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    “Wollnys EM”: Verpokert und verspottet

    Erst verloren, dann verspottetErst verloren, dann verspottet

    So, das war's jetzt also.

    Eine ziemlich unspektakuläre EM hat nach einem finalen Höhepunkt den Vorhang geschlossen.

    In meinem letzten EM-Blog frage ich mich, was nun an primären Erkenntnissen bleibt?

    Spanien hat sich in Kiew die Krone des europäischen Fußballs aufgesetzt. Der Titel ist ohne jeden Zweifel verdient, zumal sich das Team von Vicente del Bosque das Beste bis zum Schluss aufgehoben hat.

    Nichts war zu sehen vom einschläfernden Ballgeschiebe wie in den Spielen zuvor. Spanien hatte gegen Italien endlich wieder Lust auf Spektakel in vertikaler Ausrichtung - weil sie ganz einfach vom Gegner auch dazu gezwungen wurden.

    Deshalb: Felicitaciones Espana und Grazie Italia! Nicht immer wird aus vier Gegentoren automatisch eine Demütigung.

    Hohn und Spott

    Und Deutschland? Tja, Deutschland wurde gedemütigt. Nicht vom siegreichen Gegner, sondern von Teilen der Presse. Die leiseren Töne sachlicher Kritik wurden mit ätzendem Hohn und Spott überbrüllt. Und die Geschmacklosigkeiten in Wort und Schrift fanden im Fan-Volk auch durchaus Zustimmung.

    Es ist einfach erstaunlich, wie sehr dieses Land zur Hysterie neigt. In guten wie in schlechten Zeiten. Man muss das Aus bei dieser EM nicht in fatalistischer Gleichgültigkeit akzeptieren, aber man sollte bei aller Kritik der Sachlichkeit zumindest eine winzige Chance einräumen.

    Auch ich bin der Meinung, dass sich Jogi Löw im Taktik-Poker mit Cesare Prandelli klar verzockt hat, dass seine Nibelungentreue für den leistungsschwachen Lukas Podolski und den angeschlagenen Bastian Schweinsteiger angesichts starker Alternativen unbegreiflich war.

    Doch mit der Frisur von Mario Gomez hatte das alles nichts zu tun, auch nicht mit Lahms Diplomatensprech oder Schweinsteigers Führungsstil. Nicht einmal mit der Lautstärke einer gesungenen Nationalhymne - sonst hätte Italien Spanien mit 8:0 vom Platz gefegt. Unsachlichkeit, daran muss man dieser Tage tasächlich erinnern, gewinnt auch keine Titel.

    Der Führer ist tot!

    Und Deutschland braucht auch keinen brüllenden Führer, keinen "Aggressive Leader", keinen "Schweinehund", der mit dem Durchtreten gegnerischer Sprunggelenke angeblich wichtige Zeichen setzt. Über solche Führungsspieler-Relikte verfügen weder Spanien noch Italien.  Schweinsteiger und Sami Khedira haben den richtigen Charakter und das nötige Charisma, um im neuralgischen Mittelfeld Ton und Takt anzugeben. Die junge Mannschaft folgt ihnen durchaus.

    Für mich persönlich wiegt der Kollateralschaden aus Löws taktischem Fehler schwerer als der Fehler selbst. Der Bundestrainer wurde sich selbst untreu. Er schien urplötzlich kein Vertrauen in die eigene Maxime des proaktiven Spielstils zu haben und raubte damit dem Team das mühsam erarbeitete Selbstbewusstsein. "Die Gegner sollen sich nach uns richten", hatte Löw in der Vergangenheit mehrfach betont. Gegen Italien richtete er sich nach Italien, Italien aber richtete sich nur nach sich selbst und richtete dann Deutschland.

    Ein krasser Fehler, der eine teure Lehre sein sollte. Denn die Zukunft ist vielversprechend. Reus, Schürrle, Götze, Bender, Gündogan, Hummels - nur die Spitze des Eisberges. Deutschland verfügt über fantastisches Potenzial. Und auch Löw ist weiterhin der Richtige für diesen Job. Man muss hoffen, dass der Nachfolger von Matthias Sammer die hervorragende Nachwuchsförderung beim DFB weiterführt und eventuell mit neuen Impulsen und eigenen Ideen speziell im defensiv-taktischen Bereich vorantreibt.

    Doch zum Schluss will ich erneut auf eine Sache zurückkommen, die der DFB ebenfalls überdenken sollte. Ich wiederhole mich da gerne. Die Prämien.

    Naiv, aber überlegenswert

    Für die Nationalelf spielen zu dürfen sollte im Kern doch ein Privileg sein und nicht nur ein weiterer Nebenjob der kickenden Ich-AGs. Warum also muss es für den Einsatz im Nationaltrikot überhaupt einen finanziellen Anreiz geben?

    Das wertvolle Signal an den Nachwuchs, der seine Idole vergöttert: Dass es heutzutage noch Dinge gibt, für die sich leidenschaftlicher Einsatz lohnt, ohne dass man sich dafür bezahlen lässt.

    Das vom DFB bei Großturnieren generierte Geld wäre in Förderprojekten wie im Bereich des Behindertensports, für antirassistische Fanprojekte, in Schulen oder an anderen bedürftigen Stellen sinnvoller verwendet.

    Der Nationalspieler im Ehrenamt, wieso denn nicht?

    Auch so vermittelt man Werte. Mit Prämien-Verhandlungen entwertet man ein Ideal, indem man den Wert in ideal viel Geld bemisst.

    Ok, ich bin naiver Fußball-Nostalgiker. Aber wisst Ihr was? - Das ist auch gut so.

    Fazit zu Tag 24: Vielen dank euch allen für die sachlichen Kommentare und Diskussionen - hat Spaß gemacht!

    Ciao, a presto!

    Adios, ¡hasta pronto!

    Servus, bis bald!

    Michael

    Folgt mir auf Twitter: @Michael_Wollny

    Nur eine Idee: Macht's doch mal umsonst!

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