Die Bundesliga ist kein Ponyhof. Natürlich ist sie das nicht.
Sie ist vielmehr ein Raubtierkäfig, in dem sich Darwins Evolutionstheorie als individuelle Überlebensphilosophie etabliert hat.
Wer sich da nicht die Ellbogen bandagiert, der bleibt Gesicht zum Boden auf der Strecke. Die psychische Belastung und diverse Einzelschicksale haben sensibilisiert und eine sinnvolle Diskussion angestoßen.
Dramen und tragische Karriereentwicklungen werden dadurch aber sicherlich nicht verhindert. Zu viele Unwägbarkeiten. Oftmals hat der eigene Körper ganz einfach andere Pläne. Manchmal grätscht auch ein gestrecktes Bein diagonal über die eigene Laufbahn und tritt einen zwischen Start und Ziel ins berufliche Abseits des Profi-Sports.
Das Aushängeschild rostet
Von Uli Hoeneß über Dietmar Jakobs bis Sebastian Deisler, Beispiele gibt es genügend. Bei René Adler ist es noch nicht so weit, aber trotzdem schon weit genug. Seine Karriereentwicklung hat etwas geradezu Bizarres. Der Überflieger der vergangenen Jahre hat seit Monaten Probleme mit dem Fahrwerk und ist deshalb nun ziemlich rustikal auf dem Boden der Tatsachen notgelandet.
Das stolze Aushängeschild von Bayer 04 Leverkusen rostet seit Monaten in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin. Ein menschliches und sportliches Drama, in dem Bayer nun mit der Verpflichtung von Bernd Leno den Stift zum Epilog angesetzt hat. Adlers Absturz steht sinnbildlich für eine Brutalität im Profi-Fußball, die von einer atemberaubenden Schnelllebigkeit genährt wird.
Auf bestem Weg ins bundesdeutsche WM-Tor brach im April 2010 im Spiel gegen den VfB Stuttgart eine Rippe. Nach der Diagnose sprach Adler "vorsichtig optimistisch" über ein schnelles Comeback. Wunschdenken. Mit dem Knochen bekam auch die Karriere einen Knacks. Südafrika sah Adler nur durch den Fernseher, sah, wie mit Manuel Neuer der härteste Konkurrent seinen Anspruch auf die Nummer eins mit großartigen Paraden zementierte.
Im Lazarett verzockt
Neuer war der Neue. Und bei Adler meldete sich ein altes Problem, die Patellasehne muckte wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt verschwammen dann auch die Grenzen zwischen Schuldlosigkeit und Selbstverschulden. Der Werksklub wollte mit dem Keeper noch im Lazarett verlängern, doch Adler machte aus dem Angebot ein Pokerspiel. Angeblich zockte der Torwart mit einem 30-Millionen-Gehalt für fünf Jahre. Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser schüttelte den Kopf: "Utopische Vorstellungen!"
Aber das Signal war gesetzt. Adler bereitete seinen Abflug vor und Bayer sondierte den Markt. Jetzt ist ein 19-Jähriger die neue Eins. Anfang August verliert Bernd Leno noch mit Stuttgarts Amateuren im Städtischen Jahnstadion gegen Regensburg. Zwei Wochen später gewinnt Bernd Leno gegen Stuttgarts Profis in der Mercedes-Benz Arena mit Bayer Leverkusen. Die brutale Schnelllebigkeit des Geschäfts.
Sie überholt nun auch René Adler, nachdem er von der eigenen Vergangenheit eingeholt wurde. Von Stuttgart, wo das Drama begann. Von einem Stuttgarter, der dieses Drama nun beendet.
So schnell kann's gehen.
Sportliche Grüße
Michael Wollny


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