Sensation perfekt! Sambia hat das Ding
Europa atmet auf. Mal wieder. Während die Festung im Süden mit Blick gen Afrika gerne von innen alle Riegel vorschiebt, die Schotten dicht macht und die Zäune höher zieht, freut sie sich dann doch immer wieder über die Rückkehr ihrer Fußball-Millionäre vom Schwarzen Kontinent.
Das geht alle zwei Jahre so. Und doch ist 2012 etwas anders als sonst. Afrika hat mit Sambia seinen sensationellen Meister gefunden. Glückwunsch!
Und daraus leitet sich eine neue Erkenntnis ab, die bei diesem Afrika-Cup dank inhaltlicher Brisanz sogar den modischen Frisuren-Trend zwischen Cornrows, Irokesenschnitt und rundrasierter Moosflechte mal kurz links liegen lässt.
Klischees auf und neben dem Platz
Es ist ja noch gar nicht so lange her, da hat dieses sportliche Ereignis kaum einen Europäer gejuckt. Stereotypen über traditionelle Unterentwicklung wurden auch auf den Fußball projiziert, wobei sich tatsächlich das eine oder andere Klischee auf und neben dem Rasen auch mal gerne als Tatsache präsentierte.
Speziell in Bezug auf knochenberstende Zweikampfhärte, vogelwildes Defensivverhalten und einem bizarren Verständnis von taktischer Disziplin - falls überhaupt vorhanden.
Aber der Afrika Cup 2012 in Gabun und Äquatorialguinea hat gezeigt: Die Zeiten ändern sich. Was die Fußball-Zwerge aus Mali, Gabun und natürlich Sambia auf den Rasen brachten, verdient höchsten Respekt. Die positive Entwicklung hatte sich irgendwie angedeutet.
Mit Ägypten konnte sich erstmals der Titelverteidiger nicht für das Turnier qualifizieren. Natürlich muss man dabei beachten, dass das Land zuletzt ganz andere Probleme hatte. Doch es fiel auf, dass von den vier besten Mannschaften des Cups 2010 in Angola lediglich Ghana vertreten war. Auch Kamerun und Nigeria waren schon an der Quali gescheitert.
Mit großem Kaliber gegen Dickhäuter
Und doch machte man in Europa die Elfenbeinküste reflexartig zu einem Sieger ohne Gegenwehr, als der diesjährige Cup in einem Finale gegen Sambia gipfeln sollte. Das Kaninchen gegen die Schlange. So dachten viele. Doch die "Chipolopolo", Sambias kickende "Gewehrkugeln", hatten gegen die prominent besetzten "Elefanten" das ganz große Kaliber geladen, überzeugten mit Mut, klugem Pressing und ausreichend Spielwitz.
Yaya Touré hatte bereits auf eine Veränderung im afrikanischen Fußball hingewiesen. "Es liegt wohl an der Qualitätsdichte", meinte der im Finale unterlegene Star von Manchester City bereits Tage vor dem Endspiel und verwies auf Physis, Technik, Taktik und Disziplin. "Früher waren das die Stärke der Nordafrikaner, aber die anderen Nationen haben einfach aufgeholt."
In der Tat. Sie tun dies in einem Tempo, mit dem sie Afrikas Fußball-Establishment bisweilen sogar links und rechts überholen und das alte Machtgefüge gründlich durcheinander bringen. Natürlich ist nun auch Sambias Fußball nicht gegen jene Gier nach Macht, Geld und Selbstdarstellung immun, die auf dem Höhepunkt des Erfolges in erschreckender Regelmäßigkeit ganze Landesverbände von innen heraus zersetzt. Frag mal nach bei Kamerun...
Aber die Hoffnung bleibt, dass die Entwicklung in Gabun und Äquatorialguinea für Afrikas Fußball keine Momentaufnahme bleibt, sondern eine nachhaltige Tendenz verspricht. Yaya Touré glaubt an Letzteres.
Der Ivorer hatte übrigens den von vielen Experten vermuteten Freifahrtschein zum Titel nur milde belächelt: "Jeder, der Sambia schon draußen sieht, hat sie nie spielen gesehen."
Das dürfte sich mittlerweile geändert haben.
Sportlichst,
Michael Wollny
WATTS: Das Verrückteste vom Afrika-Cup 2012


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