Buntes: Mit Pompoms zu Höchstleistungen

Eurosport - So 29.Nov. 12:13:00 2009

Bei den fünften Cheerleading-Weltmeisterschaften geht es den 20 teilnehmenden Nationen nicht darum, Football-Teams anzufeuern, sondern mit fetzigen Tanzchoreographien, akrobatischen Menschenpyramiden, grazilen Sprüngen, turnerischer Eleganz und Pompoms in der Hand, zu gewinnen.

Cheerleading WM 2009 Bremen - 0

Pompoms, Anfeuerungsrufe und farbenfrohe bis glitzernde, knappe Kleidung. Viele kennen Cheerleader nur als Beigeschmack von Football- oder Basketballspielen. Doch Cheerleading hat sich inzwischen zu einer eigenen Sportart entwickelt. Die norwegische Nationalmannschaft, die "Tigers", nehmen an vielen Wettbewerben teil.

Die Mädchen, die es ins Team geschafft haben, hüpfen jedoch niemals in der Halbzeitpause einer anderen Sportart auf das Feld, um den Zuschauern die Wartezeit auf den Wiederanpfiff zu verkürzen oder die Fans zu Anfeuerungstiraden anzuspornen.

Wobei Ihnen genau das bei den Cheerleading Weltmeisterschaften in Bremen gelingt - die Besucher lassen sich von der Leidenschaft der Akteure in der Hallenmitte anstecken und spenden tosenden Applaus.

Auch Jungs tanzen und springen mit Pompoms

In fünf Kategorien können Teams aus 20 Ländern eine Trophäe einheimsen. Beim "Cheer Dance" geht es um tänzerische Elemente. Abgesehen von Sprüngen sind keine "Stunt"-Einlagen erlaubt. Der erste Auftritt ist direkt ein Hochkaräter und macht Appetit auf mehr. Die Europameisterinnen aus Norwegen beherrschen alle den Spagat und rufen promt lautstarke "Zugabe"-Wünsche des Publikums im AWD Dome hervor. Diese können auf Grund des straffen Zeitplans am Vorrundentag natürlich nicht erfüllt werden. Aber die Mädels qualifizieren sich hinter Österreich für das Finale und werden das Ziel "Weltmeister" am nächsten Tag mit einer anderen einstudierten Choreographie ins Visier nehmen.

Die Kategorien "Cheer All-Female" und "Group Stunts All-Female" sind reinen Mädchenteams vorbehalten. Im "Cheer Dance" wedeln vereinzelt auch Jungs mit Pompoms voll integriert, ohne eine Sonderrolle einzunehmen.

Tolle Akrobatik im Temporausch

Mehr Faszination versprüht die Beteiligung von jungen Männern bei den "Group Stunt Mixed" und "Cheer Mixed", weil durch die starken Arme und Schultern im Unterbau höhere Pyramiden und höhere Salti in der Luft möglich sind. Da kommt es schon mal vor, dass ein weibliches Leichtgewicht mit seinem vollen Körpergewicht auf der flachen Hand eines männlichen Teammitglieds steht - mit den Zehenspitzen auf dessen Kopfhöhe.

Ein Teilnehmer aus dem deutschen Mixed-Team hat seine Frau sogar beim Training des gemeinsamen Hobbys kennengelernt. Auch Männer würden seine Begeisterung für diesen Sport verstehen, sobald er es ihnen erklärt, sagt er. Spätestens jedoch, wenn sie ihn in Aktion sehen, dürften die letzten Zweifel hinsichtlich Anstrengung und sportlicher Eleganz ausgeräumt sein.

Der Reiz des Cheerleadings besteht durchaus unter sportlichen Gesichtspunkten, es vereint Tanz, Show, Akrobatik und Turnen. Speziell die stark vertretenen Asiaten überzeugen mit akrobatischen Elementen. Da werden die weiblichen Pyramidenspitzen von unten nach oben in einem Tempo durchgereicht, ja geradezu geworfen, dass Laien der Mund sperrangelweit offen bleibt. Und das mit einer Perfektion und Leidenschaft, die ihresgleichen sucht. Und trotz der sogenannten "Spotter" - das sind externe helfende Hände, die bei einer umkippenden mehrstöckigen Figur als Notauffangbecken schlimmere Stürze verhindern sollen - kommt es gerade beim "Cheer Mixed" reihenweise zu Fehltritten aus höchster Höhe.

Verletzt? Die Show muss weitergehen

Klar, das gibt Punktabzug bei den Juroren, aber die Show muss weitergehen. Solange nichts gebrochen ist, steigt der Unglücksrabe sofort beim nächsten Element wieder ein. Denn jeder Handgriff ist genauestens abgestimmt. Fällt ein Mitglied verletzt aus, braucht das Team nicht anzutreten. Doch der Teamgeist stimmt. "We are Cheerleaders" dröhnt bei jeder Gelegenheit im Sekundentakt über die Hallenlautsprecher und brennt sich ins Ohr ein. Die Gruppenumarmung der "Tigers" nach der Bekanntgabe des Ergebnis' spricht Bände. Es wird gejubelt und geklatscht. Immer. Nur die Intensität variiert je nach Zufriedenheit mit der eigenen Performance und der Wertung.

Mit Feuereifer sind alle dabei. Die pure Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Wobei gerade die Mimik öfters aufgesetzt wirkt. Das ist nicht jedermanns Sache. Ebenso wie die schnellen Musiktitel, die während der knapp bemessenen Auftrittszeit abrupt wechseln und nach gedrückter Vorspultaste klingen.

Musikauswahl, Pompoms und viel Gekreische auch hinter den Kulissen - ein paar Klischees, die wir aus Filmen kennen, treffen auf die Cheerleader-Realität schon zu. Aber nicht jedem der absolut leistungsfähigen Körper sieht man an, wie durchtrainiert er ist. Die Damen-Vorzeigemaße 90-60-90 sind zwar keine Seltenheit, aber mitnichten ein Muss. Und auch so mancher Knabe sieht aus, als würde er eher vor dem Computer sitzen, als Mädchen durch die Luft zu wirbeln und Flic Flacs zu schlagen.

Tanzende "Omas" lösen Jubelstürme aus

Überraschend fair geht es in dem als Zickenterritorium geltenden Metier zu. Mit den Wertungen der Juroren gehen die Cheerleader konform. Japanische Fahnen wehen auch zur freundlichen Begrüßung angekündigter Teams aus anderen Ländern und bei atemberaubenden Cheoreographien und Stunt-Leistungen bricht auch auf den Athletenplätzen frenetischer Jubel aus - völlig egal, ob die eigene oder eine konkurrierende Nation gerade ihr Bestes gibt.

Erst recht, wenn es die japanischen "Beauty Bears" sind, die, im Schnitt 61 Jahre alt, in Röcken über die Matte fetzen. Das mag vielleicht der ein oder andere als "peinlich" abstempeln und nicht als sportliche Topleistung, aber professionelles Cheerleading darf durch die Bank weg als das anerkannt werden, was es ist - Leistungssport.

Aus Bremen berichtet Michael Stauner / Eurosport

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