzuziehen.
Tortechnik? - Um Gottes Willen!
Auch hierzulande kursieren in der Presse bereits wilde Verschwörungstheorien. Ukraine, Kroatien, Dänemark, Irland - zu unsexy fürs Viertelfinale, deshalb aus dem Turnier betrogen. Komplott am kurzen Pfosten. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wahrscheinlich sind die armen Teufel beim endlosen Starren einfach nur erblindet.
Was aber definitiv zu sehen ist: Die alberne Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Uefa entwickelt sich in eine längst vorhersehbare Richtung - sie wird zur Farce. Als Holger Badstuber im vollen Lauf mit Dänemarks Nicklas Bendtner das Trikot tauschen wollte, als Spaniens Sergio Ramos dem Kroaten Mario Mandzukic die Stollen ins Sprunggelenk jagte, als Russlands Sergei Ignashevich den Griechen Giorgos Karagounis von den Beinen holte - nix gesehen, nix Elfmeter.
Die Uefa wird zweifellos reagieren. Technologische Hilfsmittel? - Um Gottes Willen! Davor quadrieren Uefa und FIFA den Mittelkreis. Irgendwas aber wird den Herrschern des Weltfußballs schon einfallen, um den aktuelle Unsinn mit zukünftigem Blödsinn zu übertreffen.
Vielleicht gibt es bald sieben weitere Richter pro Tor. Nebeneinander auf die Latte gepflanzt. Da sitzen sie dann wie die Raben auf der Stromleitung und bündeln ihre Kompetenz: "Riecht mal, ich glaub' ich hör' was!"
Fazit zu Tag 12: "Wenn das Aug' nicht sehen will, dann helfen weder Licht noch Brill'."
Bis morgen!
Michael
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