O'Sullivan: Zwischen Genie und Wahnsinn

Di 31.Jan. 18:15:00 2012

Mit 36 Jahren hat der englische Snooker-Star Ronnie O'Sullivan eigentlich schon alles erlebt. Tiefe Abstürze und herausragende Erfolge. Jetzt startet der dreimalige Weltmeister in Berlin.

2010-2011 Snooker Power-Snooker Ronnie O'Sullivan - 0

Ronnie O'Sullivan ist erst 36 Jahre alt und hat doch schon gefühlte zwei Leben hinter sich.

Herausragende Erfolge kennzeichnen seinen Werdegang wie Lebenskrisen, die seinesgleichen suchen. Drogenexzesse und Saufgelage gehören zu seiner Geschichte mehr noch als drei Snooker-Weltmeistertitel, die er gewann.

O'Sullivans eigenwillige und exzentrische Persönlichkeit ist mindestens so auffällig wie sein sportliches Talent - und das soll schon was heißen für jemanden, der als Allergrößter seines Sports gilt.

Absprung ohne Grund

Erstmals seit Jahren wird der Mann der Extreme nun wieder bei einem richtig großen Event in Deutschland starten. Beim wiederbelebten German Masters im Berliner Tempodrom, eines von nur sieben hochkarätigen Weltranglistenturnieren im Snooker-Kalender, hat O'Sullivan gemeldet.

Letztes Jahr hatte er das auch schon - ehe er sich ganz kurzfristig wieder aus dem Staub machte. Warum genau blieb offen, aber es passte zu den Mätzchen des unberechenbaren Engländers.

Berlin war im vergangenen Jahr nicht der einzige Tourstopp, den er ausließ. Ganz zum Ärger der Verbandschefs, die um die Anziehungskraft von "The Rocket" wissen. "Mir ist es egal, ob Ronnie spielt, aber er kann sich nicht anmelden und dann im letzten Moment abspringen", klagte Barry Hearn, Chef der World Snooker Tour, damals.

Lebenskünstler voller Krisen

O'Sullivan prägt die wohl eleganteste Variante des Billardsportes in der Außendarstellung vor allem außerhalb Großbritanniens. Und das trotz seiner fragwürdigen Persönlichkeit - vielleicht gerade deswegen.

Einst beschrieb man ihn als Rock'n'Roller des Snookersports, dabei ist O'Sullivan viel mehr: Ein Lebenskünstler voller Krisen, dem das Leben früh die ersten Streiche spielte. Die Mutter kam in den Knast, der Vater auch - 18 Jahre lang wegen Mordes. Als O'Sullivan 17 war, wurde sein männliches Vorbild, sein Idol, verknackt - es war der erste große Knacks im Leben des selten talentierten Snookerartisten.

O'Sullivan wuchs im Londoner Stadtteil East End auf, ein äußerst zwielichtiger. Der Vater betrieb einige Pornoläden und hatte im Streit in einem Nachtclub einen Mann niedergestochen. Aber er hatte seinen Bub immer unterstützt: Mit acht schon stand O'Sullivan länger am Billardtisch, als er auf der Schulbank saß.

Erwachsene bekamen einen horrenden Punktevorsprung, dennoch gewann er locker die Spiele. Bei Turnieren fuhr er Erfolge am Stück ein, erst national, dann auch international. 2001 wurde er erstmals Weltmeister.

Kampf gegen Dämonen

Doch der vermeintliche Höhepunkt war O'Sullivans Tiefpunkt. Nach Jahren, in denen Alkohol und Drogen zum Alltag gehörten wie das Snookerspielen, das Geldverdienen und das Posieren, fiel er in eine tiefe Depression. "Man kann vereinsamen beim Snooker", sagte er einmal. 25 Jahre alt war O'Sullivan erst, als er alles hinschmeißen wollte. "Vielleicht fasse ich nie wieder ein Queue an", meinte er - und kehrte doch zurück. Stärker denn je, unberechenbarer denn je.

2004 und 2008 wurde er noch zweimal Weltmeister, gleichzeitig quälten die Ausnahmefigur regelmäßig Depressionen und Angstattacken. "Immer, wenn ich glaube, ich hätte meine Dämonen besiegt, erhalte ich wieder einen Dämpfer", sagte er einst dem "Spiegel". Im Trinken, in hemmungslosen Partys und Drogen fand er Auswege. "Das ist einfach meine Persönlichkeit. Wenn ich trainiere, dann bis ich Blasen am Finger habe, wenn ich trinke, dann die Nacht durch", sagte er.

In Berlin dürfen die besten 16 der Welt ohne Vorqualifikation starten. Dass O'Sullivan noch zu diesem Kreis gehört, ist nicht selbstverständlich. Weil er inzwischen immer mehr Turniere auslässt, ist er im Ranking auf eben jenen Platz 16 abgerutscht. Ob er in der Hauptstadt wirklich auftritt? Weiß man nicht so genau. Bisher hat er noch nicht abgesagt.

Video: Maximum von O'Sullivan

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Michael Brehme / dpa

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