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Bundestrainer Löw: «Neue Impulse, neue Ideen»

Di 29 Apr, 19:32 Uhr


Berlin (dpa) - David Odonkor hat gute Chancen, nach der sensationellen Nominierung in den WM-Kader von 2006 auch bei der EM 2008 wieder die Überraschung im deutschen Aufgebot zu werden.

«Odonkor ist wieder eine Alternative», sagte Bundestrainer Joachim Löw in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Neue Namen bei der Nominierung des 23-köpfigen EM-Kaders am 16. Mai auf der Zugspitze scheinen trotz des so gut wie sicheren Ausfalls von Bernd Schneider und der Sorgen um Christoph Metzelder eher unwahrscheinlich.

Am 16. Mai benennen Sie Ihren EM-Kader. Fußball-Deutschland ist gespannt, wen Sie als neue Überraschung aus dem Hut ziehen?

Löw: «Nach Überraschungen wird ja jetzt immer gefragt. Aber wir wissen noch nicht, ob es sie auch gibt. Als Beispiel: Toni Kroos hat in der Rückrunde beim FC Bayern relativ wenig gespielt. Da ist es schwer für uns, ihn zu beurteilen: Macht es Sinn, dass er bei so einem Turnier dabei ist? David Odonkor hat vor der WM 2006 die gesamte Rückrunde gespielt, wir haben ihn damals zehn-, zwölfmal angeschaut. Der Kreis der Anwärter beschränkt sich vor allem auf den Kreis, der jetzt immer dabei war.»

Also könnte die Überraschung auch 2008 wieder Odonkor sein?

Löw: «Odonkor ist wieder eine Alternative. Er war lange verletzt, aber in den letzten Spielen hat er sich gesteigert. Er ist beschwerdefrei. Deshalb kann man sich jetzt zumindest überlegen, was er für eine Rolle spielen kann.»

Sie werden sich nach dem vorletzten Bundesliga-Spieltag mit ihrem Trainerstab zusammensetzen und den EM-Kader besprechen. Welche Typen fehlen Ihnen denn noch?

Löw: «Typen haben der Mannschaft nicht gefehlt. Wir haben über die letzten Monate guten Fußball gespielt, allerdings mit einigen Rückschlägen. Das Team ist in seiner Entwicklung in eine gute Richtung gegangen seit der WM 2006. Aber für ein Turnier macht man sich spezielle Gedanken: Was hat ein Spieler für mentale Stärken? Wie kann er der Mannschaft mit seinen Stärken helfen? Ist er beharrlich? Kann er auch nach Rückstand die Mannschaft pushen? Ist er positiv, wenn er einmal nicht spielt? Setzt er andere im Training unter Druck? Können und mentale Stärke - das sind unsere beiden Hauptkriterien.»

Es gibt viele Parallelen zur Vorbereitung auf die WM 2006. Sie wollen wie Jürgen Klinsmann den Titel. Was machen Sie als Chef nun anders?

Löw: «Das hat gleich nach der WM 2006 begonnen: Es gibt neue Impulse in der Trainingsarbeit und im taktischen Bereich, neue Ideen, eine eigene Art der Ansprache und Kommunikation, auch der Team- Führung. Da muss ich jetzt nichts Neues machen zur EM.»

Dennoch ist es das erste Turnier als Hauptverantwortlicher.

Löw: «Die Vorbereitungen und Inhalte stehen, ich freue mich auf das Turnier und spüre eine positive Anspannung. Wir haben schon im letzten Jahr viel Zeit investiert, uns mit allen Bereichen intensiv beschäftigt. Weil wir unsere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen gemacht haben, können wir den kommenden Wochen gelassen und selbstbewusst entgegenblicken.»

Der unmittelbaren EM-Vorbereitung ab 19. Mai aber haben Sie noch eine herausragende Bedeutung eingeräumt. Wo sind die Schwerpunkte?

Löw: «Familien, Partner und Kinder sind die ersten drei Tage dabei auf Mallorca. Von Dienstag bis Donnerstag steht individuelles Training im Vordergrund. Die Spieler kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen, waren verschieden belastet. Darauf werden wir reagieren und zunächst in Gruppen arbeiten. Ab Freitag beginnt dann das gezielte Mannschaftstraining, die praktische und taktische Arbeit.»

Sie wollen auch noch intensiv Standards üben, dazu kommt der taktische Feinschliff. Haben Sie Sorge, dass die Zeit zu knapp ist?

Löw: «Das Programm ist schon gedrängt. Man würde sich als Trainer immer ein paar Tage mehr Vorbereitungszeit wünschen. Aber das wissen wir schon lange. Da müssen wir einteilen: Weniger Schwerpunkte, aber die mit aller Konsequenz. Die wichtigen Themen ständig wiederholen. Wichtig ist, dass wir schon alle Spieler dabei haben. Nur Michael Ballack wird hoffentlich im Champions-League-Finale stehen und deshalb zunächst fehlen.»

Es stört Sie also nicht, wenn Ballack dann die ersten Vorbereitungs-Tage verpasst?

Löw: «Wenn er das schaffen sollte, ist es natürlich toll. Da kommt er eben drei Tage später nach. Ein Champions-League-Finale ist für jeden Spieler ein Riesenerlebnis, das kann ihm nochmals einen besonderen Schub geben. Michael hat jetzt bei Chelsea eine Führungsrolle übernommen.»

Wie wird denn Ihre persönliche Turnier-Vorbereitung aussehen?

Löw: Ich habe jetzt einen relativ engen Terminkalender bis zum 16. Mai. Es gibt noch zwei Treffen mit dem Trainerstab, wir werden jeden Tag nochmals durchgehen. Dann möchte ich mich zwei Tage zurückziehen, um konzeptionell zu denken und Kraft zu schöpfen.»

Bei der Nominierung wird es einige Härtefälle geben, wie werden Sie diese Fälle beurteilen?

Löw: «Es gibt schon noch einige Positionen, die wir diskutieren. So im Angriff. Oliver Neuville hat beispielsweise eine gewisse Erfahrung. Bei der WM war es ja nicht nur sein Siegtor gegen Polen. Er war gegen Argentinien auch der Erste, der zum Elfmeterschießen gegangen ist und den Ball eiskalt versenkt hat. Das ist eine Qualität im Turnier. Er ist insgesamt ganz gut im Rennen. Aber auch Stefan Kießling hat eine gute Saison gespielt, ist ein Mann für die Zukunft. Ebenso wie Patrick Helmes. Mike Hanke ist ein Zentrumstürmer, den wir brauchen könnten, wenn der Gegner mal hinter drin steht und wir einen Joker bringen müssen.»

Interview: Jens Mende, dpa