Eurosport - Mi 28.Jul. 09:45:00 2010
Marius Broening spricht im Interview der Woche über seine Chancen auf die EM-Staffel, erklärt, warum er das olympische Motto "Dabei sein ist alles" nicht mehr hören kann und ist sich sicher, dass er irgendwann auch endlich Deutscher Meister wird.
Wie sehen Deine Chancen aus, bei der EM für die 4x100m-Staffel aufzulaufen? Unger, Kosenkow und Blum scheinen gesetzt? Ernst, Keller und Du streiten sich um den letzt verbliebenen Startplatz, oder?
Marius Broening: Die Trainer haben eigentlich niemanden groß gesetzt, vielleicht nur Kosenkow auf der Schlüsselposition, da niemand auf der drei besser läuft als er! Die Staffel mit der europäischen Jahresbestzeit von 38,50 Sekunden, in Mannheim gelaufen, ist klar im Vorteil. Also Unger, Ernst, Kosenkow und Broening. Ich geh daher fest davon aus, zu laufen.
Obwohl Du bei den Deutschen Meisterschaften in der Vergangenheit meist unter den besten Drei warst, wurdest du in der Staffel häufig übergangen und musstest mit der Joker-Rolle vorlieb nehmen. Nervt das nicht?
Broening: Ja, natürlich nervt das. Würde es in Deutschland Trials geben wie in den USA, müsste ich immer sicher laufen. Meine guten Performances mit Silber und Bronze belegen das. Bis auf einmal, als ich den Start verschlafen habe, war ich in den vergangenen sieben Jahre immer unter den Top 3. Der Deutsche Meistertitel fehlt mir zwar noch, doch Gold hole ich auch noch!
Wie motivierst Du Dich? Hast Du ein Geheimrezept, wer stärkt Dir den Rücken?
Broening: In erster Linie mache ich den Sport ja für mich. Jeden Morgen mit Freude aufzustehen und zu trainieren, das ist die Grundlage. Es ist einfach meine Leidenschaft, die ich immer wieder an den Tag lege. Es ist schon schwierig, wenn man das ganze Jahr über auf den Höhepunkt hintrainiert, um dann wieder nicht nominiert zu werden. Zweimal war ich nun schon bei den Olympischen Spielen, und jedes Mal als Ersatzmann, das ist schon ernüchternd. Da kann man den Satz "Dabei sein ist Alles" gar nicht mehr hören! Im Sport gibt es immer nur einen Weg - und der geht immer nach vorne. Ich bin mit 26 in den besten Jahren. Meine Kollegen Unger (31) und Kosenkow (33) sind noch in der Form des Lebens, meine Zeit wird aber noch kommen. Ich sehe dem ganz entspannt entgegen.
Deine Freundin Franziska Dobler ist ja auch Sprinterin. Versteht sie Dein Dilemma, kann sie Dich auf eine besondere Weise pushen?
Broening: Ich kann mich immer wieder neu motivieren, Niederlagen spornen mich an. Doch sich die Rennen von der Ersatzbank anzusehen ist hart und man denkt sich, mit mir würde das besser laufen. Selbstredend ist man dann enttäuscht, doch die innere Uhr eines Sportlers treibt mich an. Ich muss mich dann eben mehr ins Training reinhängen. Ich werde es in Zukunft beweisen und zeigen, dass es besser geht. Zudem steht meine Freundin stets voll hinter mir. Sie pusht mich immer und für sie bin ich sowieso der beste Sprinter Deutschlands, unabhängig von meiner Platzierung.
Bis kurz vor dem EM hattest Du die Norm nicht erfüllt, obwohl du schneller laufen kannst. In Mannheim hast du es schließlich geschafft. Was war ausschlaggebend dafür, brauchst du Drucksituationen?
Broening: Alles lief nach Plan. Wir hatten unser Training genau auf die Deutschen Meisterschaften ausgerichtet. Andere sind zwar vorher schon gute Zeiten gelaufen, doch mein Trainer und ich hatten die Periodisierung auf diesen Höhepunkt so festgelegt. Die Saisonbestzeit in Mannheim kam nicht unerwartet, da zwei Wochen später die DM anstand. Ich bin zum richtigen Zeitpunkt in Fahrt gekommen, davor waren teils die äußeren Bedingungen nicht optimal und die Bahn in Mannheim ist eben auch verdammt schnell. Besser hätte es nicht laufen können und das Quäntchen Glück - mit dem Wind aus der richtigen Richtung - half auch.
Welchen Einfluss hatte Dein Trainer Micky Corucle bei der starken Zeit von 10,26 Sekunden, als Du nur knapp an deiner persönlichen Bestleistung vorbeigeschrammt bist?
Broening: Ich muss immer den Druck haben, mit dem Rücken zur Wand stehen, um das Beste aus mir rauszukitzeln. In Mannheim war auch die gesammelte deutsche Elite vertreten, die einen fordert und fördert. Wenn es zählt, liefere ich immer meine besten Leistungen ab. Ich musste hier die EM-Norm noch laufen, ich wollte unbedingt meinen Staffelplatz, und das hat mich gepusht, das Adrenalin stieg an, so dass ich knapp an meine persönlichen Bestzeit von 10,24 vorbeigeschrammt bin.
Die deutsche 4x100-m-Staffel ist ein eingespieltes Team. Welche Medaillenhoffnungen habt Ihr? Wer sind die ärgsten Widersacher?
Broening: Der Stamm unserer Staffel - Kosenkow, Unger und ich - ist seit 2004 zusammen. Wir kennen uns sehr gut und wissen genau, wie wir ticken. Der gute Zusammenhalt zeichnet uns aus - ein eingespieltes Team eben. Unser Ziel ist eine EM-Medaille. Mit dieser europäischen Jahresbestzeit anzureisen gibt uns Rückenwind - und Frankreich sowie Großbritannien haben sich diese Saison nicht mit Ruhm bekleckert. Wir rechnen uns große Chancen aus und wollen eine Medaille, gleich welcher Farbe. Das wäre schon der Wahnsinn.
Hast Du eine besondere Anekdote aus deiner Profi-Laufbahn für uns? Etwas Kurioses oder Witziges?
Broening: Vor der Eröffnungsfeier hier in Barcelona haben die beiden Stabhochspringer Malte Mohr und Fabian Schulze und ich uns zusammen jeder einen Scooter ausgeliehen. Wir brauchten einen kleinen Kick, etwas Abenteuer. Seit dieser Saison starten wir drei ja zusammen für die LG Stadtwerke München, mit Fabi bilde ich zudem eine Wohngemeinschaft. Das komplette DLV-Team reiste also mit dem Bus zum Olympiastadion an und wir sind in deutschen Klamotten sowie Sonnenbrille hinterhergefahren. Wir dachten, der Bus würde schön sachte und in Ruhe durch die Stadt zur Eröffnungsfeier fahren, doch weit gefehlt. Der Busfahrer nahm den Weg über die Autobahn (O-Ton Malte: "Oh Shit, ach egal, hinterher") und wir versuchten auf den Rollern hinterher zu kommen, bis auf Anschlag fuhren wir - um die 70km/h. An uns schossen aber die Autos nur so vorbei. Und auf einmal war der Bus nicht mehr in Sichtweite. Auf jeden Fall sind wir irgendwann am Flughafen von Barcelona rausgekommen, am falschen Ende der Stadt. Dann war bei einem Roller auch noch der Sprit alle und wir mussten ihn zur Tankstelle schieben, nachdem wir uns am Standstreifen beratschlagt hatten. Schließlich kamen wir aber mit Hängen und Würgen einigermaßen pünktlich zur Eröffnungsfeier, während uns der Trainer von Malte und Fabian durch die Stadt geleitet hatte. Ein nicht so eingeplantes Abenteuer (lacht).
Wie ist es, wenn man ganz nah miterlebt, wie DLV-Kollege Markus Esser im Hammerwerfen ausscheidet? Oder umgekehrt: Gibt ein deutscher Erfolg, die erste Medaille, einem selbst Auftrieb, Motivation? Entsteht eine gewisse Euphoriewelle im deutschen Lager?
Broening: Natürlich leidet man mit den anderen Deutschen mit. Wir sind in einem kleineren Hotel und essen tagtäglich zusammen. Wenn dann Markus neben dir am Buffet steht, ist es schon ein betrübliches Gefühl. Aber mir fehlen da meistens die richtigen Worte und ich sage lieber nichts. Andersherum freut man sich aber mit den anderen Athleten bei guten Ergebnissen. Das trägt das ganze DLV-Team. Man leidet und freut sich eben gemeinsam.
Kommentare 1 - 6 of 6
Komisch, woher kommen bloss auf einmal die vielen Schwarzgesichter beim DLV her? Und die deutsche Durchschnittsbevölkerung muss sich offiziell über diese Leistungsträger freuen. Hurra !!!
Endlich mal eine "echte" Deutsche Sprinthoffnung mit schwarzer Hautfarbe !
@3 feier_meister : vermutlich werden sie, wie kürzlich in der Diamant League,
hervorragender Vierter oder Fünfter.
Alles d a v o r würde mich echt vom Hocker hauen.
Gutes Interview, mal was Anderes. Könnt ihr mal öfter machen, so Hintergrundgeschichten. Ist spannender als das ganze Zeug, was eh schon jeder zig mal gehört und gelesen hat. Schön so.
Sympathisch, lustig und ganz offensichtlich zielstrebig. Mal sehen, was die Staffeln reißen können.
gutes interview. war für mich unbekannt der mann, aber warum nicht mal solch einen sportler in den mittelpunkt rücken.
Bitte melden Sie sich an.
Kein Yahoo!-Nutzer? Kostenlos Registrieren.