EM 2008 - Licht und Schatten - die DHB-Bilanz

Eurosport - Mo 28.Jan. 13:16:00 2008

HANDBALL Euro 2008 Brand Germany - 0

Das Auftaktspiel gegen Weißrussland war gerade einmal vier Minuten alt, da zog sich Rückraumspieler Oleg Velyky einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu und fiel für die komplette EM aus. Im weiteren Turnierverlauf wurden auch Abwehrchef Oliver Roggisch, Rechtsaußen Florian Kehrmann und Kreisläufer Sebastian Preiß verletzungsbedingt zum Zuschauen verdammt. Der brutale Spielplan forderte von der deutschen Mannschaft seinen Tribut - und der war höher als bei den meisten anderen Teams.

Derart geschwächt konnte das Team von Bundestrainer Heiner Brand in der entscheidenden Turnierphase nichts mehr hinzusetzen. Als großes Problem stellte sich das unterschiedliche Leistungsniveau der verschiedenen Mannschaftsteile heraus. "Wir haben gezeigt, dass wir mit den Topteams mithalten können. Aber es muss schon alles stimmen, im vergangenen Jahr bei der WM hat alles gestimmt, hier nur teilweise", erläuterte Brand.

Keine Sorgen zwischen den Pfosten

In der Abwehr ging das schon bei der Heim-WM 2007 erfolgreich praktizierte Prinzip mit zwei gleichberechtigten Torhütern voll auf. Hatte Henning Fritz einen Hänger, kam Johannes Bitter in die Partie und machte die Schwächephase seines Kollegen wett - musste Bitter zu oft hinter sich greifen, half Fritz der Mannschaft aus der Patsche.

Überhaupt war diesmal die Abwehr "das Prunkstück" beim Weltmeister, wie es Kapitän Markus Baur formulierte. Roggisch zeigte sich, bis ihn eine Wadenverletzung stoppte, als umsichtiger und vor allem tatkräftiger Organisator der Defensive. Allerdings gab es auch schwache Spiele in der Verteidigung, wie in der Vorrunde gegen Spanien (22:30) oder bei der Blamage gegen Frankreich (26:36) im Spiel um Platz drei. Trotzdem konnte Brand in Sachen Torverhinderung insgesamt zufrieden sein.

Ganz anders verhielt es sich in der Offensive, wo der 55-Jährige arge Defizite ausmachte. Zwar konnte sich Brand auf seinen Spielmacher Baur verlassen, der 16 von 19 Siebenmeter verwandelte, doch ist das Verhalten in der Vorwärtsbewegung blieb eindeutig die Achillesverse im deutschen Spiel. Die etatmäßigen Rückraumschützen Pascal Hens (links) und der starke Holger Glandorf (rechts) warfen zwar zusammen 67 Tore, in den entscheidenden Partien entwickelte der Rückraum aber zu wenig Druck.

"Im Angriff eines der schlechtesten Turniere"

Zwingende Anspiele an den Kreis waren daher zu selten möglich. So kämpften Andrei Klimovets und Sebastian Preiß zwar bravurös, 30 Turnier-Tore reichten für einen Medaillengewinn aber nicht aus. "Diese EM war im Angriff eines unserer schlechtesten Turniere überhaupt", brachte Baur die Misere auf den Punkt.

Etwas freundlicher stellte sich die Situation auf den Außenpositionen dar. Rechts stellte die DHB-Auswahl sogar den EM-Besten: Kehrmann (32 Tore) profilierte sich als agiler und treffsicherer Torjäger und wurde mit der Nominierung für das Allstar-Team belohnt. Sein Pendant auf der anderen Seite, Torsten Jansen (23), spielte eine passable Europameisterschaft, auch wenn bei ihm noch genug Luft nach oben bleibt.

"Bis auf die Torwart-Position haben wir in allen Bereichen größere oder kleinere Baustellen. Wir müssen auch noch eine größere individuelle Stärke entwickeln, wie zum Beispiel Oleg Velyky sie hat. Die Franzosen zum Beispiel machen dadurch immer wieder leichte Tore", zog Brand, der nur mit dem Team- und Kampfgeist vollauf zufrieden war, Bilanz.

"Bundesliga bietet nicht viele Möglichkeiten"

Doch der Bundestrainer wird auch seine Taktik hinterfragen müssen. So war doch sehr auffallend, wie schwer sich die Mannschaft vor allem im Rückraum tat, wenn der Gegner mit einer offensiven 5:1-Deckung zu Werke ging. Über Alternativen auf bestimmten Positionen wird ebenfalls zu Reden sein. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele "werde ich mehr Konkurrenz-Situationen im Kader schaffen. Mir ist aber klar, dass das schwer wird, denn sehr viele Möglichkeiten bietet die Bundesliga da momentan nicht", erklärte Brand.

"Wir haben gute Erfahrungen gesammelt. Es war ein Turnier zum Stabilisieren, aber nicht, um Fortschritte gegenüber der WM zu erwarten", betonte der Bundestrainer weiter. Sein Kapitän wollte von einem Fehlschlag ebenfalls nichts wissen und hob die positiven Aspekte heraus: "Wir sind in die Top vier gekommen", stellte Baur fest und verbreitete schon wieder Optimismus für die Olympischen Spiele in Peking, denn "wir gehen mutig ins nächste Turnier."

Tobias Laure / Eurosport

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