Herz und Seele des Vereins: Die Treuesten auf der Süd
Eigentlich hatte sich der FC Bayern bereits mit dem gedruckten Trommelwirbel in der ominösen Mitteilung selbst verraten. Wie Kai aus der Kiste würde man an der Säbener Straße den absoluten Top-Transfer präsentieren. Ja, klar.
Denn in dieser globalisierten Kommunikationslandschaft hätten die Münchner schon mindestens NSA, Mossad und MI6 infiltrieren müssen, um den Erwerb einer "richtigen Bombe" und "spektakulären Neuverpflichtung" vor den internationalen Gerüchte-Multiplikatoren geheimzuhalten.
Bei Jürgen Klinsmann war man damals vielleicht nahe dran an diesem Kunststück. Doch das lag daran, dass sich die Personalie durch ihre ureigene Absurdität selbst gedeckt hatte. Schließlich würde heute auch niemand damit rechnen, dass Josef Ackermann spontan erleuchtet dem wissenschaftlichen Beirat von Attac beitritt.
Gespenst auf Trockeneis
Außerdem lassen sich Spielertransfers in der Größenordnung einer "richtigen Bombe" erst recht nicht geheimhalten. Wie stellt man sich das vor? An der Säbener Straße flankieren Uli und Kalle ein zwergenhaftes Gespenst, Trockeneis steigt vom Boden auf und wird von Lasereffekten durchbrochen, Orffs Carmina Burana schmettert aus den Boxen, Kalle und Uli ziehen synchron am Laken und enthüllen... Messi, im Bayern-Trikot. Nur zur Not, falls Gomez mal ausfällt.
Tja, so läuft das wohl nicht. Abgesehen von der Gretchenfrage, welche "richtige Bombe" denn ausgerechnet durchs Wintertransferfenster fliegen sollte, um dort auf der Bank auf die gnädige Freigabe zur Explosion warten zu dürfen, käme die ganze Sache schon beim Abwurf ans Licht. Irgend jemand quatscht schließlich immer. Spieler, Mitspieler und natürlich Spielerberater.
Also bleibt am Ende eine PR-Aktion, viel Aufregung und vor allem die Frage nach dem Sinn. Wäre der TSV Grünkraut 1957 auf diese Idee gekommen, dann wüssten heute wohl deutlich mehr Menschen als gestern, dass es einen TSV Grünkraut 1957 überhaupt gibt. Haben die Bayern diese Form der PR nötig? Wohl kaum.
Viel mehr wollte man die eigene Fan-Klientel bauchpinseln. Doch da sich der Verein bei der Kommunikation auf diesem sensiblen Gebiet bisweilen traditionell recht naiv anstellt und die Szene lediglich in Nadelstreifen und Kutte zu unterscheiden weiß, ging der Schuss ziemlich daneben.
Sinnfreie "Neuverpflichtung"
Denn der FC Bayern hat schon einen zwölften Mann. Er sitzt auf Haupt- und Gegengerade auf seiner Brieftasche und steht mit seiner Leidenschaft und Stimmgewalt auf Nord und vor allem Süd. Dort hat er sich sogar namentlich als "Club12" aus über 100 offiziellen Fan-Klubs längst selbst organisiert, um "die Rolle der Fans als zwölfter Mann des Teams zu versinnbildlichen".
Dem "Club12" liegt "die Identifikation der Fans mit dem Verein" am Herzen. Erreichen will man dies "durch Information über die Tradition" des FC Bayern München. Und deshalb setzt sich ein Heer der Namenlosen im Hintergrund seit vielen Jahren ehrenamtlich und mit unbezahlbarer Leidenschaft für die gemeinsamen Ideale ein.
Die lustige Hauruck-Aktion des eigenen Klubs kann von der Zielgruppe somit als "Watschn" missverstanden werden. Wohl gut gemeint, aber völlig unbedacht umgesetzt. Statt inszenierter Transfer-Komik und multimedialen Spielereien bewegen die aktiven Fans schließlich weitaus realere Themen, die nicht zuletzt ihren kreativen Handlungsspielraum in der Kurve betreffen.
Diesen Zwölften Mann jetzt öffentlichkeitswirksam als "spektakuläre Neuverpflichtung" zu präsentieren, unterstellt ihm schon aus logischer Zwangsläufigkeit für die Vergangenheit allgegenwärtige Abwesenheit.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Verein professionelle Fußball-Nomaden natürlich temporär und monetär zu "Identifikation" verpflichten kann.
Von seinen Fans bekommt er dies jedoch weitaus authentischer, nachhaltiger und vor allem - kostenlos und freiwillig.
Echte Leidenschaft lässt sich nun mal nicht verpflichten.
Sportlichst,
Michael Wollny
Hintergrund: Fans entsetzt von FCB-"Transfer"
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