Bundesliga - Erst wild, dann brav: Gladbachs Rezept
Rasend schnell, entschlossen, hungrig - förmlich überrannt haben die Gladbacher den VfB Stuttgart in dessen Stadion. Danach aber war Ruhe angesagt, von Euphorie keine Spur. Ganz bescheiden geht die Erfolgstruppe ihren Weg. So wie es der Trainer will.
Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer
Ganz schüchtern steht er da und beantwortet brav die vielen Fragen der Journalisten in den Katakomben der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena.
Ganz leiste spricht er in die Mikrofone und Diktiergeräte, so leise, dass man wirklich schon sehr genau zuhören muss, um zu verstehen, worin der Erfolg von Borussia Mönchengladbach begründet liegt.
"Wir haben ein überragendes Spiel gespielt, jeder hat für den anderen gekämpft und das zahlt sich am Ende einfach aus", erklärt der in den 90 Minuten zuvor überragende Marco Reus.
Bodenhaftung ist Pflicht
Reus, der in Stuttgart bereits seinen zwölften Saisontreffer erzielte, wäre nicht der Gladbacher Erfolgsgarant, wenn nicht auch er die Maxime der Borussen schon längst verinnerlicht hätte. "Wir heben jetzt gewiss nicht ab, denn es geht ganz schnell, auch wieder abstürzen", sagt er weiter und verdeutlicht damit das Credo der Überraschungsmannschaft der Liga: Immer Bodenhaftung bewahren, ruhig bleiben, von Spiel zu Spiel denken.
Das sah auch Manager Max Eberl, gemeinsam mit Trainer Lucien Favre einer der Väter des Gladbacher Himmelsturms, so: "Die nächste Aufgabe wartet schon, die Partie in Wolfsburg wird wieder enorm schwer."
Natürlich tun sich die Gladbacher einen Gefallen, wenn sie derzeit mit voller Kraft die Euphoriebremse betätigen. Auf der anderen Seite agierten sie in Stuttgart im Stile einer Mannschaft, die in dieser Saison durchaus ein gewichtiges Wörtchen um den Titel mitreden kann. Der erschreckend schwache VfB konnte von Glück sagen, dass der Sonntagabend für sie nicht in einem kompletten Fiasko endete.
Mit dem 0:3 war die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia, der sich langsam zum Krisencoach entwickelt, noch gut bedient. Hätten die Gladbacher ihre teilweise furios vorgetragenen Konter konzentrierter genutzt, der wieder starke Sven Ulreich hätte noch öfter hinter sich greifen müssen.
Verschorene Gemeinschaft
Gladbach spielt derzeit wie aus einem Guss. Eine von Dante perfekt organisierte Defensive mit einem Keeper Marc-André ter Stegen, der den Vergleich mit Manuel Neuer nicht mehr zu scheuen braucht. Davor ein Abfang-Duo mit Roman Neustädter und Havard Nordveidt, das auch in Stuttgart brillierte. Und dann natürlich das Offensiv-Quartett - schnell, wendig und kaum zu halten - mit Juan Arango, Mike Hanke, Patrick Hermann und natürlich Reus, das sich blind versteht.
Trainerfuchs Favre hat aus einer Gladbacher Mannschaft, die im Vergleich zum vergangenen "Beinahe-Abstiegsjahr" personell quasi unverändert ist, eine Spitzenmannschaft geformt.
Auch in Stuttgart war die gute Stimmung innerhalb des Teams beinahe mit Hände zu greifen. Dankbar wirkten die Spieler, keiner ist dabei, dem der Erfolg den Kopf verdreht. Alle haben sie verinnerlicht, dass nur das nächste Spiel entscheidend ist. Favre hat es mit seiner positiven Art geschafft, eine verschworene Gemeinschaft zu bilden, die nur auf dem Platz die großen Emotionen zeigt. Favre ist glaubwürdig, mal Freund, mal Lehrer. Er ist Fußball-Freak und ein gewiefter Taktiker. Er ist Analyst und Arbeiter.
Väterliche Umarmung
Favre hat auf der einen Seite aus jungen Talenten etablierte Bundesliga Profis gemacht und hat erfahrene Akteure wie Martin Stranzl oder Hanke aus ihrem Karriere-Stillstand herausgeholt. Auch in Stuttgart zeigte Stranzl eine erstklassige Partie, von Neuzugang der Schwaben, Vedad Ibiseivic, war so gut wie nichts zu sehen. Und Hanke? Der erzielte wie selbstverständlich den Führungstreffer.
Gladbach lebt und steht nur einen Punkt entfernt vom großen FC Bayern München auf Tabellenrang vier. "Jetzt müssen wir weiter arbeiten, weiter laufen und die Vorgaben des Trainers so gut wie heute umsetzen", sagte Reus, bevor er mit den Kollegen die Heimreise aus Stuttgart antrat. Bevor er den Bus betrat, kehrte er aber nochmal um. Sein Trainer hatte ihn gerufen und nahm ihn beinahe zärtlich in den Arm.
"Papa" Favre - sie mögen ihn einfach in Gladbach.
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