Eurosport - Mi 30.Jan. 08:51:00 2008
Der Staub von Melbourne hat sich gelegt. Zeit, einen Rückblick zu wagen. Das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres faszinierte mit sportlichen Highlights, Überraschungen und Kuriositäten. eurosport.yahoo.de fasst für Sie die eindrucksvollsten Momente der Australian Open in zwei Teilen zusammen.
Jo-Wilfried "Zick-Zack" Tsonga: Die Tennis-Welt konnte sich keinen sympathischeren "Verlierer" wünschen. Der quirlige Franzose verzauberte auch bei seiner Final-Niederlage gegen Novak Djokovic das Publikum mit seiner frechen und unbekümmerten Art, die Fachwelt und seine Gegner mit seiner Athletik und seinem variantenreichen Spiel. Der 22-Jährige strahlt etwas aus, was dem "Weißen Sport" zuletzt ein wenig abhanden gekommen war: Emotionalität. Tsongas Freudensprünge nach gewonnenen Matches sind schon jetzt Kult geworden. Der Mann aus Le Mans ist ein Sympathieträger - die Werbeindustrie wird es mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen haben. Aber: Tsonga, der jetzt erstmals auch für das Daviscup-Team Frankreichs nominiert wurde, ist nicht das männliche Pendant zu Anna Kournikova. Von dem "Muhammad Ali des Tennis" getauften Franzosen wird sportlich noch zu hören sein. Allerdings hängt vieles davon ab, wie der Rechtshänder seinen kometenhaften Aufstieg bei den Australian Open verarbeitet. Bei einem Mann wie Tsonga scheint die Vernunft, die Refklexion, eher hinderlich als förderlich.
Novak Djokovic: Es war keine wirkliche Überraschung. Mit welcher Leichtigkeit der Serbe allerdings seine Gegner beherrschte, war aber zumindest nicht vorhersehbar. Stellvertretend dafür steht der glatte Drei-Satz-Erfolg im Halbfinale gegen Roger Federer. Der 20-Jährige hat die Irrungen und Wirrungen der Tennis-Welt noch vor sich, sein Heimatland liegt ihm jetzt schon zu Füßen: Der erste Serbe, der ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat - das hat was. Allerdings ist Vorsicht geboten. Djokovic mag vorübergehend aus dem dominanten Duo Federer und Nadal ein Triumvirat mit sich selbst als Kronprinzen gemacht haben. Mittelfristig wird der Druck der Öffentlichkeit steigen, langfristig die Erwartungen des direkten Umfelds und der Sponsoren. Geduld sollte das oberste Gebot Djokovics und der "Entourage" um ihn sein. Wenn der Serbe davon so viel zeigt wie vor der Ausführung seines Aufschlages, ist mit Djokovic auf Dauer zu rechnen.
Roger Federer: Der König ist tot, lang lebe der König. So oder so ähnlich könnte man den Auftritt des Schweizers in Melbourne betiteln. Der Weltranglisten-Erste stieß bei dem Turnier an seine körperliche Grenze und nahm sich das Recht heraus, Mensch zu sein. Federer erlaubte es sich, nicht unantastbar und unbezwingbar zu sein. Mit der Souveränität einer Nummer eins und dem Wissen, trotz der Halbfinal-Niederlage gegen den späteren Sieger weiterhin der momentan beständigste und beste Profi der Welt zu sein, löste sich Federer von der krampfhaften Idee der Öffentlichkeit, alles gewinnen zu müssen. Aber er wird wieder gewinnen. Und das früher, als es manchem Konkurrenten lieb sein wird.
Philipp Kohlschreiber: Der Augsburger macht Spaß. Seine häufige Wortkargheit vielleicht nicht, ebensowenig sein von Ernsthaftigkeit geprägtes Auftreten auf und neben dem Court. Aber dafür das Tennis, das der 24-Jährige in Melbourne bot. Der Sieg beim Vorbereitungsturnier in Auckland hat die Tennis-Welt aufhorchen lassen, mit dem Fünf-Satz-Erfolg gegen Andy Roddick hat sich Kohlschreiber in den Lichtkegel der Weltklasse gespielt. Ob er jedoch bis ins Zentrum des gleisenden Scheinwerfers vordringen wird? Die Devise lautet: Mund abwischen und weitermachen. Bisher hat den Augsburger seine Bescheidenheit ausgezeichnet. Turniersieg in Auckland, Achtelfinale in Melbourne - bleibt zu hoffen, dass Kohlschreiber nicht zu früh mit aller Gewalt nach Trauben greifen will, die (noch) zu hoch hängen.
Stefan Zürn / Eurosport