Bundesliga - Bayern sucht die Leichtigkeit
So 29.Jan. 11:49:00 2012
Bayern war nicht gut, aber Wolfsburg war schlecht. So simpel lautet eben manchmal die Erklärung, warum ein Spiel einen Sieger findet, obwohl es nicht wirklich nach einem gesucht hat. Die Münchner Rahmenbedingungen für einen zerfahrenen Arbeitspflichtsieg waren jedenfalls ideal.
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Aus der Allianz-Arena berichtet Michael Wollny
Vom Stadiondach rutschten unablässig pfannkuchengroße Schneefladen und segelten im sekundenlangen freien Fall in den frostig temperierten Innenraum. Klamme null Grad und dazu eisiges Schweigen in der Fankurve des FC Bayern.
Der unter der Woche mit viel Ballyhoo vorgestellte "Neuzugang" streikte doch glatt beim ersten Heimspiel. Stimmungsboykott durch den harten Fan-Kern. Weil die Bayern mit Gazprom verhandeln. Die dünne Atmosphäre unterlegte somit in trister Harmonie eine seichte Bundesliga-Partie zwischen dem Spitzenreiter und einer grauen Maus im Wolfspelz.
Dabei hätte Mario Gomez der Partie früh Feuer geben können, hätte er seine Schulter in der siebten Minute nicht im Abseits vergessen und hätte ihn zwölf Minuten später nicht der Ball bei der Koordination der eigenen Beine behindert.
Andererseits hätte auch Askan Dejagah die Betriebstemperatur deutlich erhöhen können, hätte er nach zwölf Minuten das Missverständnis zwischen Philipp Lahm und Manuel Neuer zur Wolfsburger Führung genutzt und damit die Träume von einem Platz in der Europa League neu genährt. Aber so kickt eben nur der Konjunktiv.
Déjà-vu und Kopie
Tatsächlich scheinen die Bayern mit dem Beginn der Rückrunde den Auftakt der Hinrunde zu kopieren. Einer ernüchternden Pleite gegen Borussia Mönchengladbach folgte auch damals ein mühsamer Sieg gegen den VfL. Mit dieser Duplizität verbindet sich deshalb auch die Hoffnung, dass man in München jene Souveränität und spielerische Leichtigkeit wiederfindet, die sich in der Hinrunde entwickelt hatte und dann irgendwo im alten Jahr verloren gegangen war.
"Es ist klar, dass wir besser Fußball spielen wollen, weil wir auch besser Fußball spielen können", bestätigte Kapitän Lahm in den Katakomben der Arena, erinnerte aber umgehend an die banale Grundidee des Spiels: "Im Fußball geht es immer darum, zu gewinnen. Wir wollten in der Tabelle ganz oben bleiben und das ist uns gelungen."
Es gelang, weil Jubilar Gomez nach 60 verkrampften Minuten in seinem 200. Bundesligaspiel aus einem Standard mit seinem 17. Saisontor die Führung erzielte. Es war die Stunde der Befreiung für die Bayern, die bis dahin auch unter permanentem Druck der beiden riesigen Videowände standen.
Dortmund spielt ein bisschen mit
Denn schon in der 33. Minute wurde dort das Dortmunder 2:0 durch Kevin Großkreutz gegen Hoffenheim angezeigt, gefolgt von übellaunigem Gemurmel auf den Rängen. Dies steigerte sich zu ersten Pfiffen, als der Ball nur wenig später ermüdend lange in der eigenen Hälfte hin und her geschoben wurde, auf der Suche nach einer Idee, um defensive "Wölfe" aus ihrem Bau zu locken. "Es wäre besser, wenn sie uns in einer schweren Phase anfeuern würden, anstatt zu pfeifen", passte Jerome Boateng den Schwarzen Peter gleich mal sauber zurück auf die Ränge und spöttelte: "Aber das ist man in München ja gewohnt."
Franck Ribéry agierte nach seiner Gelb-Rot-Sperre auf dem linken Flügel zwar noch am kreativsten, holte einen Elfmeter heraus, der nicht gegeben wurde und provozierte den Freistoß, der die Führung brachte. Doch er tat sich letztlich ebenso schwer wie sein rechtes Pendant Arjen Robben. Auch die spielstarke Doppelsechs aus Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos blieb blass, weshalb auch für Thomas Müller als hängende Spitze der Raum eng und die Luft dünn wurde.
Dabei waren die Kräfte nicht etwa in der Defensive gebunden. Das Konterspiel der Gäste wurde nämlich nur dann halbwegs gefährlich, wenn sie dabei von den Hausherren tatkräftig unterstützt wurden. Speziell Rafinha stellte mit teilweise haarsträubendem Zweikampfverhalten immer wieder Einladungen aus, dank zahnloser "Wölfe" letztlich ohne Folgen. "Wolfsburg war zum Verteidigen hier", erklärte Müller knapp, "deshalb war es klar, dass wir zur Halbzeit nicht 5:0 führen." Da man nicht einmal mit 1:0 führte, ging es schockgefrostet in die Kabine. Dortmund hatte die Tabellenspitze kassiert, Bayern kassierte ein Pfeifkonzert.
Allerdings gehört es in München traditionell zum guten Ton, dass sich Halbzeit-Pfiffe beim Schlusspfiff in Jubelgesänge wandeln können. Gegen Magaths VfL wurde diese Entwicklung von Robben und Publikumsliebling Ivica Olic begünstigt, die in kurioser Gemeinschaftsarbeit den Fans das finale 2:0 in der Nachspielzeit und somit die gesicherte Tabellenführung mit auf den frostigen Heimweg gaben - zusätzlich die Hoffnung, dass sich aus den Parallelen zur Hinserie nun auch tatsächlich die gleichen Konsequenzen ableiten.
Keine selbsterfüllende Prophezeiung
"Ich hoffe es", meinte Arjen Robben, angesprochen auf die damalige Erfolgsserie von sechs Bundesliga-Siegen am Stück. "Die Situation sieht tatsächlich ähnlich aus. Es wäre schön, wenn es jetzt so weitergeht und wir acht, neun Spiele in Serie gewinnen." Doch natürlich will der Niederländer nicht auf eine selbsterfüllende Prophezeiung setzen. "So wird das nicht laufen. Wir bekommen das nicht umsonst, sondern müssen uns das hart erarbeiten."
Auch in der Hinrunde kam das Team von Jupp Heynckes erst nach dem glanzvollen Kanter-Sieg über den HSV so richtig ins Rollen. Der matte Dreier gegen Wolfsburg wird Titelverteidiger Dortmund jedenfalls noch nicht beeindrucken.
Aber eventuell finden die Bayern ja in Hamburg ihre Souveränität wieder und mit dieser zurück zur Leichtigkeit - es wäre die nächste Kopie in rot-weiß, ein Déjà-vu.
VIDEO - Heynckes spricht über den Arbeitssieg
itw Bayern coach
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