Schmidt: "Freestyle wird immer wichtiger"

Di 29.Mrz. 16:53:00 2011

Snowboarder Christophe Schmidt spricht im Interview der Woche mit eurosport.yahoo.de über sein Leben als Profi und die gegenwärtige Entwicklung seines Sports, aber auch über die Versäumnisse der nationalen und internationalen Verbände.

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Christophe Schmidt aus Schliersee ist einer der bedeutendsten und vielseitigsten deutschen Freestyle-Snowboarder seit der Entstehung des Sports. Der 27-Jährige ist Juniorenweltmeister, deutscher Meister in der Halfpipe 2007 und 2011 und wurde 3. bei den US Open 2004. Mit einem 8. Platz bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin erreichte er zudem das bisher beste Ergebnis eines deutschen Snowboarders in der Männerkonkurrenz.

Sein Style, den man in Amerika als "straight from the book" (Bilderbuch-Snowboarden) beschreiben würde, brachten ihm außerdem Video-Parts in verschiedenen renommierten und bekannten Snowboard-Film-Produktionen ein.

Das Interview führte Markus Ochs

Christophe, wie funktioniert Snowboarden auf professioneller Ebene?

Christophe Schmidt: Klassischer Weise leben die Profi-Snowboarder im Freestyle-Bereich in erster Linie von brancheninternen Sponsoren. Da für die Snowboardfirmen das Markenimage im Verkauf sehr entscheidend ist, sind sie darauf bedacht, starke Teams aufzustellen und viel mit diesen zu arbeiten. Das heißt es werden viele Fotos und Filme produziert, die dann branchenintern eingesetzt werden. Diese Seite des Snowboardens spielt für die Profis oft eine größere Rolle als Wettkämpfe.

Wie kann man sich einen Filmdreh vorstellen?

Snowboarder Christophe Schmidt spricht im Interview der Woche über die Entwicklung seines Sports und die Versäumnisse der Verbände. - 2 Schmidt: Ungefähr 15 Fahrer und vier Filmer bilden über die ganze Saison verschiedene kleine Teams und jagen den besten Schneebedingungen und Funparks oder Halfpipes hinterher. Mein Fokus liegt auf Tiefschnee-Aufnahmen im Backcountry. Dafür muss man besonders flexibel sein und sehr kurzfristig Trips planen, ansonsten hat man keine Chance, gute Bedingungen zu finden. Im Februar habe ich mit zwei weiteren Fahrern sehr guten Schnee auf der japanischen Nordinsel Hokkaido gefunden. Dort sind richtig gute Aufnahmen entstanden.

Und wie sieht dann die Wettkampfseite aus?

Schmidt: Wettkämpfe sind am Anfang der Karriere sehr wichtig, um sich einen Namen zu machen und Sponsoren zu finden. Später kann man sich in die eine oder andere Richtung orientieren. Mir war es immer wichtig, sowohl auf der Wettkampfseite - z.B. Olympia - als auch in Snowboardfilmen und -magazinen präsent zu sein. Damit muss ich während der Wintermonate meine Zeit sehr genau einteilen und flexibel sein. Ich habe es immer als großen Vorteil gesehen, dass wir Profi-Snowboarder sehr selbstbestimmt agieren können und große Freiheiten haben, was in vielen anderen Sportarten im Profibereich überhaupt nicht der Fall ist.

Sie sprechen die Wintermonate an: Was machen Sie im Sommer?

Schmidt: Im Sommer stehen Filmshoots und Trainings in Neuseeland oder Argentinien auf dem Programm. Ansonsten bleibt aber noch recht viel freie Zeit, die ich hauptsächlich mit Ausgleichssport verbringe. Ich gehe viel Skaten, Surfen, Windsurfen, Golfen und Mountainbiken, einerseits um mich fit zu halten, andererseits weil mir diese Sportarten sehr viel Spaß machen.

Was ist für Sie wichtiger: Filmen oder Contests?

Schmidt: Je nach Saison hatte ich hier einen unterschiedlichen Fokus. In olympischen und vorolympischen Saisons habe ich mich immer auf Wettkämpfe konzentriert und nur wenig gefilmt. In den anderen Wintern war mir eher das Filmen wichtiger. Trotzdem bin ich auch in diesen Wintern immer bei einigen Wettkämpfen gestartet. Die richtige Mischung und Abwechslung ist mir sehr wichtig und wirkt sich positiv auf meine Motivation aus.

Was hat Sie motiviert an den Olympischen Spielen teilzunehmen? Wollen Sie noch einmal dabei sein, vielleicht sogar in München 2018?

Snowboarder Christophe Schmidt spricht im Interview der Woche über die Entwicklung seines Sports und die Versäumnisse der Verbände. - 3 Schmidt: Die Olympischen Spiele sind etwas ganz Besonderes, und es war immer ein großer Traum von mir, dort teilzunehmen. Sie sind die Schnittstelle meines Sports zur breiten Öffentlichkeit und zu allen anderen Wintersportarten und haben auch in unserer Szene einen sehr hohen Stellenwert. Deshalb wollte ich dabei sein. Natürlich ist die Qualifikation und die Vorbereitung sehr zeitaufwändig, aber ich bin sehr froh, diesen Aufwand zweimal auf mich genommen zu haben. Ich denke nicht, dass ich noch ein drittes Mal bei Olympia starten werde. Ich fühle mich allmählich zu alt für die Wettkampfseite des Snowboardens und möchte mich auf andere Dinge konzentrieren.

Und wenn es einen Slopestyle-Wettbewerb bei den Spielen in Sotschi geben würde?

Schmidt: Meiner Meinung nach ist es ein Muss, dass sich Slopestyle bei den Olympischen Spielen etabliert. Es ist für mich nach Halfpipe die interessanteste Disziplin im Snowboarden. Und wenn man sieht, wie z.B. bei den X-Games die Übertragung per Cable Cam aus der Vogelperspektive stattfindet, kann man erkennen, dass es mit dem richtigen Einsatz auch eine sehr telegene Disziplin ist. Im Übrigen ist es in meinen Augen auch überfällig, dass Ski-Halfpipe und -Slopestyle ebenfalls olympisch werden. Wenn dies weiter verschlafen werden sollte, wird das IOC sicher eine Menge junge Zuschauer verlieren bzw. nicht für sich gewinnen können.

Das leidige Thema: Das Nebeneinander des internationalen Skiverbandes (FIS) und der unabhängigen Ticket to Ride World Snowboard Tour (TTR). Was denken Sie du über das Verhalten der FIS, die versucht eine WM auszurichten, obwohl die vermeintlich besten Snowboarder der Welt durch die TTR-Tour verhindert sind? Stichwort: Gemeinsamer olympischer Qualifikationswettkampf.

Schmidt: Das Qualifikationsthema ist auf jeden Fall nicht ganz leicht zu lösen. Die TTR hat definitiv mit Abstand die größte Kompetenz beim Austragen von Snowboardwettkämpfen, speziell auch beim Slopestyle. Dagegen richtet die FIS bisher die Qualifikation der anderen Disziplinen aus und erfüllt die Anti-Dopinganforderungen. Für den Sport wäre es am Besten, wenn hier FIS und TTR zusammenarbeiten würden. Aber dies ist natürlich leichter gesagt als getan, da jede Gruppe immer ihre eigene Position stärken will, was ich als allgemeines Problem von Verbänden ansehe. Wenn nicht andere Interessen, sondern der Sport selbst im Vordergrund stünde, würde vieles anders laufen und unser Wettkampfkalender ganz anders aussehen.

Wie unterstützt der erfolgshungrige DSV die deutschen Snowboarder?

Schmidt: Der Snowboardverband ist seit circa acht Jahren vom DSV abgespalten und nennt sich SVD. Die Unterstützung, die ich von diesem Verband erhalten habe und die unsere besten Nachwuchsfahrer erhalten, schätze ich als sehr hoch ein.

Erst seit diesem März gibt es in Deutschland wieder eine Halfpipe. Warum war erst die Initiative "Pipe-Aid" dafür nötig?

Snowboarder Christophe Schmidt spricht im Interview der Woche über die Entwicklung seines Sports und die Versäumnisse der Verbände. - 4 Schmidt: Das Thema der jahrelang fehlenden Halfpipe in Deutschland ist leidig und die Gründe für mich nicht ganz klar. Dass hier in deutschen Skigebieten eine wichtige Entwicklung verschlafen wird und die jüngere Kundschaft langfristig verloren gehen wird, scheint sich nicht überall durchgesprochen zu haben. Mit "Pipe-Aid" wollten wir einfach diesen Misstand aufzeigen. Dies hat zumindest dazu geführt, dass für die zweite Hälfte dieser Saison in Oberstdorf eine Pipe gebaut wurde und dort auch eine Deutsche Meisterschaft ausgetragen werden konnte.

Zwölf Freestyle-Wettbewerbe bei Olympia in Vancouver – und keine Medaille für Deutschland. Mit einer besseren Ausbeute hätte Deutschland wohl die Medaillenwertung gewonnen. DSV-Präsident Alfons Hörmann kündigte an, dass man in diesem Bereich Verbesserungen erwarten kann. In Sotschi sollen bereits fünf Medaillen gewonnen worden...

Schmidt: Das Fazit der Funktionäre nach Olympia in Vancouver habe ich natürlich mitbekommen. Allerdings habe ich von Taten und Entscheidungen, die diese Situation verändern könnten, noch nichts bemerkt. Zumindest wurde erkannt, dass es hier ein großes Manko gibt. Im Übrigen gehe ich schwer davon aus, dass die Medaillenzahl der Freestyle-Wettbewerbe bei Olympia bis spätestens 2018 noch deutlich höher sein wird. Außerdem sollte man auch in Betracht ziehen, dass zum Beispiel die Goldmedaille in der Halfpipe einen ganz anderen Stellenwert hat als die Goldmedaille in einer von unzähligen Langlauf- oder Biathlonentscheidungen.

Lässt sich das belegen?

Schmidt: Der Halfpipe-Wettbewerb der Herren war bei Olympia in Vancouver als zweiter Event nach dem Eishockey-Finale ausverkauft. Allein diese Tatsache spricht in meinen Augen Bände. Meiner Meinung nach wird sich der Stellenwert der Freestyle-Bewerbe bei den Zuschauern zukünftig weiter positiv entwickeln. Andere Länder haben dies längst erkannt und fördern entsprechend.

Und was wird bei uns getan?

Snowboarder Christophe Schmidt spricht im Interview der Woche über die Entwicklung seines Sports und die Versäumnisse der Verbände. - 5 Schmidt: Es ist wichtig zu erkennen, dass sich das schlechte Abschneiden nur ändern wird, wenn für den Nachwuchs die Trainingsbedingungen dramatisch verbessert werden. Zum Beispiel wird eine einzelne Halfpipe in ganz Deutschland oder ein Weltcupteam, das um die ganze Welt jettet, diese Situation sicher nicht gänzlich ändern können. Die fünf angepeilten Medaillen in Sotschi halte ich für vollkommen unrealistisch. Man muss sehen, welchen Vorteil andere Länder wie z.B. die USA, China, aber auch unser Nachbar Schweiz auf diesem Gebiet haben. Dies kann man sicher nicht in drei oder vier Jahren egalisieren.

Was machen diese Nationen denn konkret anders?

Schmidt: In diesen Ländern gibt es zahlreiche Snowboardinternate, beste Trainingsbedingungen an verschiedenen Standorten und nationale und regionale Trainingsgruppen, in denen Kinder ab sechs Jahren gefördert werden. Dies habe ich immer wieder mit eigenen Augen gesehen. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass aus 100 geförderten Nachwuchstalenten eher ein Goldmedaillengewinner hervorkommt, als aus sieben.

Eurosport

Kommentare 1 - 1 of 1

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  1. Super Artikel!
    Christophe hat zu 100% recht!

    Von Korbinian, am Sa 2.Apr. 19:05
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