Auf den Schock folgt der Aktionismus. Und die Hektik. Und alles im Tunnelblick.
Spitzenpolitiker fallen nach der Aufdeckung rechter Terrorstrukturen parteienübergreifend aus allen Wolken. Es wird beschuldigt und beschimpft und gewerkelt und gemerkelt. Krisengipfel, Daten sammeln, Task Force, Daten sammeln, Sonderausschuss, Daten sammeln, Untersuchungsausschuss und natürlich: Daten sammeln.
Wenn sich der Nebel lichtet...
Der Aktionismus nach dem Schock. Anscheinend eine menschliche Überreaktion auf das offensichtlich Unfassbare. Ein emotionaler Impuls vor der Rückkehr zur Sachlichkeit. Blinder Aktionismus bevor sich der Nebel lichtet und man erkennt, dass doch alles so augenscheinlich war. Man muss sich nicht neu erfinden. Man hatte dem Offensichtlichen einfach nur keine Bedeutung geschenkt.
Etwas Ähnliches erlebt man nun in der Bundesliga. Bei den Protagonisten und auch in den Medien. Am vergangenen Samstag assoziierten Nachrichtensender noch vor dem Pausenpfiff das Schicksal von Babak Rafati bildlich und thematisch mit Robert Enke. Zu einem Zeitpunkt, als lediglich klar war, dass nichts klar war. Man kann das als großartige Weitsichtigkeit loben, falls sich bei Rafati das gleiche Krankheitsbild ergeben sollte.
Man kann es aber auch unpassend finden. Schließlich herrscht noch immer Unklarheit über das konkrete Motiv des Bundesliga-Schiedsrichters. Doch schon jetzt hat sich eine heiße Debatte entzündet. Es geht da um Druck, um Belastung, um Psyche - und um das Erkennen des Offensichtlichen, dem man einfach nur keine Bedeutung geschenkt hatte. Eine sinnvolle Debatte.
Schiedsrichter im Profi-Fußball sind oft die ärmsten Schweine auf dem Platz. Dass sie mit dem Synonym der "Schwarzen Sau" leben müssen, unterstreicht das sicher nur. Machen sie keine Fehler, dann leiten sie "unauffällig". Aber machen sie Fehler, dann gnade ihnen der Volkszorn. Die Chance auf Lob, Anerkennung und Respekt steht in krassem Ungleichgewicht zum Risiko von Verriss, Spott und tausendfach projiziertem Hass.
Wenig Anwälte, viele Richter
Der "Schwarze Peter" wird den Unparteiischen aber nicht nur von den Rängen zugeworfen. Auf dem Platz werden sie von den Profis angemault, dass ihnen das Spritzwasser in die Pfeife läuft. Nur im Ernstfall können sie sich mit Gelb wehren, im Ausnahmefall mit Rot. Und in beiden Fällen werden sie dafür natürlich aufs Neue beschimpft. Von den Trainern, nach Abpfiff, beim erlösenden Gang in die Kabine. Der letzte Eindruck bleibt...
Ein bisschen undankbar war dieser Job ja schon immer. Aber hat eine fragwürdige Tradition das Recht, einem Undenken in Vernunft im Weg zu stehen? Muss es eine Wahl zum schlechtesten Schiedsrichter geben, die Rafati drei Mal ungefragt "gewinnen" musste? Schließlich muss sich doch auch kein Spieler oder Trainer mit dem Titel des "Schlechtesten" schmücken lassen.
Schiedsrichter sind vor allem im Fußball exponiert und isoliert. Sie haben wenige Anwälte, stehen aber vor unzähligen Richtern. Eines ist klar: Wer sich für diese Rolle entscheidet, der kennt auch die Konsequenzen. Oder wie Berlins Coach Markus Babbel erklärt: "Wer das auf dem Platz nicht verträgt... Es gilt ja freie Berufswahl."
Im Kern ist diese Feststellung nicht falsch, als Denkausrichtung aber schon.
England als Vorbild
Man muss Schiedsrichter nicht in Watte packen, aber man muss sie auch nicht mit Stahlwolle bearbeiten. Der Fußball lebt von seiner Widersprüchlichkeit im Duell zweier Gegner und der unparteiischen Intervention des Schiedsrichters. Da darf auch diskutiert werden. Aber es gibt auch eine Diskussionskultur. Es gibt Grenzen.
Den Fußball und seine Emotionalität nun als Ganzes zu hinterfragen ist blinder Aktionismus. Er wird sich legen. Und dann wird man hoffentlich das Offensichtliche erkennen. Ein simples Umdenken im Umgang miteinander. Einfach mal einen Gang zurückschalten. In England ist dieses Gentlemen's Agreement längst sympathischer Bestandteil der Fußballkultur.
"Alle Protagonisten müssen sich hinterfragen, wie wir miteinander umgehen wollen", fordert Rafatis Kollege Guido Winkmann und mahnt: "Wir sind auf einem gefährlichen Weg."
Den hat auch Thomas Schaaf erkannt.
Mit seiner sachlichen Art und nüchternen Besonnenheit ist der Bremer Coach gegen emotionale Überhitzung seit jeher ziemlich resistent. "Wir alle müssen darauf achten, dass sich die Zustände verbessern."
Auf dem Platz, meint Schaaf. Da wo's zählt.
Sportliche Grüße,
Michael Wollny
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