Ultras: Gekommen, um zu bleiben
Den Kampf für eine Legalisierung von Pyrotechnik haben die deutschen Ultras verloren. Doch mit dieser Niederlage hat Ultrà paradoxerweise auch einen Sieg davongetragen.
Die hitzige Debatte hatte mit ihrer Intensität schließlich auch die Berichterstattung in der deutschen Medienlandschaft befeuert. Nun kamen Journalisten kaum mehr umhin, sich zumindest in Ansätzen mit dieser Thematik zu beschäftigen, bevor sie darüber schrieben.
Als sich eurosport.yahoo.de 2009 in einer ausführlichen Serie mit der Subkultur "Ultrà" auseinandersetzte, da galt schon ein einziges Bengalo als klares Indiz für "Randale". Pogo-Tanz wurde gerne mal als "schwere Ausschreitung" missdeutet und das stereotype Synonym für Ultras klang wie ein cineastisches Werk von Alan J. Pakula: "Die Unverbesserlichen".
Kratzen an der Oberfläche
Eine aufgeklärte Berichterstattung verhielt sich mit ihrer Präsenz analog zu Ultrà: sie schwamm in ihrem Umfeld als exotische Minderheit gegen den allgegenwärtigen Mainstream. Die Ausnahme von der Regel. Und in der Regel wurde oberflächlich berichtet, anstatt die im Begriff "Subkultur" vorgegebene Rechercherichtung zu verfolgen und unter sowie hinter das vermeintlich Offensichtliche zu blicken.
Mit der Niederlage in der Pyro-Debatte steht Ultrà in diesem Punkt nun als Sieger da. Auf einmal hatten die Medien diese speziellen Fußballfans als ernsthaftes Thema entdeckt, weil es sich einfach gar nicht vermeiden ließ. Zu smart und transparent hatten die Verantwortlichen der Kampagne "Pyrotechnik legalisieren, Emotionen respektieren" argumentiert, zu brüsk und unreflektiert die Gegenseite aus DFB und DFL am Ende gekontert.
Es war ein Duell zwischen rhetorischer Logik und dröger Juristerei. Die Berichterstattung wurde endlich von überfälliger Sachlichkeit geprägt, weil viele Journalisten nun tatsächlich unter die Oberfläche blickten und dabei eine komplexe Lebenswelt auch abseits des Fußballs entdeckten. Eine Neujustierung der eigenen Perspektive, zu der die meisten Verbandsfunktionäre und Vereinsoffiziellen immer noch nicht fähig sind oder sein wollen.
Was ist Fankultur?
"Der gefährliche Einsatz von Pyrotechnik ist nicht, wie immer wieder behauptet, ein Bestandteil der Fankultur." Es sind schlichtweg Aussagen wie diese von DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus, welche die Zerfahrenheit des Konflikts offenbaren — und dabei geht es nicht allein um Pyrotechnik. Es geht im Grundsatz um Wortwahl und Sichtweise.
Hieronymus spricht von Fans, meint aber Stadionbesucher, er spricht von Kultur, meint aber Event. Denn im Gegensatz zu Topspiel-Zuschlag, Fahnen-Pass oder VIP-Loge, haben Pyrotechnik und Ultrà durchaus eine historische Tradition im Fußball. Man muss diese Tatsache nicht gut finden, man darf sie aber auch nicht verfälschen.
Die Vorstellung von einer homogenen Fankultur bildet ohnehin nicht die Realität ab. Familien, Normalos, Stadiontouristen, Geschäftsleute, Kutten und Ultras — die Fankultur ist eine Mischkultur. Und letztlich sind es vor allem die Ultras, die erst für jene Atmosphäre sorgen, mit der die Vereine für den Kauf von Logen und Business-Seats werben. Gesungen wird im Stehen, im Sitzen konsumiert.
Gewalt ist nicht verhandelbar
Der Ultrà-Szene in Deutschland bietet sich nun erstmals in ihrer rund 30-jährigen Geschichte eine echte Chance. Wie die "Piraten Partei" kam die Szene quasi über Nacht zur verdienten Aufmerksamkeit. Es liegt nun an ihr, diese neue Öffentlichkeit klug zu nutzen. Im Weg steht dabei allerdings weiterhin die Bereitschaft zur Gewalt. Mit gegenseitigen Überfällen auf Anfahrtswegen, Prügeleien im Stadion-Umfeld und einer Trophäen-Jagd nach Faustrecht, stellen sie sich leichtfertig selbst Abseits.
Und es ist bittere Ironie, dass sie mit dieser immanenten Aggression die berechtigte Kritik an teilweise aggressiven Einsatzstrategien schwergerüsteter Zugriffseinheiten der Polizei selbst konterkarieren und damit sogar die mühsame Arbeit von Amnesty International torpedieren. "Man kann nicht einerseits Gewaltverzicht seitens der Polizei fordern und sich andererseits nicht von den eigenen Straftätern distanzieren", meinte Alexander Bosch bereits im Juni 2011 gegenüber eurosport.yahoo.de. "Der Korpsgeist der Polizei gilt in gleichen Maßen für eine Ultrà-Gruppe."
Der Leiter der Themengruppe "Polizei und Menschenrechte" von Amnesty International findet diesen Zustand schlichtweg "schade, denn Ultrà ist eine sehr interessante Subkultur. Und es ist bedauerlich, wenn sich Ultras mit Gewalt selbst ins negative Licht rücken."
Regelrechte Exzesse wie beim Duell zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli erschweren die moralische Beweislast im Falle von realer Polizeigewalt, meint Bosch: "Diese Sondereinheiten sind ja nicht überflüssig. Es gibt sie, weil es sie leider geben muss."
Ultras müssen eine Antwort geben
Und in der Tat liefern derartige Aktionen Politikern wie Joachim Herrmann die Möglichkeit für lapidare Rechtfertigungen: "Das Problem sind nicht unsere Polizeibeamten, das Problem sind gewalttätige, randalierende Hooligans, Ultras und andere Problemfans", meinte Bayerns Innenminister im Interview mit eurosport.yahoo.de. "Die Polizei wird nie von sich aus handgreiflich."
Eine alltagsfremde Pauschalisierung, wie nicht zuletzt der brutale Einsatz im Fanblock von Hannover 96 beim Spiel gegen den FC Bayern belegt. Die Abkehr vom Dogma der Gewalt seitens der Ultrà-Gruppen wäre deshalb ein erster moralischer Schritt, um auch polizeilichem Fehlverhalten in Einzelfällen das klassische Alibi zu nehmen.
Deshalb sieht auch der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) Ultrà an einem Scheideweg: "Die Frage nach dem Umgang mit der Gewalt war immer schon Teil der Szene", bestätigte Michael Gabriel im Gespräch mit eurosport.yahoo.de. "Und nun ist tatsächlich zu beobachten, dass sich diejenigen durchzusetzen beginnen, die behaupten, dass Gewalt ein fester Bestandteil von Ultrà sei. Das wird nicht nur eine, sondern es wird die zentrale Frage sein, der sich Ultras in Deutschland stellen müssen."
Und sie werden sie beantworten müssen. Der Zeitpunkt wäre ideal. Schließlich ist positives Image selbst für Gesellschaftsrebellen zielführend und nicht etwa nur eine Krankheit des Establishments.
Sportlichst,
Michael Wollny


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