Bundesliga - Favres "Fohlen": Top dank Galopp

Di 29.Nov. 14:12:00 2011

Borussia Mönchengladbach ist die große Überraschung der Saison. Im Vorjahr um ein Haar abgestiegen, spielen die "Fohlen" jetzt plötzlich ganz oben mit - und das, obwohl sich der Kader kaum verändert hat. So langsam wird das Team von Trainer Lucien Favre richtig ernst genommen.

gladbach reus hanke 2011-2012 - 0

Von Felix Mattis

Es sei die "aktuell vielleicht beste Mannschaft der Liga", schwärmte Köln-Coach Stale Solbakken am Freitagabend. Sein Team war gerade mit 0:3 gegen die "Fohlen" untergegangen.

Unterschätzt wird die Borussia nicht mehr. Eine Reduzierung des Gladbacher Erfolges auf die Personalie Marco Reus, wie sie gerade nach Spielen wie dem 5:0 gegen Bremen, wo der Youngster dreifach traf, gern stattfand, ist jedoch zu einfach.

Liebes-Glück am Valentinstag

Die Borussia funktioniert als Team momentan nahezu perfekt und verdankt dies in erster Linie der Arbeit seines Trainers. Seit der Schweizer Lucien Favre die Mannschaft am 14. Februar übernahm, geht es stetig bergauf.

"Wie er mit der Mannschaft arbeitet, ist herausragend", lobt daher Präsidiumsmitglied Hans Meyer. Er meint damit auch die Akribie des Schweizers.

Favre kümmerte sich zunächst darum, die Defensive abzudichten und entwickelte nebenbei das weiter, was auf Grund der schnellen Einzelspieler ohnehin in seinem Team stecken musste: Konter-Qualitäten sowie zügiges und einfaches Spiel nach vorn. "Wir verteidigen sehr, sehr gut, bauen sehr gut auf und spielen einfach", beschreibt der Romand die Spielweise seiner Mannschaft selbst.

Zweitbeste Abwehr der Liga

Tatsächlich haben die "Fohlen" die zweitbeste Abwehr der Liga, sie kassierten nur ein Tor mehr als der FC Bayern. Doch als Zuseher merkt man nicht sofort, dass Gladbach hinten Beton anrührt. Das Spiel ist keineswegs langweilig, sondern begeistert durch die schnell vorgetragenen Angriffe.

Sicher kommt es dabei vor allem auf die Dribbelkünste eines Marco Reus an, doch Favre hat es geschafft, eine Einheit zu formen, die insgesamt gut abgestimmt ist. Deshalb zeigen die Mönchengladbacher nicht den von Abstiegskandidaten gewohnten Konterfußball, der sich durch überhastete Gegenangriffe auszeichnet, sobald der Gegner den Ball verloren hat.

Hinter dem schnellen Umschalten steckt ein System, und die Mannschaft der Borussen wirkt daher deutlich besser organisiert als zum Beispiel auch die direkte Konkurrenz aus Schalke, Bremen und Leverkusen.

"Deshalb macht mir die Arbeit Freude"

Favre erklärt dies mit der Intelligenz und dem Fußball-Verstand seiner Spieler. "Die Spielintelligenz des Teams ist entscheidend. Jeder unserer Spieler ist sehr, sehr spielintelligent", sagt er. "Deshalb macht mir die Arbeit so viel Freude."

Diese Freude spüren auch die Spieler, und so trumpfen einige, die lange Zeit für Mittelklasse-Kicker gehalten wurden, plötzlich auf. "Ich habe es in den letzten Wochen sehr genossen, Teil dieser Mannschaft zu sein", sagte etwa Mike Hanke nach seinem Doppelpack gegen Köln, der das Ende einer 1024 Minuten langen Tor-Durststrecke für ihn war. Eine Durststrecke, die er nicht als solche empfand, weil er immer das Gefühl hatte, der Mannschaft mit seiner Art zu spielen trotzdem zu helfen.

Herrmann, das Parade-Beispiel

Neben ihm haben viele weitere Spieler unter Favre einen gewaltigen Leistungssprung geschafft. So zum Beispiel auch Patrick Herrmann, der zu Saisonbeginn noch wenig Selbstvertrauen hatte und zuletzt im rechten Mittelfeld ran durfte, weil Reus durch die Verletzung von Igor de Camargo in die Mitte rückte. Herrmann sammelte allein gegen Bremen und Köln fünf Scorerpunkte und zeigt, dass sogar ein möglicher Weggang von Reus kein unendlich großes Loch hinterlassen müsste.

Auch an Herrmann ist Favres Handschrift bereits zu erkennen. Der 20-Jährige denkt genauso perfektionistisch wie sein Trainer, hatte sogar an seiner Vorarbeit zum 3:0 gegen Köln, als er FC-Keeper Michael Rensing anschoss, noch etwas auszusetzen. "Vorher hätten wir die Situation besser lösen müssen", kritisierte Herrmann sich selbst.

"Patrick ist einer, der dem Team helfen will", beschreibt Sportdirektor Max Eberl seinen jungen Spieler und unterstreicht damit noch einmal das, was die Gladbacher ausmacht: das Zusammenspiel als Mannschaft. Alle wollen dem Team helfen.

Hoeneß traut Gladbach den Titel zu

So, wie Favres Philosophie in Mönchengladbach momentan umgesetzt wird und funktioniert, so scheint das Team keine Hinrunden-Eintagsfliege zu sein. Das hat auch Uli Hoeneß erkannt. "Borussia könnte die Überraschungsmannschaft sein wie Wolfsburg vor zwei Jahren oder Kaiserslautern 1998", glaubt der Bayern-Präsident.

Doch Favre wird nicht müde zu betonen, dass man nicht vergessen dürfe, "wo wir herkommen. Es sind dieselben Spieler wie letzte Saison. Was war im Mai mit der gleichen Mannschaft? Sie ist durch ein kleines Wunder nicht abgestiegen." Da hat er Recht, und trotzdem zeigt gerade das, wie herausragend die aktuelle Leistung ist - egal, ob man sie dem Trainer oder dem gesamten Team zuschreibt.

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