Sigis Streifzug: Die Bilanz des Winters

Eurosport - Di 31.Mrz. 11:06:00 2009

In seiner Kolumne nimmt Sie Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich mit in die Höhen und (Un-)Tiefen der Sportwelt. Diesmal lässt er den vorolympischen Winter noch einmal Revue passieren und spart auch heikle Themen nicht aus:

BIATHLON 2008 Feature Fans Germany - 0

Wir lauschen gebannt den Wetterfröschen. Jaaaa. Jetzt soll endlich das große Frühlingserwachen kommen. Aus, vorbei mit dem Winter. Der Schnee, so er denn noch liegt in den südlichen Alpentälern dieser Republik, wird jetzt der Kraft des Neuen weichen müssen. Es ist Zeit dafür, denn auch die sportlichen Aktivitäten, der traditionelle Wintersport an sich also, hat seine letzen Akzente gesetzt. Ein Blick zurück lohnt dennoch.

Erinnern sie sich noch in dieser unserer doch so ungeheuer schnelllebigen Zeit an die Weltmeisterschaften der Alpinen in Frankreich? Gold und noch mal Gold für Maria Riesch und Kathrin Hölzl im Slalom und im Riesenslalom. Die Kerndisziplin des Winters lebt, der Präsident des Deutschen Ski-Verbandes, Alfons Hörmann, leidet trotzdem. Er hat sich verletzt. Beim Skilaufen. Gute Besserung an dieser Stelle.

Es waren wichtige Titel, weil in zwei Jahren die Titelkämpfe in Garmisch-Partenkirchen stattfinden und die Weltmeister automatisch qualifiziert sind. Deutschland wird also aktiv vertreten sein. Auf jeden Fall.

Titel ja, Traumpaar nein

Das ist beruhigend ebenso wie die Tatsache, dass in einer anderen Wintersportart Deutschland noch ein paar Jahre bestens aufgestellt ist: Robin Szolkowy und seine geniale Partnerin Aliona Savchenko gelang das Kunststück, im fernen Los Angeles 45 Jahre nach Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler wieder einen WM-Titel im Eiskunstlaufen zu verteidigen.

Trotzdem wird das Paar aus Chemnitz nie an die Popularität ihrer Vorgänger herankommen. Kilius/Bäumler waren ein Traumpaar. Sie weckten Sehnsüchte der späten Nachkriegszeit und bedienten den damals noch spärlichen und kargen Boulevard. Ganz Deutschland hätte es am liebsten gesehen, wenn sie auch neben dem Eis ein Paar geworden wären. Es hat nicht sollen sein. Aber es passt zum Eiskunstlaufen und seinen Theaterkulissen, dass immer ein Hauch von romantischen Gefühlen bleibt und die Realität des Lebens mit all ihren derzeitigen Problemen in dieser Krisenzeit für wenigstens viereinhalb Minuten verschwindet wie ein Phantom.

Was das Wort Krise bedeutet, weiß auch Martin Schmitt. Deutschlands lila Skispringer, hat wie durch ein Wunder sein Fluggefühl wieder entdeckt und ein Lebenszeichen von sich gegeben. Das hat zwar nicht gleich wieder einen Boom auslöste aber doch für deutlich mehr Interesse am Schanzentisch gesorgt.

Verlass war derweil fast immer auf die Abteilung Bob und Schlitten, auch wenn im vorolympischen Jahr die deutschen Kurvenartisten so manche Niederlage einstecken mußten, die nicht geplant waren aber die Anstrengung für Vancouver noch einmal deutlich erhöhen werden.

Vergeben, ohne zu vergessen

Gewappnet sind natürlich auch die Biathleten. Deutschlands Wintersportlieblinge gewannen viel und leiteten so nebenbei auch noch einen Generationswechsel ein, der die Zukunft sichern wird. Arnd Peiffer, Christoph Stephan, Tina Bachmann, Juliane Döll und nicht zu vergessen Miriam Gössner, die noch gar nicht angefangen hat und derweil bei den Langläuferinnen aufhelfen musste: Sie alle haben der Biathlonszene hierzulande frischen Wind verliehen und werden es den Trainern im nächsten Jahr schwer machen bei der Zusammenstellung der jeweiligen Teams.

Härtefälle sind da wohl nicht auszuschließen. Aber wer wird entscheiden? Bei den Damen ist alles klar. Der erste und einzige und wohl immerwährende Uwe Müssiggang wird auch in Vancouver noch den Rhythmus vorgeben.

Bei den Herren steht Frank Ullrich derzeit mit dem Rücken zur Wand nach den Beschuldigungen des ehemaligen Staffelweltmeisters Jürgen Wirth, der Ullrich vorwirft, ihm damals in der DDR Anweisungen zum Dopen gegeben zu haben. Auch Wilfried Bock, Trainer von Olympiasieger Michael Rösch, wird mit diesen Vorwürfen konfrontiert.

All dies soll im Jahre 1986 passiert sein, vor 23 Jahren also. Die Mauer fiel 1989, vor 20 Jahren. Ullrich und Bock haben vielleicht getan, was ihnen aufgetragen wurde. Der Sportler Jürgen Wirth war aber auch ein Teil dieses Systems, das von Staats wegen die Einnahme leistungssteigender Mittel vorschrieb. Jetzt fällt ihm also ein, daß dies damals unrecht war. Jetzt, 23 Jahre später, stellt er die Trainer, die ihn damals zum Spitzensportler geformt haben, was auch er sicher wollte, als Übeltäter hin, ja als Verbrecher.

Alle Beteiligten haben sicherlich ihre persönlichen Kämpfe auszutragen und werden ihr Gewissen befragen und das ist gewiss nicht leicht. Es sollte aber unserer Gesellschaft endlich möglich sein, zu vergeben ohne zu vergessen. Zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit ist die Zeit dafür überreif.

Sigi Heinrich / Eurosport

Kommentare 1 - 4 of 4

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  1. lieber herrr heinrich,
    ich bin ja orf-flüchtling wegen­ der sportreporter, die da ihr unwesen treiben, aber­ dieses jahr bist du ihnen schon sehr nahe gekommen.
    du­ erinnerst mich immer mehr an die reporter, die im­ staatsfunkt für daswohl des staates kommentiert haben.­ ich weiß die ausdrücke nicht, aber wie wohlwollend du­ deutsche kommentierst und wie ungerecht andere (­ speziell die ostblckler haben es dir da angetan..), das­ macht schön langsam keine freude mehr.

    und deine sicht­ zum doping:
    hochmut kommt vor dem fall!
    alles was ihr­ über die russen gesagt habt, wird euch auch einmal­ treffen und es wird nicht lange dauern.
    ewig läßt sich­ diese sportlüge nicht aufrecht erhalten. treffen wirds­ ein paar deutsche "außerirdische in der­ loipe" , da bin ich mir sicher und wie ihr das­ dann kommentiert...mal sehen.

    und als mitarbeiter­ eines sportsenders über doping herzuziehen ist auch ein­ wenig pharisäerhaft: ihr seid die ersten, die die­ sportler hinuntertut, wenn sie nicht­ über-außerirdisches leisten. und ihr hebt kritiklos­ übermenschen in den himmel und ermöglicht ihnen­ astronomische sponsoreinnahmen...wie soll das sonst­ funktionieren, wenn nicht mit nachhilfe...und das wißt­ ihr genau, seid ja auch keine waisenknaben.
    also nicht­ so überrascht sein bei dopingsündern. nur wundern,­ warum es nicht mehr trifft, wie durch eine besondere­ fügung...

    Von Mi W, am Mi 1.Apr. 19:53
  2. Wie ich schon sagte: Wirth geh in das Loch aus dem du­ gekrochen bist und führe deine erbärmliche Existens­ fort.. Nestbeschmutzer..

    Von Robert, am Mi 1.Apr. 15:34
  3. Was man verlangen kann: Aufrichtigkeit, den aufrechten­ Gang. Wenn denn eine Beteiligung am Doping der DDR­ (oder sonstwo!) vorliegt, dann muss die erste Forderung­ lauten: auf den Tisch damit. Wenn dem einen jetzt erst­ einfällt, dass das damals geschah und falsch war:­ schlecht! Aber dem anderen ist bis jetzt wohl nichts­ eingefallen, auch nach 23 Jahren noch nicht; ganz­ schlecht.

    Es ist wahrlich nicht viel verlangt, wenn­ man Aufrichtigkeit einfordert. Insbesondere von­ Menschen, die für das Land stehen und dafür als Trainer­ auch noch bezahlt werden. Ob da Medaillen bei­ rausspringen ist auch wichtig. Wichtiger ist aber die­ Art des Auftritts - und da zählt erst einmal die­ Aufrichtigkeit.

    Von Sam S, am Di 31.Mrz. 22:21
  4. Danke Siggi! Danke für all die Jahre feiner, teilweise­ ironischer, aber immer erfrischender Berichterstattung­ - und wenn die Wintersaison vorbei ist, dann freue ich­ mich persönlich auf die Leichtathletikübertragungen mit­ Herrn Thiele - die manchmal (bei sportlich schmalerer­ Kost) durch die Seitenhiebe und Neckereien für­ Erheiterung in meiner Familie sorgen und daher immer­ ein mediales Ereignis sind.

    Zum Thema Ullrich: es wird­ Zeit, das Dopingsystem der DDR als das zu nehmen, was­ es war: ein hierarchisches System. Eines, in der kein­ kleiner Trainer zu entscheiden hatte, ob jemand etwas­ nimmt oder nicht. Keiner von denen hat das von sich aus­ getan, daher sollte man die Toten ruhen lassen. Frank­ Ullrich hat seit 20 Jahren im bundesdeutschen Sport­ herausragendes als Trainer geleistet - allein das­ sollte noch Anerkennung zollen. Umso unverständlicher­ ist mir, warum ein Herr Wirth jetzt kommt...

    Von rehaugele, am Di 31.Mrz. 15:37
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