EM 2008 - Spanien - Sieg der Feingeister

Eurosport - Mo 30.Jun. 09:39:00 2008

Spanien hat mit dem ersten Titelgewinn seit 1964 sein Loser-Image los und bewiesen, dass Fußballkunst und Erfolg kein Widerspruch sein muss.

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Hübsch anzusehendes Kurzpassspiel, technisch beschlagene Einzelkönner, geniale Tempovorstöße, und auf der großen Fußballbühne trotzdem weitestgehend erfolglos: So hätte man Spanien beschreiben können - bis gestern Abend.

Mit dem 1:0-Sieg über Deutschland bricht auf der iberischen Halbinsel eine neue Ära an, auch wenn zugleich eine alte aufhört. Luis Aragones, der die schlagkräftige "Furia Roja" überhaupt erst geschaffen hat, legt sein Traineramt nieder.

Der 69-Jährige wird sich aufmachen nach Santiago de Compostela. Vor der EM hatte er versprochen, den Pilgerweg laufen zu wollen, im Falle eines Titelgewinns. Auf seinem Weg wird Aragones noch einmal Revue passieren lassen, wie er die "Seleccion" umgekrempelt und zu Siegern gemacht hat.

System für Feingeister

Er war es nämlich, der das Team auf das erfolgreiche 4-1-4-1-System umstellte, weg von der Doppelspitze, hin zum Übergewicht im Mittelfeld. Er passte damit das Spielsystem den physischen und kreativen Fähigkeiten seiner Schützlinge an und konstruierte eine Variante, die bislang einzigartig ist. Keine Mannschaft konnte sich während der EM darauf einstellen.

Nach dem Viertelfinal-Sieg über Italien begannen selbst die Spanier, an den Erfolg zu glauben. Das hoch gelobte Russland kam - wie schon in der Vorrunde - mit den quirligen Spaniern überhaupt nicht zu recht, und Deutschland war dann im Endspiel über weite Strecken auch die klar unterlegene Mannschaft.

Was aber macht diese Spanier so besonders? Die Antwort gab "Matchwinner" Fernando Torres nach dem Sieg selbst: "Es ist ein Erfolg der Mannschaft", so der Stürmer. Eine Aussage, die sich auch statistisch belegen lässt.

Iker Casillas ist mit seiner geballten Erfahrung immer der Fels in der Brandung gewesen und strahlte große Sicherheit aus. Der zweifache Champions-League-Gewinner und vierfache Titelträger der Primera Division weiß, wie er in kritischen Momenten den kühlen Kopf bewahrt. Die Viererkette um Carles Puyol hielt ihm die Gegner auch weitestgehend vom Leib, so dass Casillas im gesamten Turnier nur drei Treffer einstecken musste, keinen einzigen davon in der K.o.-Runde.

Bestes Mittelfeld in Europa

Das Mittelfeld um Xavi ist Spaniens Erfolgsrezept. Mit schnellem Kurzpassspiel konnten die Iberer jede Abwehr aushebeln. Die Fehlpassquote im Mittelfeld war mit elf Prozent vergleichsweise sehr gering. Das gewichtigste Argument war aber, dass die Mittelfeldakteure nach Belieben rochierten und damit verhinderten, dass sich ein Team auf sie einstellen konnte.

Andres Iniesta und David Silva tauschten die Flügel, Xavi und Cesc Fabregas nutzten ihren vollen Wirkungsradius aus und tauchten auf, wo immer der Ball zu finden war. Das Leder klebte den Feingeistern regelrecht an den Füßen. Der hinter dem offensiven Mittelfeld abräumende Marcos Senna machte das Turnier seines Lebens, gewann nahezu jeden Zweikampf und entwickelte sich zum heimlichen Herzstück der "Furia Roja".

Vier der zwölf Tore Spaniens erzielten Mittelfeld-Akteure, die meisten der übrigen acht Treffer wurden dort initiiert. Auch die Offensive kannte kein Pardon, so kommt mit David Villa der Torschützenkönig (vier Treffer) aus den Reihen der "Seleccion", obwohl er das Finale verletzt verpasste. Fernando Torres und Daniel Güiza komplettierten den nahezu perfekten Angrif, der - je nach Bedarf mit einem oder zwei Stürmern - effiziente Durchschlagskraft besaß.

Nach dem Gewinn des Finales mussten selbst die Verlierer eingestehen, dass Spanien als Ganzheit die dominierende Mannschaft war. "Wir müssen die Qualität des Gegners anerkennen", so Bundestrainer Joachim Löw stellvertretend für die einhellige Experten-Meinung.

Der sonst so wortkarge Aragones überschüttete seine Mannschaft ebenfalls mit reichlich Lob: "Dieses Team ist außergewöhnlich gut, da gibt es keine Zweifel. Wenn wir erst einmal ins Spiel gefunden haben, gibt es nichts und niemanden, der uns aufhalten konnte", so die "graue Eminenz" der Iberer.

Aragones' Sturheit und Konsequenz waren es, die Spanien zum zweiten Europameistertitel überhaupt gelotst hat. Der 69-Jährige wird die "Seleccion" auf dem Höhepunkt seines Wirkens verlassen. Doch auf seiner Pilgerreise wird sich Aragones besinnen, mit den kleinen Spaniern Großes geleistet zu haben. Und dieses "Große" hat gerade erst angefangen.

Richard Rother / Eurosport

Kommentare 1 - 2 of 2

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  1. das gleiche hat man auch vor dem spiel gesagt : spanien ist nicht portugal aber bildzeitung sah es anders und jetzt geben alle zu : spanien war einfach eine nummer zugross für die deutsche manschaft!!!

    Von rifanno, am Mo 30.Jun. 17:23
  2. Verdienter Sieg, Glückwunsch, es wurde auch mal Zeit!
    Doch EM-Meister oder Vize, gebt eure leicht verdiente "Kohle" zumindest zum Teil an Menschen, die hungern und nicht wissen, was morgen kommt, ab.

    Von vilomara2, am Mo 30.Jun. 15:05
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