Fans ohne Grenzen: Real Madrid hat sie
Internationale Wirtschaftskrise, europäische Währungskrise? Yep, gibt's wohl beides. Aber wenn's um die schönste Nebensache der Welt geht, dann kennen Europas Fußballfans keine Kompromisse.
So ist das nun mal in der Liebe. Ganz oder gar nicht. Und das gilt eben auch für die Liebe zu einem Fußball-Klub. Europas Ultras leben dieses emotionale Extrem. Und obwohl sie dabei durch eine rituell idealisierte Definition von Gewalt mitunter die Grenze des Tolerierbaren überschreiten, bleibt ihr Einsatz für ihre Farben authentisch. Daran ändert auch eine mit grusligem Halbwissen und hysterischem Populismus aufgeladene Pyro-Debatte wenig.
Der moderne Fußball schlägt seine jungen Wurzeln in einen vielschichtigen Nährboden, aus dem eine äußerst heterogene Fankultur erwächst. Ultras sind auf ihre Weise extrem und grenzüberschreitend. Und es gibt andere Fans, die für Emotionen extreme Wege wählen und dabei nicht nur sprichwörtlich Grenzen überschreiten.
Ein Heer aus Millionen
Es sind Fans, die für ihre Vereinsliebe keine Grenzen kennen. Klar, Groundhopper gab es schon lange bevor es Ultras gab. Doch beim Groundhopping ist nicht selten der Weg das Ziel, mit archaischen Spielorten als finale Belohnung für eine Suche nach dem Außergewöhnlichen. Ein Verein muss da keine Rolle spielen.
Bei den "Fans ohne Grenzen" sieht das anders aus. Eine Studie von Mastercard und der European Business School (EBS) zählt ein Viertel aller europäischen Fußball-Anhänger zu dieser neuen Fan-Gruppe. Ein Heer von 41 Millionen Fans, das ergab die Umfrage über das Netzwerk von Eurosport. Es sind Menschen, die regelmäßig ihre Landesgrenzen überschreiten, überfahren und vor allem überfliegen, um ihren Klub zu sehen und zu supporten.
Für ihre Leidenschaft geben sie die unfassbare Summe von 35 Milliarden Euro aus — pro Saison, Wahnsinn! Es fällt schwer, den Betrag einzuordnen, wenn man diesen Blog nicht als CEO einer europäischen Großbank liest. Für den normalen Otto: Von dieser Summe könnte man 100 Mal die Allianz-Arena aus dem Boden stampfen. Wer's gerne etwas niedlicher mag, würde eventuell 562 Mal Fernando Torres verpflichten. Oder manch betuchte Dame wünscht sich eventuell gar einen königlichen Harem aus 372 Ronaldos?
Treue Seele oder pathologischer Fremdgeher
Die Summe setzt sich zusammen aus Pay-TV, Merchandising, den Besuch von Sportsbars und natürlich den Reisekosten. "Die zunehmende Mobilität und die Möglichkeit weltweit einfacher und günstiger zu reisen, ermöglicht es den Fans auch ausländische Vereine anzufeuern", erklärt Prof. Dr. Sascha Schmidt von der EBS. Pay-TV tut sein Übriges, um jenen Appetit anzuregen, der dann vor Ort gestillt werden soll. Man benötigt keine Glaskugel, um die Favoriten dieser modernen Fankultur zu benennen.
Es sind der FC Barcelona, Real Madrid und Manchester United. Europas "Fans ohne Grenzen" unterscheiden sich dabei auch noch untereinander. "Highlight Fans" berauschen sich an der Philosophie und den Erfolgen eines Klubs. Bei "regional affinen Fans" gibt Lokalpatriotismus den Ausschlag und "Star Follower" wechseln sogar völlig schmerzfrei Klub und Farben. Lieblingsverein ist, wo der Lieblingsspieler oder -Trainer unter Vertrag steht. Verrückt!
Doch der globalisierte Fußball macht's nun mal möglich. Dabei ist geteilte Liebe unter Fußballfans sicherlich kein Phänomen der Moderne, sondern eher seit jeher ein Spiegelbild des Alltags. Es gibt die Treuen und Aufrichtigen und es gibt die pathologischen Fremdgeher.
Und nebenbei gibt es jene, die ihre Zuneigung durchaus teilen können. Hier die große Liebe und da die süße Affäre.
Ich gebe es zu, ich zähl' mich dazu: In Deutschland die Braut und eine Geliebte im Ausland.
Wie sieht's bei Euch aus?
Sportlichst,
Michael Wollny
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